Ein Denkmal für den Teufel

Satanisten streben weltweit immer stärker in den öffentlich Raum. Das ist eine Bedrohung für Gesellschaft und Kirche. Von Stefan Meetschen

Der umgekehrte fünfzackige Stern spielt bei satanischen Sekten eine große Rolle. Die Hörner an der Spitze stellen Satan dar. Foto: dpa
Der umgekehrte fünfzackige Stern spielt bei satanischen Sekten eine große Rolle. Die Hörner an der Spitze stellen Satan ... Foto: dpa

Dass es Menschen gibt, die ihr Leben und ihre Seele freiwillig dem Teufel weihen und damit den Weg in die ewige Verdammnis wählen, mag gerade Christen, den Experten des Lichts, absurd erscheinen, doch es gibt sie. Und sie fungieren nicht nur als verirrte Privatpersonen, sondern organisiert in Logen und Zirkeln. Jemand, der viel darüber weiß, ist der italienische Exorzist Gabriele Amorth, der in seinem Buch „Memoiren eines Exorzisten – Mein Kampf gegen Satan“ deutlich macht, dass satanisches Wirken und dämonische Besessenheit in vielen gesellschaftlichen Kreisen vorkommen. Allein in Italien, so schätzt der 88-jährige Pater und Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung der Exorzisten, liege die Zahl satanischer Sekten bei mehr als 800. Mit jeweils 15 bis 20 Mitgliedern.

Amorth ist kein Geschichtenerzähler. Nach eigenen Angaben hat er in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 70 000 exorzistische Sitzungen abgehalten, um Menschen aus den Fängen der Dämonen und satanischen Sekten zu befreien. Ein Gebetsdienst, der weder in der Kirche noch in der Gesellschaft besonders anerkannt wird, denn nach den Regeln des Zeitgeistes ist für den Teufel, den Gegenspieler Gottes, so gut wie kein Raum mehr vorgesehen. Stattdessen, so beklagt sich Pater Amorth, werden die Exorzisten, also ausgerechnet diejenigen, die im Vertrauen auf Jesus Menschen aus den Gefilden des Dunkeln befreien, als „Kriminelle“ betrachtet. Eine Verdrehung der Tatsachen, die man als modernen Teufelsbeweis interpretieren könnte.

Doch die reale kriminelle Energie lauert auf der Gegenseite. Ist es doch mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass die verschiedenen Spielarten des Satanismus eng mit ritueller Gewalt an Kindern verbunden sind. So berichtete die Münsteraner Sektenexpertin Brigitte Hahn unlängst gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA vom engen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Gewalt in satanischen Sekten. Demnach empfinden diese Sekten sich „als auserwählte Rasse und Elite der Gesellschaft, die Satan huldigt. Alle Rituale geschehen zu dessen Ehren. Im Zentrum steht dabei die Gewalt: Je mehr Leid und Gewalt jemand erträgt, desto näher kommt man Satan. Entsprechend dieser Ideologie gibt es Zeremonien, bei denen schon Kinder extremer sexualisierter und anderer Gewalt ausgesetzt sind.“

Damit nicht genug. Hahn warnt, dass Satanisten, die im Alltag nicht auffallen und sich zumeist hinter einer „völlig bürgerlichen Existenz“ verstecken, in zunehmendem Maße auch um politischen Einfluss bemüht seien. „Satanistische Sekten haben die Vernichtung unserer demokratisch-christlichen Werteordnung zum Ziel“, ist die mutige Sektenexpertin, die in den Bistümern Essen, Münster und Osnabrück einen „Arbeitskreis Rituelle Gewalt“ leitet, überzeugt. Eine Diagnose, mit der gewisse Sekten, so etwa die „Church of Satan“ (Kirche Satans) in den Vereinigten Staaten, seit längerer Zeit kokettieren. Diese 1966 von dem ehemaligen Polizeifotografen Anton Szandor LaVey in San Francisco gegründete Organisation, die offenbar besonders auf Künstler wie Marilyn Manson oder Marc Almond, die ihre Mitgliedschaft öffentlich zugeben, eine besondere Anziehungskraft besitzt, gilt als die führende Schaltstelle des internationalen Satanismus, was auch damit zusammenhängt, dass ihr Gründer, der 1997 im Alter von 67 Jahren verstarb, eine eigene „Satanische Bibel“ verfasste, die das aus Hedonismus und Sozialdarwinismus, Friedrich Nietzsches und Aleister Crowleys Schriften gemischte „Credo“ der Organisation bis heute bestimmt und auch für andere Zweige des Satanismus Vorbildcharakter besitzt.

Dazu hat die Sekte in den vergangenen Jahren ein Programm (Church of Satan Policy on Politics) verfasst, das die Haltung zur Politik genau regelt. Oder so genau, wie es für eine Organisation, die ihren Dienst dem großen „Verwirrer“ widmet, wie die Bibel den Satan nennt, angemessen erscheint. Denn einerseits begreift sich die „Kirche Satans“ als apolitisch und offen für „Libertäre, Liberale, Konservative, Republikaner, Demokraten, Reform-Party-Mitglieder, Unabhängige, Kapitalisten, Sozialisten, Kommunisten, Stalinisten, Leninisten, Trotzkisten, Maoisten, Zionisten, Monarchisten, Faschisten, Anarchisten“ und so ziemlich alles andere. Andererseits benennt der derzeitige Leiter und „Hohepriester“ der Organisation, Peter Howard Gilmore, eindeutig politische Ziele der Bewegung: „Das Prinzip des Überlebens der Starken sollte auf allen Ebenen der Gesellschaft befürwortet werden, vom Einzelnen, der stehen oder fallen kann, bis hin zu den Nationen, die die Konsequenzen aus der Unfähigkeit ziehen müssten, ihr Geschick nicht lenken zu können.“

Sogar ein eigenes politisches Fünf-Punkte-Programm, den sogenannten „Pentagonalen Revisionismus“, hat sich die „Kirche Satans“ gesteckt, was wahnsinnig klingt, aber – niemand sage der Teufel sei dumm – Methode hat. Unter Punkt eins heißt es dort: „Es kann keinen Mythos der ,Gleichheit‘ aller mehr geben – das übersetzt sich zu ,Mittelmäßigkeit‘ und unterstützt die Schwachen auf Kosten der Starken.“ Unter Punkt zwei steht: „Strikte Besteuerung aller Kirchen.“ Während bei Punkt drei – man beachte die Überschneidung zum modernen Atheismus und Laizismus – unterstrichen wird: „Keine Duldung, dass Religiöses verweltlicht und in staatliche Gesetze eingebracht wird.“ Punkt vier hingegen betont den Einsatz für eine skrupellose Medien- und Unterhaltungspolitik sowie das Klonen mit der Intention der Sklaverei: „Entwicklung und Produktion künstlicher menschlicher Partner – die verbotene Industrie. Ein wirtschaftliches ,Geschenk des Himmels‘, das jedermann ,Macht‘ über jemand anderen einräumt. Höfliche, raffinierte, technisch durchführbare Sklaverei. Und die den meisten Profit versprechende Industrie seit dem Fernsehen und dem Personalcomputer.“ Während Punkt fünf, im Vergleich zu den vorderen Punkten fast schon harmlos klingt, wäre darin nicht der rituelle Gewaltcharakter impliziert: „Die Möglichkeit für jedermann, in einer abgeschlossenen Umwelt zu leben, die er sich auswählt, mit verbindlichen Standards in Ästhetik und Regeln.“

Soweit die „Church of Satan“, der man im Unterschied zu vielen anderen satanischen Sekten immerhin bescheinigen kann, dass sie ihre üblen-okkulten Karten offen auf den Tisch legt, was bei anderen Gruppierungen nicht unbedingt der Fall ist. Man agiert verdeckt, getreu der ursprünglichen Wortbedeutung des Wortes „okkult“, welches verborgen heißt. Was in den unendlichen Weiten und Abgründen des Internets natürlich zu allerlei Verschwörungstheorien geführt hat. Gerade Politiker, die bei Reden ihre Hand mit dem gestreckten Zeigefinger und dem kleinen Finger rhetorisch geschickt einsetzen, und somit nach Meinung der berufenen Deuter, das Horn des Teufels bilden, wird in diversen virtuellen Foren gern eine Mitgliedschaft in satanischen Zirkeln unterstellt. Träfe diese Behauptung zu, wäre praktisch die komplette politische Elite des Westens inklusive des Dalai Lama und Prinz Charles, von Popstars wie Madonna und Lady Gaga gar nicht zu reden, in einen dunklen satanischen Weltherrschafts-Komplott verwickelt – außer, dies vielleicht zur Beruhigung, Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren handgeformte Raute von den Verschwörungs-Detektiven bislang noch nicht als verdächtiges satanisches Kennzeichen eingestuft wurde.

Doch möglicherweise hat das semiotisch-satanische Rätselraten bald ein Ende. So berichtet „Spiegel-Online“ aktuell, dass eine satanische Sekte aus New York, die unter dem Namen „Satanic Temple“ (Satanischer Tempel) ihr Unwesen treibt, ausgerechnet vor dem Parlamentsgebäude von Oklahoma City (Bundesstaat Oklahoma) dem Teufel ein zwei Meter hohes, öffentliches Denkmal setzen möchte. Direkt neben einer Steintafel, welche die Zehn Gebote darstellt. Mit einem Motiv, das angesichts von Brigitte Hahns Hinweisen zu ritueller Gewalt im Kontext des Satanismus nur als perfide gelten kann: Ein gehörnter Dämon mit Widderkopf, in der Fachsprache „Baphomet“, der unter einem Pentagramm thront und zwei freundlich blickende Kinder an seiner Seite hat. Wie Lucien Greaves, ein Sprecher der Gruppe, sagt, soll es künftigen Besuchern möglich sein, im Schoß der Statue zu sitzen, um sich mit dem Dämon „gemeinsam fotografieren“ zu lassen. Kindern soll „Baphomet“ eine „interaktive Spielmöglichkeit“ bieten. Was die geistliche Perversion auf die Spitze treibt.

Erwartungsgemäß gibt es bei den christlichen Abgeordneten und Repräsentanten Oklahomas Protest gegen diese Absicht, da nur Denkmäler errichtet werden dürften, welche das christlich-jüdische Wertesystem verkörpern. Doch der Teufel steckt nicht nur im Detail, sondern auch im pluralistischen Wertesystem. Ausgerechnet eine Bürgerrechtsorganisation unterstützt das Anliegen der Teufelsbrüder und -schwestern, weil die amerikanische Verfassung angeblich die freie Ausübung der Religion inklusive des Satanismus garantiere.

Doch handelt es sich beim Satanismus im Lichte der Reflexionen von Pater Amorth und Brigitte Hahn wirklich um eine schützenswerte Religion? Ist er nicht vielmehr ein kriminell-destruktiver Kult, vergleichbar dem Antisemitismus, der sich in aggressiver Weise der positiven Glaubensinhalte des Christentums als blasphemischer Zielscheibe bedient? Lässt sich der immer unverhohlener auftretende satanische Hass nicht auch an den zahlreichen Schändungen ablesen, von denen viele christliche Kirchen allein in Deutschland während der vergangenen „stillen Tage“ betroffen waren?

So berichtet – einer Auflistung des Publizisten Josef Bordat zufolge – die Zeitung „Bauzener Bote“, dass in Wittichenau Unbekannte an einem Kruzifix den Kopf des Gekreuzigten abschlugen. Auch in Viernheim wurde ein Kruzifix zerstört. Der Kopf des Gekreuzigten wurde abgeschlagen, die Arme eingedrückt. Dies meldet das „Nachrichtenportal Rhein Neckar“. In Rostock hingegen wurden zwei Fenster, die Verglasung am Haupteingang sowie die Glasüberdachung des Haupteinganges einer Kirche durch Steinwürfe beschädigt. Quelle: „Rostock heute“. In Brilon haben Unbekannte zwei Scheiben der Probsteikirche beschädigt. Das meldet das „Presseportal der Polizeibehörde des Hochsauerlandkreises“, während das „Polizeipräsidium Südhessen“ Zeugen sucht, die einen Anschlag auf die Mauer um die katholische Kirche in Groß-Umstadt beobachtet haben. Vermutlich mit einer Axt, so heißt es, habe der Täter zahlreiche Kerben in den Sandstein der Mauer geschlagen. In der katholischen Kirche in Nistertal ist es nach Angaben des „Westerwald-Kuriers“ zu Sachbeschädigungen gekommen, als mehrere Figuren des Krippenspiels umgeworfen wurden.

Vermutlich sind an derartigen Aktionen, die von manchen Medien schnell als „Unfälle“ verharmlost werden und es kaum in die Headlines der überregionalen Zeitungen schaffen, nicht immer ausgewiesene Satanisten beteiligt – doch es ist der gleiche Geist des Hasses, der bei diesen Zerstörungsaktionen wie auch bei der Schändung von christlichen Friedhöfen zutage tritt. Ein Geist, vor dem der katholische Katechismus zu Recht warnt und den man nicht verharmlosen oder verdrängen darf. Heißt es dort doch: „Die Schrift bezeugt den unheilvollen Einfluss dessen, den Jesus den ,Mörder von Anfang an‘ nennt (Joh 8, 44) und der sogar versucht hat, Jesus von seiner vom Vater erhaltenen Sendung abzubringen. ,Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören‘ (1 Joh 3, 8). Das verhängnisvollste dieser Werke war die lügnerische Verführung, die den Menschen dazu gebracht hat, Gott nicht zu gehorchen.“ (KKK 394)

Zum Glauben der Katholiken gehört demnach nicht nur der Glaube an die Existenz des Teufels, sondern auch der Sieg Jesu über ihn. „Satan ist auf der Welt aus Hass gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt.“ (KKK 395)