Die Stunde der Oberlehrer

Bei aller Betroffenheit über die unsäglichen Äußerungen von Bischof Williamson befremdet doch die Beflissenheit, mit der deutsche Bischöfe am Wochenende auf die mediale Welle gegen Benedikt XVI. und den Vatikan aufgesprungen sind. Was zur Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe und den künftigen Gesprächen mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. von seiten der katholischen Bischöfe in Deutschland zu sagen ist, hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bereits am Donnerstag in ausreichender Deutlichkeit erklärt.

Von einer sachlichen Gesprächsatmosphäre, in der politische und theologische Fragen in puncto Lefebvrianer präzise voneinander unterschieden werden, kann derzeit keine Rede sein. Sie ist aber eine unverzichtbare Voraussetzung für konstruktive Lösungsvorschläge. Kardinal Lehmann, Bischof Fürst und Erzbischof Thissen müssen sich fragen, ob ihre oberlehrerhaft wirkenden Äußerungen die gereizte Atmosphäre zu einem Zeitpunkt entspannen sollen, in dem Hans Küng und andere Veteranen des progressiven Flügels alte Anti-Ratzinger-Reflexe ungeniert bedienen.

In Frankreich sieht man die Situation differenzierter als in der Heimat des deutschen Papstes (Seite 7). Dort haben katholische Intellektuelle ein Manifest unterzeichnet, das nicht nur eine unmissverständliche Absage an den Antisemitismus enthält, sondern auch Williamson mit Nachdruck zur Umkehr aufruft. Das trägt dem unpolitischen Ziel eines unpolitischen Aktes des obersten Hirten glaubwürdiger Rechnung als die jüngsten bischöflichen Analysen aus der deutschen Provinz. Wer tatsächlich zur dauerhaften Klärung der Traditionalistenfrage beitragen will, muss auch einschätzen können, wann mediale Abstinenz geboten ist. reg