Die Schuttberge sind noch sichtbar

Zwei Jahre nach dem entsetzlichen Erdbeben: Caritas international zum Wiederaufbau in Haiti. Von Gabriel Dominguez

,Haiti-Referent des Hilfswerkes Caritas International. Foto: KNA
,Haiti-Referent des Hilfswerkes Caritas International. Foto: KNA

Im Januar 2010 erschütterte ein schweres Erdbeben Haiti. Die Katastrophe traf das Land schwer: Zu den mehr als 220 000 Toten und 300 000 Verletzten verloren mehr als 2,3 Millionen Menschen ihr Zuhause. Seither leisten Hilfsorganisation wie Caritas international Hilfe vor Ort. KNA sprach mit Haiti-Experten Jörg Kaiser.

Wie sieht die Lage in Haiti heute aus?

Es ist viel passiert in den vergangenen Monaten. Caritas international hat eine Reihe von Bauprojekten – eine Berufsschule, ein medizinisches Zentrum, Schulen, Alten- und Behinderteneinrichtungen – abgeschlossen. Der Betrieb dort läuft wieder. Ähnliche Entwicklungen sind im ganzen Land zu erkennen.

Also eine durch und durch positive Bilanz?

Nein, denn Haiti ist und war schon vor dem Beben das ärmste Land Lateinamerikas. Entsprechend groß sind die Defizite. Es fehlt immer noch an Infrastruktur, Arbeitsplätzen, sozialer Versorgung, an Wohnraum, medizinischer Versorgung, an Sozialleistungen. Dringend notwendig ist eine Beschlussfassung über einen Masterplan, der zeitliche und planerische Struktur in den Wiederaufbau bringt. Dazu gehören auch die Fragen der Landrechte, der Baugenehmigungen und der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung.

Sind die Folgen der Katastrophe noch heute sichtbar?

Weithin sichtbar sind nach wie vor die großen Schuttberge, deren Beseitigung noch Jahre dauern wird. 1 000 Lastwagen voller Schutt sind seit dem Beben jeden Tag wegtransportiert worden, dies ist jedoch erst knapp die Hälfte des gesamten Materials. Auch die Infrastruktur wie Straßen, Telefon- und Stromleitungen sind nur zum Teil repariert. Doch auch die Zeltstädte, in denen noch eine halbe Million Menschen leben, sind sichtbare Folgen des Erdbebens. Und die vielen Menschen mit Behinderungen, meist mit amputierten Armen oder Beinen, machen deutlich, wie schwer die Gesellschaft durch die Katastrophe betroffen ist. Spürbar sind zudem die sozialen und psychischen Folgen. Viele Menschen leiden unter den traumatischen Erlebnissen bis heute.

Finden die Menschen da überhaupt die Kraft zum Wiederaufbau?

Viele Menschen leisten bewundernswerte Arbeit beim Wiederaufbau des Landes. Andererseits berichten Mitarbeitende der Caritas immer wieder davon, dass viele Menschen in Haiti ein stark einschränkendes Selbstbild mit nur schwach ausgeprägtem Selbstvertrauen hätten. Das liegt auch in einer langen Tradition von Sklaverei, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit. Kollektive Ansätze, soziale Bewegungen, Einsatz für Land und soziale Gerechtigkeit, all dies ist nur in kleinen Ansätzen vorhanden. Gerade in den sozialen Programmen sind aber auch hier Fortschritte erkennbar.

Wo sehen Sie Fortschritte beim Wiederaufbau?

Zwar leben noch etwa 500 000 Menschen in Notunterkünften. Bei 2,3 Millionen Obdachlosen unmittelbar nach dem Beben sind rechnerisch Wohnungen für 1,8 Millionen Menschen entstanden. Dies ist unter den gegebenen Umständen eine unglaubliche Leistung. Der Wiederaufbau von Wohnungen ist sichtbar, auch wenn er aus genannten Gründen oftmals schleppend verläuft.

Wie steht es um die Gesundheit der Bevölkerung?

Es sind Krankenhäuser und medizinischen Zentren entstanden – auch beispielsweise durch Caritas international. Daher hat sich die Versorgungslage verbessert. Andererseits bestehen viele hygienische Defizite fort. An der Cholera beispielweise, die im Herbst 2010 erstmals in Haiti ausbrach, sind bislang etwa 5 000 Menschen gestorben; eine halbe Million Menschen haben sich infiziert. Inzwischen ist die Krankheit weitgehend eingedämmt, sie wird jedoch über Jahre bis Jahrzehnte virulent bleiben.