Ein Blick in den Abgrund

Ein Verbrechen ist geschehen. So schrecklich, so grauenvoll, dass es uns die Sprache verschlägt. 24 lange Jahre sperrte ein Mann seine Tochter in ein Kellerverlies ohne Tageslicht, quälte und vergewaltigte sie, zeugte mit ihr sieben Kinder. Sogar die Politiker, die sonst jede passende und unpassende Gelegenheit nutzen, sich ins Licht der Kameras zu rücken, brauchten Tage, um über den Kriminalfall von Amstetten zu streiten.

Von den Medien erwartet niemand, dass sie angesichts des Unsäglichen tatsächlich sprachlos werden. Information ist primäre Aufgabe der Medien. Doch wenn Magazine auf den Voyeurismus ihres Publikums setzen und Fotos der Opfer unverzerrt veröffentlichen, werden ethische und rechtliche Grenzen überschritten. Wer die Opfer, die jahre- und jahrzehntelang in einen Keller gesperrt waren, nun auf die hell ausgeleuchtete Bühne der Öffentlichkeit zerrt, raubt ihnen auch noch die Chance auf eine „normale“ Zukunft.

Seit Tagen wird Amstetten belagert von Fernsehteams und Reportern aus aller Welt. Jeder wird zu allem befragt. Schuldige werden gesucht. Spekulationen werden geschürt. Manche meinen, aus dem singulären Kriminalfall einen „Fall Österreich“ machen zu können: So schrieb die slowenische Zeitung „Delo“, Österreich müsse sich fragen, was einige in einer reichen Gesellschaft dazu verleite, derart kranke Fantasien zu verwirklichen. Der Züricher „Tages-Anzeiger“ sieht die Schuld bei weltlichen und geistlichen Autoriäten: „Im erzkatholischen Niederösterreich sind Worte wie Zivilgesellschaft und Eigenverantwortung noch immer fremd.“ Die Turiner Zeitung „La Stampa“ meinte, dass nur in Österreich „Wahnsinn jahre-, jahrzehntelang mit stiller, bürokratischer Ausdauer lodern“ könne. In „diesem Josef F.“ stecke „etwas ungeheuerlich und einzigartig Österreichisches“.

Diese Übertragung individueller Schuld auf ein Kollektiv ist nicht nur rassistisch, sondern unbegründet: Im Gegensatz zum belgischen „Fall Dutroux“ gibt es im „Fall Josef F.“ keine Komplizen, keinerlei Netzwerk, sondern einen Einzeltäter, der eine ganze Familie jahrzehntelang brutal misshandelte und terrorisierte. Vor allem aber ist eine solche Kollektivierung der Schuld eine gefährliche Verharmlosung: Legen wir eine ganze Nation auf die Psycho-Couch, um nicht in die Abgründe einer Seele blicken zu müssen? Keine auf einen Moment beschränkte Tat, so bestialisch sie sein mag, lässt uns die Wirklichkeit des Bösen so sehr spüren, wie diese akribisch organisierte, systematische, jahrzehntelange Folter der eigenen Angehörigen. Im Diabolischen dieses Falles begegnet uns das Abgründige des gefallenen Menschen.

Juristisch geht es nun um Vergewaltigung, Inzest, schwere Nötigung, Missbrauch, Freiheitsberaubung sowie – im Fall eines Zwillingsbabys – um Mord durch unterlassene Hilfeleistung. Politisch geht es darum, nach möglichen Gesetzeslücken zu suchen, ohne sich aktionistisch auf eine Anlass- und Betroffenheitsgesetzgebung einzulassen. Gesellschaftlich geht es um Sensibilisierung, aber auch darum, falsche Schlüsse zu vermeiden. Schon ergreifen Kommentatoren das Wort, die „die traditionell-autoritäre Familie“ für verdächtig erklären und den „pater familias“ zum Feindbild stilisieren. Nein, Josef F. war kein „pater familias“, denn er hat in dämonischer Weise alles mit Füßen getreten, was Familie ausmacht. Familie ist der Schutzraum selbstloser Liebe. Das Verlies von Amstetten war das Gegenteil davon. sb