München / Freiburg

Die nachkonziliare Liturgiereform: "Heilige Handlung"

Die nachkonziliare Liturgiereform wird am 3. April 50. Eine Reform der Liturgiereform ist derzeit nicht in Sicht. Ein Interview.

Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland und der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping
Interview Foto: G.Nitschke

Herr Professor Haunerland: Als Paul VI. die Apostolische Konstitution Missale Romanum veröffentlichte, hofften manche auf ein Ende des liturgischen Experimentierens. Hat sich diese Hoffnung erfüllt?

W. H.: Eigentlich begann damals im deutschen Sprachgebiet eine Phase der Erprobung mit den Studientexten. Es hat noch fünf Jahre gedauert, bis 1975 die authentische Ausgabe des deutschen Messbuches erschien. Vieles hat sich beruhigt. Wenn ich heute mit Studenten über Manches, was in den 1970er Jahren denkbar war, spreche, sagen sie: Das können wir uns gar nicht vorstellen.

H.H.: Zunächst kam es zu einem gewissen Ende des Experimentierens. Denn es wurde das Altarmessbuch von 1965 benutzt. Dann wurden weitere Veränderungen vorgenommen, und es war nötig, mit vorläufigen Texten zu arbeiten. Die gegenwärtige Situation sehe ich anders als Kollege Haunerland. Es ist heute keineswegs mehr selbstverständlich, dass sich Priester an die liturgische Ordnung, das heißt die Riten und die Texte des Messbuchs halten. Oft sind zum Beispiel die Orationen selbstgestrickt oder man bedient sich bei anderen Konfessionen.

Lässt sich das genauer verorten?

W.H.: Wir haben leider keine belastbaren quantitativen Zahlen und müssen hier tatsächlich mit großen Unterschieden rechnen. Eine Untersuchung der Uni Würzburg hat bestätigt, dass es Normabweichungen gibt, sie sagt aber nichts Belastbares zur Frage, ob bestimmte Gebiete, bestimmte Diözesen oder pastorale Kontexte häufiger oder weniger häufig betroffen sind. Hier in München ist in vielen Bereichen die Verwendung des Messbuches selbstverständlich, auch wenn mich überrascht, welch kreative Sonderwege der ein oder andere geht. Insofern bin ich da wirklich sehr unsicher.

Wie bewerten Sie solche kreativen Sonderwege?

H.H.: Die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum concilium“ legt fest, dass niemand, und sei er auch Priester, das Recht hat, der Liturgie etwas hinzuzufügen, sie zu verändern oder etwas wegzunehmen. Wenn man bedenkt, dass jeder Katholik einen rechtlichen Anspruch auf einen den Vorschriften gemäß gefeierten Gottesdienst hat, fragt man sich, was Priester dazu bewegt, die eindeutige Bestimmung des Konzils zu ignorieren. Manche geben vor, zu einer besseren Einsicht gelangt zu sein. In einer Zeit, in der viel von Klerikalismus die Rede ist, und bekanntlich existieren verschiedene Spielarten desselben, wage ich die These, dass in Ritus- und Textabweichungen eine gewisse priesterliche Selbstherrlichkeit zum Ausdruck kommt: Man meint es besser zu wissen als die Konzilsväter und die Experten der Liturgiereform.

W.H.: Um es klar zu sagen: Ich bin kein Freund von selbstgemachten Gebeten und noch weniger von selbstgemachten Hochgebeten. Aber viele Priester leiden darunter, dass sie den Eindruck haben, dass das, was sie tun, begründungspflichtig ist. Von daher meinen sie, sie müssten es so tun, dass es gleichsam in sich selbst nochmal begründet wird. Der Weg ist problematisch, aber was sie motiviert, ist ein bestimmtes Gefühl, dass eine bestimmte Selbstverständlichkeit, sich in den Ritus hineinzubegeben, in unserer Gesellschaft schwierig geworden ist. Dieser innere Druck, dass man die mangelnde Plausibilität des Gottesdienstes durch Plausibilisierung überwinden will, ist das, was viele tatsächlich bewegt.

H.H.: Viele Gläubige, die wissen oder doch ahnen, dass der Priester nicht die vorgesehenen Vorstehergebete spricht, sehen das vermutlich anders. Ist denn das von Priestern Erdachte und Fabrizierte wirklich plausibler?

Stichwort tätige Teilnahme: Das Missale sollte der liturgischen Bewegung Rechnung tragen. Welche Bilanz ziehen Sie?

H.H.: Was die tätige Teilnahme betrifft, ist die Bilanz sehr ernüchternd. Man muss unterscheiden zwischen der aktiven Teilnahme und der tätigen Teilnahme. Dass die Gläubigen heute durch liturgische Laiendienste stärker beteiligt sind als früher, ist unbestreitbar. Aber ob der innere Mitvollzug des Geschehens intensiver geworden ist, das würde ich bezweifeln. Das ist schon wegen der oft nur noch sehr geringen liturgischen Bildung ganz unwahrscheinlich. Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch von Klischees verabschieden, als ob es in der Liturgie vor dem Konzil keine participatio actuosa gab. Wer mit dem Schott aufgewachsen ist, und das waren ja nicht nur einige wenige, der hatte sehr wohl einen inneren Zugang zur lateinischen Messe und feierte sie innerlich bewusst mit. Die anderen wussten immerhin, was vor sich ging.

W.H.: Liturgiefähigkeit muss erworben werden. Die Seele ist nicht automatisch liturgisch, sondern der Mensch muss auch Fähigkeiten entwickeln: zuhören, ruhig werden und sich ein bestimmtes Verhaltensrepertoire aneignen. Vieles war zu Beginn der 1970er Jahre bei Vielen selbstverständlicher als heute. Man muss nur in irgendeine Kirche gehen um zu sehen, dass junge Leute, ohne dass sie irgendwie provozieren wollen, sich einfach völlig fremd in diesem Raum vorkommen. Gerade deshalb überfordert die Messfeier manche.

Weshalb überbrückt die Landessprache den Graben nicht?

H.H.: In einer Zeit, in der man nicht mehr selbstverständlich katholisch sozialisiert ist und die notwendige liturgische Bildung fehlt, sind die Texte des Messbuchs Pauls VI. vielen fremd, ob nun in der lateinischen oder der volkssprachlichen Fassung.

Die Konzilsväter wollten den Gläubigen die Schrift näherbringen. Hat sich die neue Leseordnung bewährt?

W.H.: Tendenziell waren die Katholiken in den 1950er, 1960er, 1970er Jahren durch den biblischen Unterricht in der Schule vermutlich bibelfester als ein Großteil heute. Die Liturgie war damals nicht der Ort, wo man mit der Bibel vertraut wurde. Wo man mit dem Schott arbeitete oder wo am Sonntag auch biblisch gepredigt und das Evangelium auf Deutsch vorgelesen wurde, waren die Perikopen der damaligen Leseordnung bekannt. Wer heute regelmäßig am Gottesdienst teilnimmt, kennt wesentlich mehr Perikopen aus dem Gottesdienst als 1970, bevor die neue Leseordnung kam. Ob er insgesamt die Bibel besser kennt, hängt auch davon ab, inwieweit es auch Bibellektüre außerhalb des Gottesdienstes gibt.

Die Leseordnung selbst ist quantitativ ein Riesenfortschritt, weil gerade alttestamentliche Texte vorgelesen werden, die früher nie vorgelesen wurden.

H.H.: Ja, die neue Leseordnung ist ein wirklicher Gewinn. Diesen haben die Bischöfe hierzulande allerdings leichtfertig verspielt. Aus „pastoralen“ Gründen kann auf eine Lesung verzichtet werden, wovon man dann auch reichlich Gebrauch gemacht hat. Verzichtet man auf die überdimensionierten Einführungen zu Beginn der Messfeier, spricht an Sonn- und Feiertagen nichts gegen zwei Lesungen in Verbindung mit dem Evangelium, vor allem wenn, wie gefordert, eine schriftbezogene, die Perikopen erschließende Homilie folgt. Wenn ich ab und zu an Messfeiern in der außerordentlichen Form des römischen Ritus teilnehme, fehlt mir vor allem die alttestamentliche Lesung.

W.H.: Das ist ein klassisches Beispiel, wo die Liturgische Bewegung als treibende Kraft für die Liturgiereform vielleicht zur Überschätzung im deutschen Sprachraum geführt hat – so, als habe das Konzil eigentlich nur das rezipiert, was man immer schon wollte. Die wirklichen Neuerungen des Konzils sind – wie an der Leseordnung zu sehen ist – mancherorts eben nicht begeistert aufgenommen worden. Allerdings erlebe ich heute in München, dass man sich bemüht, auch den gesungenen Psalm stärker zu pflegen. Im gleichen Kontext ist auch die entfaltete Leseordnung jedenfalls wesentlich häufiger anzutreffen als in meiner jungen Kaplanszeit. Insofern sehe ich die Entwicklung positiver als Kollege Hoping, wenngleich die halbherzige Übernahme der neuen Leseordnung natürlich Folgen hat.

Wie erklären Sie sich, dass die Liturgiereform auch für praktizierende Katholiken als gescheitert gilt? Martin Mosebach sieht in ihr einen „Akt der Tyrannei“.

W.H.: Die Liturgie wurde bis 1962 in der Regel als stille Messe gefeiert. Sie hatte ihren hohen spirituellen Wert darin, dass sie gleichsam einen geistlichen Raum schuf, in dem der Einzelne mit seiner Frömmigkeit Platz hatte und mit großer Freiheit seinen Anschluss suchen konnte. Es gab den Schott. Wer Rosenkranz betete, tat formal etwas anderes, war aber inhaltlich auch beim Leben Jesu, das in Tod und Auferstehung kulminiert. Das gleiche gilt für die Messandachten. Insofern ist die heutige Liturgie tatsächlich weniger offen für Individualitäten, sondern sucht eine gemeinschaftliche Form. Das kann man als „Tyrannei“ bezeichnen; aber Unterordnung ist eben der Preis des Gemeinschaftlichen.

H.H.: Ich kann Mosebachs Unbehagen verstehen. Wir hatten es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Reihe von Bewegungen zu tun, die teilweise Berührungen hatten, etwa die Liturgische Bewegung, mit der nationalsozialistischen Bewegung. Der Gemeinschaftsbegriff ist wie derjenige der Bewegung gerade in Deutschland kein unschuldiger Begriff. Gemeinschaften sind in der Gefahr, dem Individuum Freiheiten zu nehmen. Die Messfeier wird von vielen heute primär als Gemeinschaftsfeier verstanden. Auf die Frage, wer Adressat der priesterlichen Vorstehergebete sei, hört man dann, wenig überraschend, sie seien an die vor Ort versammelte Gemeinde gerichtet, was theologisch falsch ist.

Was ist theologisch richtig?

H.H.: Das Konzil sagt, dass der Priester in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde die Orationen an Gott, den Vater richtet. Mich irritiert, dass in unserem Zeitalter der Individualisierung gerade in der Kirche der Gemeinschaftsgedanke so stark betont wird, während das Individuum mit seinen spirituellen Bedürfnissen sich dem Gemeindegruppenzwang zu beugen hat. Ich warne auch davor, den Gottesdienst, wie wir dies aus freikirchlichen Bewegungen kennen, zu eventisieren. Bei der Liturgie der Kirche handelt es sich an erster Stelle um eine heilige Handlung, sie hat nicht primär Gemeinschaftserlebnisse zu produzieren.

Wie bewerten Sie Ansätze, durch die Wiedereinführung der Zelebration gen Osten, des lateinischen Ordinariums und der knienden Mundkommunion die Sensibilität für die heilige Handlung zu wecken?

W.H. Man sollte sich davor hüten, zu glauben, mit einem kleinen Dreh an irgendeinem Rädchen in der Form könne man einen Bewusstseinswandel herbeiführen. Unabhängig davon, ob Ihre Beispiele auch die wären, die ich präferieren würde.

Welche ziehen Sie vor?

W. H.: Man muss über die Frage der Zelebrationsrichtung insofern nachdenken, als es nicht um die Richtung geht, sondern um die Frage: Wie erreichen wir, dass das Bewusstsein da ist, wir stehen alle um einen Altar? Ehrfurcht muss zuerst einmal wieder als Gefühl oder als Haltung gefördert werden. Wir haben es in der Entwicklung meistens mit Pendelausschlägen zu tun: Bestimmte Formen formalisierter Ehrfurcht in einer Fülle von Verneigungen, Kniebeugen etcetera - da sagt man eher, das ist nicht nur kunstvoll, sondern künstlich, und verabschiedet sich von einer Fülle der Formen – und kommt dann zuerst in etwas, was an manchen Stellen eben eine Formlosigkeit ist – im besten Sinn als Zwischenschritt auf der Suche nach einer neuen, angemessenen Form für unsere Zeit, ohne dass das zu einer veräußerlichten Sakralisierung führt, die das Ganze mystisch machen soll, aber in Wirklichkeit nur mysteriös macht.

H.H.: Weder das Konzil noch die nachfolgende Liturgiereform haben die sogenannte Zelebration zum Volk hin vorgeschrieben. Es gibt sehr gute theologische Gründe für die Wiedergewinnung der traditionellen Zelebrationsrichtung. Da sie auf absehbare Zeit als Regelfall verloren ist, sollte man zumindest dafür sorgen, dass das lateinische Ordinarium wieder verstärkt berücksichtigt wird. Das Konzil wollte, dass die lateinische Liturgiesprache erhalten bleibt, auch der Gregorianische Gesang.

Welche Folgen hat das?

H.H.: Viele Gemeinden sind gar nicht mehr in der Lage, das lateinische Ordinarium zu beten oder zu singen, so wie es das Konzil forderte. Das wird über kurz oder lang Folgen für die Kirchenmusik haben. Schon wird über die Ausbildung von Popkantoren diskutiert. Nichts gegen Popmusik, aber man kann es mit der Anpassung der Liturgie an den Zeitgeist auch übertreiben.

W.H.: Als Student habe ich immer gesagt: entweder alles Latein oder alles Deutsch. Heute sage ich: Diese Haltung war falsch. Wenn wir damals in jedem Gottesdienst ein lateinisches Element gehabt hätten, hätten wir erreicht, dass jeder regelmäßige Gottesdienstteilnehmer das noch kennt. Die damalige Form von Eindeutigkeit hat auch etwas kaputt gemacht. Miteinander feiern heißt auch, dass jeder mal ein Stück zurücktreten muss, wie auch jeder einmal gleichsam nach vorne treten darf. Wir müssen es nur tun. Das geht auch heute. Wir singen hier im Priesterseminar dreimal in der Woche das Sanctus auf Latein.

H.H.: Ja es gibt eine Versuchung zum liturgischen Purismus. Den konnte man auch nach dem Motu proprio „Summorum pontificum“ erleben, als manche zunächst meinten, volkssprachliche Gottesdienstlieder ausgrenzen zu müssen. Die liturgische Wirklichkeit vor dem Konzil sah anders aus.

Mit dem Motu proprio „Magnum principium“ hat Papst Franziskus die geltende kanonische Disziplin deutlicher gemacht. Warum geht die Herausgabe der neuen Übersetzung des „Missale Romanum“ nicht zügiger?

W.H.: Auch die italienische Bischofskonferenz hat die „Editio typica tertia“ noch nicht. Das Mühsame liegt nicht nur an der Übersetzung. Die Bischöfe haben unterschiedliche Visionen, welche Form, welches Niveau, welche Klarheit, welche Art von deutscher Sprache gewollt wird. Das ist ein großes Problem.

Dass die Gottesdienstkongregation in den 1990er Jahren meinte, sagen zu können, wie es besser geht, hat die Bischöfe auch nicht überzeugt. „Magnum principium“ ist eine Herausforderung für unsere Bischöfe, denn sie müssen eine Weise finden, wie sie sich auf einen Weg so einigen, dass er auch zu einem Ergebnis kommt. Jetzt kann man nicht mehr sagen: Es liegt nur daran, dass es mit den Römern so schwierig ist.

H.H.: Die Mehrheit der deutschen Bischöfe hat eine Revision des deutschen Messbuchs am Ende einfach nicht gewollt. Es war ein Machtkampf mit dem Vatikan, das wurde während des Übersetzungsprozesses immer deutlicher – und am Ende haben sich die Bischöfe für den Boykott entschieden. Wäre man Willens gewesen, hätte es auch einen Weg gegeben. Das zeigt die von den Bischöfen zu Advent eingeführte neue Einheitsübersetzung, bei der man mit wörtlichen und konkordanten Übersetzungen kein Problem hatte. Man hätte sich allerdings ein wenig mehr Zeit für eine Erprobungsphase nehmen sollen. Es gibt nicht nur einige theologisch fragwürdige Änderungen, auch ist die Kantillation von Psalmen und Evangelien teilweise schwierig geworden. Nachdem „Magnum principium“ die Kompetenzen hinsichtlich Approbation und Rekognitio liturgischer Bücher geklärt hat, helfen in der Frage des Messbuchs keine Ausreden mehr. Die Verantwortung liegt bei den Bischöfen und sie sollten liefern.

W.H.: Ich würde nicht von Boykott sprechen. Überall, wo Sie an komplexen Dingen mit Gremien arbeiten, erleben Sie, dass Gremien nach zwei Monaten nicht mehr wissen, was sie vor zwei Monaten entschieden haben. Der Eindruck wechselt auch beim Einzelnen. Daran liegt es, dass solche Prozesse über eine lange Zeit gehen.

Aber wie kann man Gläubigen erklären, dass die Übersetzungsfrage der Wandlungsworte „pro multis“ sich offensichtlich als aufwändig erweist?

W.H.: Es hat nach 1965/1969 auch römische Untersuchungen gegeben, wo man der Überzeugung war, dass mit „pro multis“ nicht der Gegensatz nicht „alle“, sondern nur „viele“ gemeint ist. Johannes Paul II. hat in seinem Brief zum Gründonnerstag 2005 erklärt, dass „pro multis“ in vielen Sprachen zu Recht mit „für alle“ übersetzt wird. Wenn wir heute am Punkt Null wären, hätte ich keine Schwierigkeit mit der Übersetzung „für viele“. Wir sind aber nicht mehr am Punkt Null, sondern haben eine 50-jährige Übersetzungstradition. Wenn Papst Benedikt erklärt, es sei wichtig, dass wir es anders übersetzen, aber inhaltlich ändere sich nichts, dann ist das nicht unbedingt jedem sofort plausibel.

H.H.: Aber die exegetische und dogmatische Diskussion ist weitergegangen. Schon der älteste Einsetzungsbericht bei Paulus zeigt die liturgische Prägung des Kelchwortes: „für euch“ heißt es hier. Markus und Matthäus haben „für viele“ – so übersetzt wortgetreu und sachlich richtig übrigens die alte wie die neue Einheitsübersetzung. „Für viele“ ist semantisch auch nicht dasselbe wie „für alle“. Keine Frage: Jesus ist für alle gestorben. Das hat niemand bestritten, auch Benedikt XVI. nicht. Der Kelch des Heils und das Brot des Lebens wird aber nur denen gereicht, die durch Glaube und Taufe mit Christus verbunden und zum Empfang von Leib und Blut Christi disponiert sind. Das Problem ist das unterschiedslose „für alle“ im Kontext der Eucharistie. Es ist eine wenig überzeugende Regelung, wenn im neuen Gotteslob zwar eine revidierte Fassung des Zweiten Hochgebets mit „für viele“ steht, der Priester am Altar aber weiterhin „für alle“ spricht.

 

 

Hintergrund

1951-1956 Reform der Karwochenliturgie durch Papst Pius XXII.
1959 erscheint die 33. Ausgabe des Missale
1962 erscheint auf Geheiß Papst Johannes XXIII die als Editio typica bezeichnete Neuausgabe des Missale Romanum. Sie ist die letzte Ausgabe des Missale vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und bildet die Grundlage für die von Papst Benedikt XVI.
am 7. Juli 2007 genehmigte Feier des außerordentlichen römischen Ritus.
4. Dezember 1963 Die Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum concilium erscheint.
17. April 1964 Genehmigung des Generalplans für die Arbeiten am Ordo missae durch das Consilium
7. März 1965 Erste Instruktion und Inkrafttreten des Ordo Missae
5.-11. April 1965 Revision der Orationen des Temporale durch eine Gruppe unter der Leitung von P. Plazidus Bruylants in Löwen
Juni 1965 Revision der Orationen für die Heiligenfeste
1965 erste Ergänzung der Editio typica
6.-14. Oktober 1966 Consilium zur Festlegung des Kalenders
1967 zweite Ergänzung der Editio typica
21. Oktober 1967 Eröffnung der Diskussion über die liturgischen Schemata durch Kardinal Lecaro
24. Oktober 1967 Experiment mit der Missa normativa in der Capella Sistina
11.-13. Januar 1968 Probeweise Feiern mit der Missa normativa in der Capella Mathilde mit anschließender Diskussion in Anwesenheit des Papstes
2. Juni 1968 Versendung des Schemas des Ordo Missae an die Präfekten der Dikasterien.
15. August 1968 Gutachten zum neuen Ordo durch den Peritus Monsignore Carlo Colombo.
31. August 1968 Gutachten zum neuen Ordo durch den Peritus Monsignore Carlo Manziana, Bischof von Crema
24. Oktober 1968 Dossier der elften Vollversammlung mit Korrekturen am Römischen Hochgebet
17. Januar 1969 Formale Approbation des Ordo Missae durch Papst Paul VI.
14. Februar 1969 das Motu proprio Mysterii paschale erscheint
11. März 1969 Papst Paul VI. erhält den Probedruck des Ordo Missae und bringt persönlich letzte Korrekturen an.
Gründonnerstag, 3. April 1969 Papst Paul VI. unterzeichnet die Apostolische Konstitution Missale Romanum
10. April 1969 Die Druckfreigabe für das Missale Romanum wird erteilt
28. April Ankündigung der Veröffentlichung des Ordo Missae im Konsistorium durch Papst Paul VI.
2. Mai 1969 öffentliche Präsentation der Apostolischen Konstitution Missale Romanum im Pressesaal und Beginn der Auslieferung des Ordo Missae
30. November 1969 die Apostolische Konstitution Missale Romanum tritt in Kraft
11. März 1970 Papst Paul VI. approbiert das Missale Romanum. Ihm wird die Institutio Generalis Missalis Romani, die Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch, vorangestellt.
26. März 1970 das Dekret der Gottesdienstkongregation wird am Gründonnerstag veröffentlicht.
17. Mai 1970 Papst Paul VI. weiht am Tag seines goldenen Priesterjubiläums 278 Priester und macht ihnen die mit Ergänzungen versehene Neufassung des Missale Romanum zum Geschenk.
1972 die Ausgabe des Ordo Cantus Missae erscheint
1975 erscheint die zweite Auflage des neuen Messbuches
2002 Johannes Paul II. approbiert die Neuauflage   Editio typica tertia   des lateinischen Messbuchs. Die deutsche Übersetzung ist in Arbeit. BSt