Die Würde jedes Menschen achten

Bundestag gedenkt 70 Jahre Kriegsende – Historiker Winkler: Deutschland hat kein Recht auf Wegsehen – Scharfe Kritik an Russland

Berlin (DT/dpa) 1985 hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnet. Diesmal spricht nicht der Präsident, sondern Heinrich August Winkler. Der Historiker fordert Konsequenzen aus der deutschen Geschichte. 70 Jahre nach dem Kriegsende in Europa rief der Historiker Deutschland auf, zu seiner internationalen Verantwortung zu stehen. Eine besondere Verpflichtung habe Deutschland nach den Verbrechen der Nationalsozialisten für die Länder Ost- und Mitteleuropas, sagte Winkler am Freitag im Bundestag. An der Gedenkstunde zum 8. Mai nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) teil.

„Ein verantwortlicher Umgang mit der Geschichte zielt darauf ab, verantwortliches Handeln in der Gegenwart möglich zu machen“, sagte Winkler. Es lasse sich „weder aus dem Holocaust noch aus anderen nationalsozialistischen Verbrechen noch aus dem Zweiten Weltkrieg insgesamt ein deutsches Recht auf Wegsehen ableiten“. Mit den Verbrechen der Nationalsozialisten könne kein Beiseitestehen begründet werden, mahnte der 76-Jährige. Deutschland soll aus Winklers Sicht durchaus zusammen mit anderen Staaten im Sinne der Schutzverantwortung der Völkergemeinschaft tätig werden. Scharfe Kritik übte der Historiker an Russlands Haltung im Ukraine-Konflikt. „Das Jahr 2014 markiert eine tiefe Zäsur.“ 1990 hätten sich 34 Staaten, auch die Sowjetunion, in der Charta von Paris verpflichtet, territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit zu achten. Durch die Krim-Annexion sei die Charta in Frage gestellt – „und mit ihr die europäische Friedensordnung, auf die sich die einstigen Kontrahenten des Kalten Krieges damals verständigt hatten“.

Eine besondere Pflicht zur Solidarität gebe es mit Ländern, die erst durch die friedlichen Revolutionen von 1989/90 ihr Recht auf Selbstbestimmung wiedergewonnen hätten. „Nie wieder dürfen unsere ostmitteleuropäischen Nachbarn, die 1939/40 Opfer der deutsch-sowjetischen Doppelaggression im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurden (...) – nie wieder dürfen Polen und die baltischen Republiken den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden.“

Viele Deutsche hätten einen langen, schmerzhaften Weg zurücklegen müssen, bevor sie sich der Monstrosität des Holocaust, der Ermordung der Sinti und Roma, von Zehntausenden geistig Behinderten und zahllosen Homosexuellen gestellt hätten – sowie der Verantwortung für schrecklichste Kriegsverbrechen in den von Deutschland besetzten Ländern. „Besonders schwer war es für die Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, das ihnen widerfahrene Leid als Folge der deutschen Gewaltpolitik zu begreifen und sich mit dem Verlust ihrer Heimat abzufinden.“

Winkler prangerte Fremdenfeindschaft und antisemitische Gewalt in Deutschland und anderen Ländern an. Es gelte, „die eigentliche Lehre der deutschen Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 zu beherzigen: die Verpflichtung, unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten“.

Bundesratspräsident Volker Bouffier rief zur Abwehr heutiger Anhänger des nationalsozialistischen Ungeistes auf. „Diesem Treiben muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats und einer gesamtgesellschaftlichen Ächtung entschieden entgegengetreten werden“, sagte er.

Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte die Soldaten der westlichen Alliierten und der Roten Armee. Denn der 8. Mai sei „kein Tag der deutschen Selbstbefreiung“ gewesen.