Die Rebellen-Idylle

Die bayerischen Grünen verbinden sich mit "Maria 2.0".

Grüne: Schulterschluss mit "Maria 2.0"
Kirchturm und Sonnenblume einträchtig beieinander: Zwischen dem grünen Milieu und bestimmten Gruppen innerhalb der Kirche gibt es große Schnittmengen. Foto: dpa
Grüne: Schulterschluss mit "Maria 2.0"
Kirchturm und Sonnenblume einträchtig beieinander: Zwischen dem grünen Milieu und bestimmten Gruppen innerhalb der Kirch... Foto: dpa

Parteien beziehen zu allen möglichen Fragen Position. Die bayerischen Grünen sogar zu „Maria 2.0“. Die religionspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, Gabriele Triebel, hat Elisabeth Kötter, eine der Initiatorinnen der „Kirchen-Protestbewegung“ (O-Ton Grüne), in das Maximilianeum eingeladen – gemeinsam mit ihr stellte sie am vergangenen Donnerstag im Landtag in München ein Positionspapier vor: „Demokratie braucht eine demokratische Kirche“.

Dass die Verbindungen zwischen den Grünen und bestimmten Milieus innerhalb der Kirchen gut sind, ist nichts Neues. Zuletzt konnte man es in kritischen Kommentaren zum Evangelischen Kirchentag lesen, beim Katholikentag im letzten Jahr war es nicht anders.

Anknüpfungspunkte zwischen den Seiten bleiben oft dunkel

Freilich bleiben die tatsächlichen Anknüpfungspunkte zwischen beiden Seiten dabei oft etwas dunkel, weil sie sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Da ist einmal etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der gerne öffentlich über seinen Glauben spricht, einen Essay über modernen Konservativismus veröffentlicht und mit einer eher verantwortungsethisch geprägten Grundhaltung die Bundeskanzlerin mit Leichtigkeit rechts zu überholen scheint, sei es nun in der Autopolitik oder in der Flüchtlingsfrage. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die dominante gesinnungsethische Linie bei den Grünen, wenn es um „Fridays for Future“ oder die Seenotrettung geht. Die Lobeshymnen von manchen katholischen Bischöfen und grünen Funktionären auf Greta Thunberg und Carola Rackete lassen sich kaum unterscheiden. Wie passt beides zusammen?

Beide Seiten sitzen zusammen am Frühstückstisch, gerade auch in katholischen Familien. Da gibt es den lediglich in der Wolle gefärbten Bürgerlichen Kretschmann für den Papa, der zwar nicht den radikalen Wechsel will, aber mal etwas Abwechslung sucht. Die idealistisch gestimmten Kinder demonstrieren hingegen am Freitag und gehen auch für Rackete auf die Straße.

Und nun muss es natürlich auch ein Angebot für die Frau in der Familie geben. Warum also nicht „Maria 2.0“, mögen die grünen Strategen gedacht haben. Schließlich ist das Projekt, die Lufthoheit über den bürgerlichen Familienfrühstückstischen zu gewinnen, durchaus erfolgreich. Bestes Beispiel: die letzte bayerische Landtagswahl. Sechs Direktmandate gab es da für die Grünen. Fünf in München, eines Würzburg. Also genau dort, wo es ein katholisch geprägtes Bürgertum gibt. Die Brücke in dieses Milieu ist das richtige Schlagwort.

Demokratisierung als Schlagwort

Demokratisierung – lautet dieses Schlagwort bei der Begegnung zwischen Grünen und „Maria 2.0“. Auffällig dabei ist die Mischung zwischen staatstragendem Gestus und zur Schau gestelltem Rebellentum – und natürlich genau in der Dosierung, die beide Aspekte für bürgerliche Wähler attraktiv macht. So betont Gabriele Triebel etwa in ihrem Papier zuerst die wichtige Bedeutung, die aus ihrer Sicht die Kirchen in der deutschen Gesellschaft einnähmen. Die Präsenz von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften im öffentlichen Raum bringe für den Staat wie für die Religionsgemeinschaften Vorteile mit sich.

Niemand könne Religionsgemeinschaften vorschreiben, wie sie ihre Freiheit ausfüllen wollen

Diese Präsenz „ist also nicht nur tolerabel, sondern im Gegenteil wünschenswert, ja geradezu unerlässlich“, so Triebel. Allerdings – und hier schlägt die Landtagsabgeordnete dann die Brücke zu „Maria 2.0“ – müssten diese Religionsgemeinschaften, „die sich im säkularen Staat bewegen“, „ihre Positionen erklären und es aushalten, dafür auch kritisiert zu werden“. Darauf folgt die Pointe in der Argumentation Triebels: Es könne niemand den Religionsgemeinschaften vorschreiben, wie sie ihre Freiheit ausfüllen wollten. Aber es sei doch in vielen Fällen zu einem neuen Konsens zu finden, was im Rahmen des Grundgesetzes im Namen der Kirchenfreiheit möglich sein dürfe.

"Wir Grüne unterstützen die Forderungen
nach mehr weiblicher Teilhabe als ein
grundlegendes Menschenrecht auch
im Sinne des Katholischen Glaubens“
Gabriele Triebel, religionspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der bayerischen Grünen

Das gelte eben auch für die katholische Kirche. Angesichts von „immer lauter werdenden Rufen der Gläubigen nach Reformen, massenhaften Kirchenaustritten und einem eklatanten Nachwuchsmangel“, so Triebel, müsse diese „im eigenen Interesse über Reformen nachdenken“. Und „Maria 2.0“ kommt dabei aus Sicht der Grünen offenbar so etwas wie eine Avantgarde-Rolle zu: „Wir Grüne unterstützen die Forderungen nach mehr weiblicher Teilhabe als ein grundlegendes Menschenrecht auch im Sinne des Katholischen Glaubens“, stellt Triebel fest. Daher begrüße sie, „dass sich Frauen von ihrem Glauben nicht abwenden, sondern durch ein für Kirchenkreise ungewöhnliches Mittel auf ihre legitimen Forderungen aufmerksam machen“. Die Aktionen von „Maria 2.0“ seien dabei als „Weck- und Hilferuf zugleich“ zu verstehen.

Und Triebel macht auch gleich deutlich, wie die Grünen der „Protestbewegung“ zur Seite springen wollen. Nämlich mit Mahnungen an die Adresse der Bischöfe: Der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, habe sich zwar dafür ausgesprochen, dass Frauen mehr Macht in der Kirche bekommen sollten. Freilich aber nicht infolge einer Öffnung des Priesteramtes oder des Diakonats.

Demokratie nicht auf Frauenrechte beschränken

Für Triebel ist das unzureichend. Elisabeth Kötter wiederum von „Maria 2.0“ betont, dass Demokratisierung in der Kirche sich ihrem Verständnis nach natürlich nicht auf Frauenrechte beschränken dürfe, sondern letztlich die gesamte Weltkirche entsprechend zu reformieren wäre. Beide Seiten hoben zwar die Bereitschaft zum Dialog auch mit den Gegnern dieser kirchenpolitischen Agenda hervor. Die Argumente aber, dass die Kirche nun einmal keine Demokratie sei und dass mit der Inanspruchnahme der Gottesmutter für dieses Reformprogramm sich viele in ihrem Glauben verletzt fühlten, wurden nicht diskutiert.

Dieses Zusammentreffen zwischen bayerischen Grünen und „Maria 2.0“ ist auch aufschlussreich, weil es unterstreicht, wie die Partei hier an bestimmte innerkirchliche Milieus Anschluss finden will. Oder eben auch längst Anschluss gefunden hat. Die Partei bietet sich dabei als eine Art Dienstleister für die Anliegen der Protestbewegung im politischen Raum an.