Die Tücken der Stromtrassen

Bürger wehren sich gegen den Freileitungsbau – Netzagentur kritisiert Tennet. Von Reinhard Nixdorf

Der Stromnetzbetreiber Tennet muss die Pläne für die Stromtrasse Suedlink nachbessern. Das könnte den Bau der Trasse verzögern, die Windstrom aus Norddeutschland in den Süden transportieren und die Energiewende vorantreiben soll. Netzausbaubeschleunigungsgesetz – dieses Wort ist genauso ein Ungetüm, wie jene riesigen Hochspannungsmasten und Trassen, für die es geschaffen wurde. Verabschiedet im Sommer 2011, sollte das Gesetz die Energiewende und dabei den Ausbau der sogenannten Stromautobahnen beschleunigen – und zwar unter anderem dadurch, dass die Klage- und Einspruchsmöglichkeiten der Bürger eingeschränkt wurden. Um das auszugleichen, sollten auf der anderen Seite die Planung der Trassen von Beginn an äußerst transparent sein und die Betroffenen sehr früh und umfassend einbezogen werden.

„Goldener Sargnagel“ für schlechte Kommunikation

Doch ausgerechnet bei der größten der vier geplanten Höchstspannungstrassen ist diese vorgelagerte Bürgerbeteiligung und Transparenz vernachlässigt worden – nämlich vom Netzbetreiber Tennet, dem Planer und Betreiber der Trasse Suedlink, die ab 2022 auf einer achthundert Kilometer langen Leitung Windstrom aus Norddeutschland über Niedersachsen und Hessen in den Süden nach Bayern transportieren soll. Die Nachricht, dass letzte Woche Vertreter einer hessischen Bürgerinitiative Tennet einen „goldenen Sargnagel“ als Auszeichnung für schlechte Kommunikation überreichten, liest sich wie eine Bestätigung für die schallende Ohrfeige, die die Bundesnetzagentur dem Strombetreiber verpasst hat: Die Bundesnetzagentur stellte erhebliche Mängel fest und forderte den Netzbetreiber auf, die Trassenplanung nachzubessern.

„Für die Auswahl der Trassenkorridore erwartet die Bundesnetzagentur eine geeignete methodische Vorgehensweise, mit der alle Anforderungen an eine transparente und nachvollziehbare Planung erfüllt werden können“, hieß es in dem beiliegenden Gutachten. Der am 12. Dezember 2014 in rund vierzig Daten-CDs vorgelegte Antrag mit Vorschlägen zum möglichen Verlauf von Suedlink sei unvollständig. Mehr als ein Dutzend Versäumnisse listete die Bundesnetzagentur auf – und wahrlich keine Nebensächlichkeiten: Umweltauswirkungen seien nicht deutlich genug dargelegt, die eigenen Trassenvorschläge nicht hinreichend begründet, die Vor- und Nachteile von Alternativ-Routen nicht nachvollziehbar dargestellt worden. Und zu den gigantischen Konverter-Anlagen enthalte der Antrag gar keine Aussagen.

Es wundert nicht, dass Bürger sich dagegen wehren, wenn diese Trasse ausgerechnet durch ihr Wohnumfeld, ihre Heimat, geleitet wird: Strommasten zerstören das Landschaftsbild, sind hässlich und Quellen von unheimlichem Elektrosmog. Und wenn es sich um Masten von Höchststromleitungen handelt, die mit sechzig bis siebzig Metern Höhe dreimal so groß sind wie normale Strommasten und die Landschaft über achthundert Kilometern Länge auf einem Korridor von einem Kilometer zerschneiden, regt sich der Protest erst recht.

Eine Alternative wäre die Verlegung von Erdkabeln. Dagegen hat sich Tennet mit der Begründung gewandt, dies sei vier bis acht Mal teurer als der Freileitungsbau. Der Landesverband Hessen der Bürgerinitiativen gegen Suedlink dagegen geht vom 2,2-Fachen gegenüber den Kosten für den Freileitungsbau aus. Auch das ist noch das Doppelte der Kosten des Freileitungsbaus. Aber immerhin sieht ein Gesetzesentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums zur Änderung des Netzbaurechts deutlich mehr Möglichkeiten für unterirdische Stromtrassen vor.

Von dieser Änderung könnten unter anderem die Anwohner der Neubautrasse vom niedersächsischen Wahlen bei Braunschweig ins hessische Mecklar profitieren. Bei Lamspringe im Landkreis Hildesheim sollen auf einem Abschnitt von mehr als zehn Kilometern in einem Pilotprojekt Erdkabel getestet werden. Aktivisten machte die Wahl des Testgebietes jedoch stutzig: Ein Teil der Pilotstrecke liegt im Wahlkreis von Bundeswirtschaftsminister Gabriel. „Da braucht man nur eins und eins zusammenzuzählen“, sagte Michael Becke, der Sprecher des Bürgerinitiativen-Verbund „Mittleres Leinetal“. Gabriel habe sich in diesem Bereich immer besonders engagiert. Es sei aber nicht so, dass man den Menschen die Erdverkabelung zwischen Wahle und Lamspringe nicht gönne.

Die Forderung nach lokaler Stromerzeugung hat Gründe

Solche Nachrichten belegen nicht nur mangelnde Transparenz und Offenheit bei der Planung der Höchstleistungstrasse, sie steigern auch die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ganzen Projekts. Sind solche Höchstspannungstrassen, die in Offshore-Windparks zentral erzeugten Strom über weite Entfernungen weiterleiten, wirklich sinnvoll? Zwar produzieren Offshore-Windparks im Meer mehr Strom als Anlagen im Taunus oder in der Rhön – berücksichtigt man die Verluste beim Stromtransport, kommt man bei heutiger Netztechnologie auf gleiche Werte. Es dürfte wohl nicht nur der gegenwärtigen Stimmung geschuldet sein, wenn die Ministerpräsidenten Bouffier und Seehofer zurückrudern und sich gerade der bayerische Ministerpräsident für eine regionale Stromerzeugung ausspricht.

Die Bereitschaft zur Energiewende ist jedenfalls so groß, dass man den Bürgern nicht vorwerfen kann, sie würden mit ihren Fragen nach der Notwendigkeit, dem Verlauf und den möglichen Folgen neuer Stromtrassen die Energiewende gefährden. Im Gegenteil: Eher wird die Energiewende vom Netzbetreiber Tennet gefährdet, der die Fragen der Bürger offenbar lieber ignoriert, statt sie zu beantworten.