Drogenmafia erpresst Priester

Mexiko: Geistliche werden Opfer der organisierten Kriminalität – Bischöfe: Zahl der Drohungen nimmt täglich zu Von Tobias Käufer

Mexiko-Stadt (DT/KNA) Schutzgelderpressungen, Überfälle und eindeutige Drohungen: Mexikanische Priester sind flächendeckend zur Zielscheibe der ebenso mächtigen wie brutalen Drogenmafia geworden. Vereinzelte Meldungen gab es in der Vergangenheit immer wieder. Doch nun offenbarten führende Kirchenvertreter die Dimension der Erpressungen: Etwa 5 000 Pesos (umgerechnet rund 300 Euro) müssten katholische Geistliche an kriminelle Banden zahlen, teilte die Mexikanische Bischofskonferenz am Dienstag (Ortszeit) mit; im Gegenzug wollten die Erpresser auf körperliche Angriffe verzichten und die Geistlichen am Leben lassen.

Der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Bischof Victor Rene Rodriguez Gomez, berichtete der Tageszeitung „El Universal“, die Zahl der Drohungen nehme fast täglich zu. Offenbar habe die Drogenmafia die Priester wegen ihrer überschaubaren, aber dafür zuverlässig eintreffenden Gehälter als neue Einnahmequelle ausgemacht und übe nun gezielt Druck aus. Augenscheinlich sind die Drohungen erfolgreich. In der Diözese Guadalajara steigen mittlerweile die Forderungen deutlich an. „Die Beträge, die dort verlangt werden, erhöhen sich mittlerweile auf 10 000 oder gar 50 000 Pesos“ – umgerechnet 600 bis 3 000 Euro –, erzählt Rodriguez. Einige Lokalzeitungen berichten sogar über Drohungen der Mafia, Kirchen zu besetzen und Massaker unter den Gläubigen anzurichten. Es seien schon Gotteshäuser weiträumig mit Straßensperren abgeriegelt worden – offenbar, um den Forderungen der Erpresser Nachdruck zu verleihen. Ein Bischof habe Gottesdienste daraufhin bis auf weiteres untersagt. Aus Angst hätten die Kirchenvertreter bislang geschwiegen, schreibt das Blatt „Informador“. „Wir leben in Ungewissheit, in Furcht und ohne irgendwelche Hilfe. Auch die Regierung gibt keinerlei Garantieen für die Bürger“, beschreibt der Priester Alberto Monjaras aus der Diözese Nuevo Laredo die Lage frustiert. Die Schutzgelderpressungen richten sich allerdings nicht nur gegen katholische Geistliche. Auch der Präsident des Dachverbandes evangelikaler Gemeinden Mexikos, Arturo Farela, bestätigt ähnliche Fälle. Es gebe „zahlreiche kirchliche Kräfte, die bezahlen müssen“. Landesweit werden Geistliche und Gläubige aller Konfessionen zu Opfern: In der Provinz Michoacan sollen während eines örtlichen Patronatsfestes Mitglieder der Drogenmafia von den Gläubigen Geld für eine „Lizenz“ verlangt haben. In Tamaulipas werden aus Angst vor Überfällen auf die Priester oder die Gottesdienstbesucher bereits keine Abendgottesdienste mehr gefeiert. In der Stadt Ciudad Juarez an der Grenze zu den Vereinigten Staaten, wo der Drogenkrieg besonders heftig wütet, sollen mehr als 100 Helfer evangelikaler Kirchen aus Angst vor den Drohungen geflüchtet sein. Bei Staatspräsident Felipe Calderon soll die Information über die massiven Drohungen gegen die führenden Mitarbeiter der religiösen Glaubensgemeinschaften noch nicht angekommen sein, heißt es. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich viele Bedrohte gar nicht erst an die Polizei wenden, sondern entweder fliehen, bezahlen oder sich auf Gottes Hilfe verlassen. Die mexikanischen Bischöfe wollen nun Calderon um Hilfe bitten. Das Klima der Angst bringt täglich neue Gerüchte hervor. Im Bundesstaat Jalisco soll es bereits seit zehn Jahren Drohungen gegen Priester geben. In diesem Zeitraum starben drei Geistliche bei mysteriösen Unglücken. Nun fragen sich viele, ob es wirklich Unfälle waren.

Neben dem Kampf gegen die Drogenkartelle sieht sich die katholische Kirche in Mexiko auch bei einem anderem Thema politisch herausgefordert. Nach dem jüngsten Urteil zum Adoptionsrecht homosexueller Paare hat Kardinal Juan Sandoval Iniguez schwere Vorwürfe gegen den Obersten Gerichtshof erhoben. „Ich habe keinen Zweifel, dass die Richter Geld von Bürgermeister Marcelo Ebrard erhalten haben“, zitiert die Tageszeitung „Tiempo“ (Dienstag) den Kardinal. Er glaube nicht, dass die Richter mit dieser Entscheidung den Willen des mexikanischen Volkes widerspiegelten. Ihre Motivation sei vor allem Geld gewesen. Der Regierungschef des Bundesdistrikts Mexiko-Stadt, Ebrard, forderte den Kardinal daraufhin auf, die Vorwürfe binnen 24 Stunden zu belegen oder zurückzutreten. Das lokale Parlament von Mexiko-Stadt hatte im Dezember Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Partner erlaubt und gestattet, dass diese auch Kinder adoptieren dürfen. Das Oberste Gericht des Landes hatte diese Entscheidung nun bestätigt.