„Diese Region hatte immer weniger an Geografie als an Geschichte“

Mazedoniens christdemokratischer Außenminister Antonio Milososki will sein Land in die Europäische Union führen

Besteht die Aussicht, dass Griechenland seine derzeitige Blockadehaltung gegen den Beitritt Mazedoniens zur NATO und zur EU aufgibt?

Im Moment gibt es keine Anzeichen dafür, dass Griechenland etwas ändern will, weil dieser unverantwortliche Einsatz gegen Mazedonien Griechenland nichts kostet. Mazedonien ist nicht das einzige Opfer dieser Politik: Die Glaubwürdigkeit der Europäischen Union ist in Geiselhaft genommen, weil Griechenland mit irrationalen Vorwürfen Mazedonien blockiert. Das ist nicht die erste Erfahrung mit Blockade seitens Griechenlands. Anfang der 90er Jahre, als sich Jugoslawien zersplitterte und Mazedonien seine Unabhängigkeit wählte, verhängte Griechenland ein Handelsembargo. Ich glaube, Europa sollte eine Entscheidung treffen: ob bilaterale Fragen wichtiger sind oder die Vision des vereinten Europa.

Umgekehrt scheint die EU erpressbar zu sein durch ihre Staaten: Slowenien blockiert den Beitrittsprozess Kroatiens wegen einer bilateralen Frage, Griechenland jenen Mazedoniens.

Es passiert zum ersten Mal in der Geschichte, dass ein Land einem kleineren Nachbarland verbietet, seinen Namen zu benutzen. Auch zwischen Slowenien und Kroatien geht es um eine Kleinigkeit: Weil Europa grenzenlos ist, macht ein Streit um Seegrenzen keinen Sinn. Aber wegen des Namens zu streiten, das ist absurd. Wir wollen eine europäische Lösung finden. Gibraltar ist eine Frage zwischen Madrid und London, aber Großbritannien hat deshalb nicht den NATO- oder EU-Beitritt Spaniens blockiert.

Was ist Athens Motiv? Das offizielle Argument, Mazedonien würde mit seinem Namen einen Gebietsanspruch auf einen Teil Griechenlands erheben, ist angesichts der militärischen Kräfteverhältnisse abwegig.

Wir sind eine Nation, die an den Frieden glaubt. In den 18 Jahren seiner Unabhängigkeit hat Mazedonien nie die Sicherheit Griechenlands gefährdet. Athen hat Anfang der 90er Jahre unsere Unabhängigkeit nicht akzeptiert. Der Namensstreit war ein Mittel, um zu erreichen, dass Mazedonien nicht selbstständig wird, sondern in einem serbischen Staat unter Milosevic bleibt. Doch diese Frage ist so tief in der griechischen Politik verankert, dass es heute für die griechischen Politiker nicht einfach ist, ihr Gesicht zu wahren. Ein wesentlicher Unterschied zwischen unseren Ländern ist: In Mazedonien haben wir einen inklusiven Einsatz gegenüber unserer Geschichte, den Volksgruppen, Kulturen, Religionen. Wir sind nicht ideal, aber wir versuchen, eine Gesellschaft mit gleichen Möglichkeiten für alle Bürger zu sein. Griechenland glaubt an das alte und gefährliche Konzept von einer Nation: ein Staat mit einer Konfession, einer Sprache, einer Kultur, einer Geschichte. Aber im Norden Griechenlands existieren eine türkische, eine albanische und eine mazedonische Minderheit. Der Streit um unseren Namen ist ein Mittel, um der mazedonischen Minderheit in Griechenland zu schaden. Und es gibt seitens Griechenlands den Wunsch, den kleineren Nachbarn zu unterdrücken.

Mazedonien will in EU und NATO. Griechenland ist in beiden Organisationen. Welches Kompromiss-Angebot hätten Sie für Athen?

1995 haben Athen und Skopje ein Interimsabkommen unterschrieben, wo steht, dass Griechenland Mazedonien nicht in regionalen oder internationalen Organisationen blockieren darf, wenn Mazedonien zugesteht, dass diese Organisationen uns unter dem Namen „Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM)“ aufnehmen. So ist es geschehen beim Europarat, der OSZE, der Weltbank und der Welthandelsorganisation. Aber beim NATO-Gipfel in Bukarest hat Griechenland dieses Abkommen verletzt. Deshalb haben wir eine Klage beim internationalen Gerichtshof in Haag eingebracht. Wir brauchen nichts mehr oder weniger als Gerechtigkeit.

Ihr Verhältnis zu Serbien war immer schwierig. Ist es nun komplizierter, nachdem Skopje die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannte?

Das hat uns einige Schwierigkeiten gemacht. Serbien ist emotionell mit dem Kosovo verbunden; wir haben eine reale Verbindung mit dem Kosovo und mit Serbien. Wir haben Anfang der 90er Jahre selbst um unsere Anerkennung gekämpft und wissen, was es bedeutet, wenn ein Nachbarland gegen die Anerkennung eines Landes arbeitet. Uns ist schon klar, was Serbien gegenüber Kosovo in der Zukunft machen wird. Aber 25 Prozent der Einwohner Mazedoniens sind Albaner, und das Zusammenleben mit den Albanern ist eine Säule des Hauses Mazedonien. Das war uns wichtiger als eine emotionelle Reaktion aus Serbien. Das hat kurz gedauert: Unser Botschafter in Belgrad wurde zur persona non grata erklärt und nach Hause geschickt. Aber bald sagte der serbische Präsident: Was geschah, liegt hinter uns.

War die Anerkennung des Kosovo für den inneren Frieden in Mazedonien notwendig?

Nicht nur für den inneren Frieden, sondern auch für das Verständnis dessen, was uns hier in Mazedonien wichtig ist. Wir verteidigen unsere nationale und sprachliche Identität. Wir haben auch Verständnis für unsere albanischen Mitbürger. Für sie ist es wichtig, dass die albanische Identität im Kosovo von Mazedonien nicht nur anerkannt wird, sondern dass Mazedonien auch aktiv eine Mithilfe für das Kosovo leistet. Viele Dinge mögen sich in der Zukunft ändern, aber eines wird immer bleiben: die Nachbarschaft. Wir werden immer Nachbarn Griechenlands, Serbiens, Albaniens, des Kosovo, Bulgariens sein.

Wird Kosovo ein Faktor der Stabilität in der Region sein? Manche fürchten hier Träume eines von Kosovo geführten Groß-Albanien.

Die Kosovaren müssen verstehen, dass die Anerkennung der Unabhängigkeit eines Staates weniger eine Privilegierung bedeutet als vielmehr Verantwortung. Jeder muss wissen, dass die Zukunft unserer Region in der Integration Europas liegt. Wenn sich Europa eint, hat es keinen Sinn, von nationalen Groß-Staaten zu sprechen. Diese Region hatte immer weniger an Geografie als an Geschichte. In dieser Region ist nur eine große Idee möglich, nämlich das große Europa.

Fühlen sich die in Mazedonien lebenden Albaner hier beheimatet oder gibt es noch eine Sehnsucht, sich albanisch zu vereinen?

Mazedonien arbeitet hart daran, eine Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle zu schaffen. In den 18 Jahren seit der Unabhängigkeit gab es keine Regierung ohne Beteiligung einer Albaner-Partei. Dieses Land bietet jedem Bürger eine Mitwirkung. Wenn es nach den EU-Kriterien geht, haben wir gute Chancen, dass Mazedonien als nächstes Land nach Kroatien in die EU aufgenommen wird. 85 Prozent unserer Bürger sind für die EU-Vollmitgliedschaft.

In Brüssel fürchtet man nach den Beitritten Rumäniens und Bulgariens neue Belastungen.

Mazedonien bringt einen Mehrwert in die Europäische Union: eine multiethnische Gesellschaft und funktionierende Demokratie. In Europa wird die Frage des Zusammenlebens verschiedener Kulturen immer aktueller, deshalb könnte das Modell Mazedonien von Bedeutung sein. Die Sowjetunion hat für Rumänien und Bulgarien eine große Belastung bedeutet. Das war in Jugoslawien anders: Es war natürlich keine Demokratie, sondern Sozialismus, aber doch mit menschlichem Gesicht. Wir waren schon damals näher am Westen, so dass Mazedonien im europäischen Zusammenleben gut seinen Platz finden könnte.

Es gibt in Brüssel Ideen, die Region als Ganze an die EU heranführen. Das bremste schon den Beitrittsprozess Kroatiens. Könnte das auch den Beitritt Mazedoniens verzögern?

Das ist eine Kosten-Nutzen-Analyse: Griechenland wurde 1981 Mitglied der damaligen EG. Ich kann nicht beurteilen, ob es demokratisch, rechtsstaatlich und wirtschaftlich so weit war. Aber Europa meinte, diese Kritierien seien leichter und schneller zu erreichen, wenn das Land Mitglied ist. Es ist gut, wenn mehrere Ideen in Umlauf sind, aber wichtiger ist, dass ein oder zwei entwickelte Länder aufgenommen werden. Dadurch wird sichtbar, dass der Kampf gegen die Korruption, für den Rechtsstaat und die Toleranz sich lohnen. Europa ist ein Projekt des Friedens. Weil der Friede in unserer Region in den vergangenen Jahrzehnten oft gefehlt hat, deshalb sind wir noch mehr bemüht, schnell zur europäischen Einigung zu kommen.

In Mazedoniens Nachbarschaft sind extrem nationalistische Politiker erfolgreich. Kann die Aufnahme dieser Länder in die EU die Atmosphäre in ganz Europa vergiften?

Der Nationalismus ist immer eine Gefahr für Europa, auch in jenen Ländern, die bereits EU-Mitglieder sind. Ich habe in Aachen gelebt und dort erfahren, was es bedeutet, frei über Grenzen zu fahren und keinen Pass zu brauchen. Man kann dort noch Panzersperren aus früheren Zeiten sehen. Das wurde überwunden. Der Nationalismus findet immer eine Ecke, aber er ist keine Gefahr mehr. Was in Europa funktioniert hat, wird auch auf dem Balkan funktionieren. Wenn auch mit Verspätung.