Die Krippe – Ein Notbehelf

Bindung geht vor Bildung – Erste Folgen der Fremdbetreuung werden spürbar – Die Präsenz der Mutter ist wichtiger, als von der Politik gedacht. Von Jürgen Liminski

Um zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen zu können, benötigen Kinder die Präsenz der Mutter – Die Krippe ist nur ein Behelf. Foto: IN
Um zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen zu können, benötigen Kinder die Präsenz der Mutter – Die Krippe ist nur ein B... Foto: IN

In manchen Familien gibt es auch heute noch Krippenspiele. Das ist natürlich eine Frage der Manpower, besser: Der Kinderzahl. Der Autor erinnert sich an eine Szene vor einigen Jahren, die Kinder spielten, wie immer in eigener Regie, die „Flucht nach Ägypten“. Die Szene: Unter dem Tisch stand Tobias, damals zehn Jahre alt, auf allen vieren und sagte, nein, stieß ständig aus: „Iah, iah, iah“. Vor dem Tisch saßen Arnaud (sechs) als der heilige Josef und David (acht) als die „noch heiligere“ Maria, zwischen ihnen in einer behelfsmäßigen Krippe lag eine Puppe, denn der dreijährige Nathanael, den alle Momo nennen, wollte diesmal nicht das Jesuskind spielen. Er streikte. Plötzlich schwebte ein großes, weißes Bettlaken durch die Wohnzimmertür, sodass es selbst Tobias den Doppellaut verschlug, und aus dem Engelstuch klang feierlich die Stimme Thibauts (elf): „Josef, Josef, nimm eilends das Kind und flieh' nach Ägypten, denn die Häscher des Herodes trachten ihm nach dem Leben.“ Arnaud blickte hoch und sagte: „Und was mach' ich mit Maria?“ Die wusste schon Bescheid: „Ich komm doch mit, Mann!“ Dann setzte sie sich auf Tobias, der inzwischen seine Stimme wiedergefunden hatte, Josef legte die Puppe drauf und alle zogen eilends und mit lautem Iah aus dem Wohnzimmer, Richtung Ägypten. Der Applaus war euphorisch.

Zurück blieb die Krippe, ein Gestell aus Puppenbett und Mauerresten einer Playmobilburg, irgendwie undefinierbar, behelfsmäßig eben. Sie hatte für das Spiel nur die Bedeutung der Ablage. So ist es auch im wirklichen Leben. Die Krippe ist ein Ort der Ablage, auch wenn sich die Erzieherinnen noch so engelhaft um die Kinder kümmern. Sie können die Mutter nicht ersetzen. Der Begriff Krippe ist im Lauf der Jahrhunderte verklärt worden, doch die Kernbedeutung geblieben: Es ist ein Ausweichplatz, ein Notbehelf. Hier und da wird das erkannt und deshalb wird der Begriff auch eingetaucht in einen anderen, moderneren, umfassenderen: Die Kita. Und hier beginnt die erste Vernebelung. Denn die Kindertagesstätte (Kita) umfasst Kleinkinder von null bis sechs Jahren, von der Geburt bis zur Einschulung. Die sogenannte Krippe aber geht nur von null bis drei, von der Geburt bis zum Kindergarten. In den zwei Einrichtungen sind die Bedürfnisse für das Kind sehr unterschiedlich. Im Alter unter drei kann die Entwicklung in einem Monat schon riesig sein. Zdenìk Matìjèek, ein tschechischer Kinderpsychologe, berühmt wegen des Films „Kinder ohne Liebe“ aus den frühen sechziger Jahren und Mitbegründer der SOS-Kinderdörfer sagt es aus der Sicht des Kindes so: „Ein Kind unter drei käme nie auf die Idee, eine Krippe zu besuchen. Aber Kinder über drei tun alles, um einen Kindergarten zu erfinden.“

Der Eintritt in den Kindergarten ist in jedem Fall für Kind und Mutter eine Zäsur, ein Einschnitt mit lebensprägender Kraft. Das Kind ist danach nicht mehr dasselbe wie vorher. Wenn diese Zäsur vorverlegt wird, dann verstärkt sich die Prägekraft und zwar negativ – hier scheiden sich freilich die Geister, je nachdem, ob man die Zäsur aus kurzfristig wirtschaftlicher, arbeitsmarkttechnischer Perspektive sieht oder aus der Sicht des Kindes und damit auch für die Gesellschaft, allerdings langfristig. Auf jeden Fall ist die Unterscheidung wesentlich. Kaum jemand hat etwas gegen Kindergärten einzuwenden. Gegen Krippen aber mehren sich die Einwände und Befunde. Sie zerstören die Legende von der Krippe als Wohltat und offenbaren: Die Krippe ist wirklich nur ein Notbehelf.

Das will in Politik, Medien und Wirtschaft jedoch nur eine Minderheit hören. Viel lieber beteiligt man sich an der Dauermanipulation, an der fortgesetzten Vernebelung. Zur Vernebelung gehört eine semantische Nebelkerze: Die frühkindliche Erziehung. Der Begriff wird nahezu mythisch verwendet; wer die angeblichen Errungenschaften und Methoden der frühkindlichen Erziehung infrage stellt, gilt als rückständig, reaktionär, borniert. Genau das aber muss man den Apologeten der Krippen, die darin das Heil für Kinder und (berufstätige) Mütter sehen, sagen: Sie nehmen die Erkenntnisse der Hirn- und Bindungsforschung nicht wahr und verdrängen sie. Sie hinken der Wissenschaft hinterher, sie betätigen sich als Krippenideologen und das nicht nur in der Wirtschaft, wofür man wegen des Fachkräftemangels fast Verständnis haben könnte, sondern auch in Medien und in der Kirche.

Unter frühkindlicher Erziehung versteht man im heutigen medialen Diskurs in der Regel die Aneignung kognitiver Kenntnisse: Berühmt ist das Beispiel des Chinesischlernens. Mit Stolz erzählen Pädagogen oder Eltern von zweisprachigen Kitas und meinen damit in der Regel Kindergärten. Auch hier wieder: Die kognitiven Fähigkeiten und Bedürfnisse sind in Kindergärten größer als in Krippen, für Unter-Dreijährige dagegen sind die emotionalen Bedürfnisse stärker, wenn man die beiden Bedürfnisse überhaupt voneinander trennen kann. Wissensbildung setzt emotionale Strukturen voraus, die Bindungsforscher sind sich einig in dem Satz: Bindung geht der Bildung voraus. Stanley Greenspan, ein Pionier der Bindungsforschung, verdichtet diese Erkenntnis in dem Satz: „Emotionen sind die Architekten des Gehirns.“ Frühkindliche Erziehung ist zuerst emotionale Fürsorge, Zuwendung, Zärtlichkeit. Und das braucht Zeit. Mütter lieben zeitlos, Erzieherinnen nur von halb acht bis halb fünf, danach ist die Tür zu oder Schichtwechsel.

Für große Pädagogen wie Heinrich Pestalozzi resümieren sich die Bedürfnisse von Kleinkindern auf die Formel: „Erziehung ist Liebe und Vorbild, sonst nichts.“ Karl-Heinz Brisch, Bindungsforscher in München, ist ebenso kategorisch, wenn er sagt: „Frühkindliche Bindung ist so grundlegend wie die Luft zum Atmen.“ Sein britischer Kollege, Jay Belsky, der führend beteiligt war an einer der wenigen Langzeitstudien in der Bindungsforschung, drückt es so aus: Das Kind brauche eine Person, von der es sicher fühlt, dass sie so verrückt nach ihm ist, dass sie alles tut. Der bereits zitierte Tscheche Matìjèek formuliert es so: „Was ein kleines Kind am Nötigsten braucht, ist die intensive und dauerhafte Gefühlsbindung zur Mutter. Wird dieser Kontakt unterbrochen und erhält das Kind keine Ersatzperson, zu der es ähnliche Beziehungen aufnehmen kann, so stellen sich seelische Schädigungen ein.“ Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth sagt: „Das Fehlen von Bindung ist der GAU in der psychischen Entwicklung.“ Der Neurobiologe Joachim Bauer schreibt: „Versuche, Kinder ohne emotionale Zuwendung, sondern ausschließlich rational oder vernünftig zu erziehen, haben schwere seelische Beeinträchtigungen zur Folge.“

Bindung ist nicht vorgegeben, sie bildet sich nach einem Fahrplan der Natur, neudeutsch: sie entsteht entwicklungspsychologisch und zwar schon im Mutterleib. Bindung ist der reiche Nährboden, aus dem die Persönlichkeit des Kindes erwächst. Aus Sicht des Kindes besteht dieser Nährboden aus der Erkenntnis und dem Gefühl, dass sie (die erste Bezugsperson, in der Regel die Mutter) für mich leidet, dass sie da ist, dass sie mich bejaht, mich bedingungslos und selbstlos liebt, mich bestätigt in meinem Sein und meinem Handeln. Der Nährboden ist die Beziehung selbst, inkarniert in der Person, die verrückt nach mir ist. Diese Gewissheit des bedingungslosen Geliebtwerdens schafft das Urvertrauen: existenzielle Sicherheit, Geborgenheit und emotionale Stabilität. Kann solche Bindung in der Krippe nicht hergestellt werden?

Bindung ist personal. Die Wissenschaft redet von Bezugspersonen. Die Liebes- oder Bindungsbeziehung ist in der Tat sehr persönlich, so wie Emotionen sehr persönlich und individuell unterschiedlich sind. Es sind körperliche Interaktionen, die Bindungen schaffen. Brisch schreibt: „Körperkontakt ist die beste Art, einem Säugling eine beruhigende Erfahrung zu vermitteln, wenn er durch Angst und Gefahr gestresst ist, vielleicht weint – und voraussichtlich auch aktiv körperliche Nähe sucht.“ Stanley Greenspan spricht von „Floortime“, wenn man das Kleinkind auf den Schoss nimmt oder in die Hocke geht und sich auf seine Augenhöhe begibt. Ross Campell misst dem Augen- und Körperkontakt nicht nur bei Kleinkindern höchste Bedeutung bei. Durch Augen- und Hautkontakt werde der emotionale Tank gefüllt, die emotionale Stabilität wieder hergestellt. Wer einmal gesehen hat, wie Kleinkinder verzweifelt weinen und sich sofort beruhigen, wenn die Mutter wieder ins Sichtfeld tritt und erst recht, wenn sie den Säugling auf den Arm nimmt, für den ist das evident. Zahlreich sind die gefilmten Untersuchungen, in denen der Unterschied zwischen selbst- und fremdbetreuten U-3-Kindern festgehalten wird. Fremdbetreute weinen vielleicht nicht so sehr, wenn Mama geht. Sie leben aber auch nicht so auf und wollen Mama auch nicht die Welt zeigen. Sie sind apathisch, resigniert. Selbstbetreute Kinder dagegen zeigen Mama alles, was sie entdeckt haben, wenn sie wieder zu emotionalem Gleichgewicht gefunden haben, von dem aus sie die Welt wieder erkunden können.

„Unstrittig ist“, so der verstorbene Kinderpsychotherapeut Wolfgang Bergmann, „dass alle seelischen Entwicklungen von Kleinkindern über ihr Körpergefühl, ihre körperlichen Handlungen und Speicherung wiederum im Körperempfinden geprägt sind. Das Körpergefühl der Kleinsten ist eine biologische Tatsache, geprägt von den vorgeburtlichen Wahrnehmungen wie Mamas Stimme, Mamas Körperbewegung, sogar von der Musik, die Mama am liebsten hörte, und von den ersten Körpergefühlen nach der Geburt. (...) Es gibt dem Kind die Gewissheit, bei all seinen Entwicklungsveränderungen niemals ein Nicht-Ich zu sein.“

Diese körperliche Nähe durch Augen-und Hautkontakt kommt in der Krippe zu kurz. Der australische Kinderarzt und Kindheitsforscher Steve Bidulph hat herausgefunden, dass Kinder in einer normalen Krippe maximal pro Tag acht Minuten Augenkontakt zu der engsten Erzieherin haben, das ist etwa so viel wie ein Säugling bei einem der fünf, sechs Stillvorgänge pro Tag genießen kann, ganz zu schweigen vom Haut- oder Hörkontakt (Stimme, Herzschlag), den das Kind hat, wenn es getragen oder in den Schlaf gewiegt wird. Die Krippe kann all das nicht leisten, schon weil die Kindergruppe zu groß und das Personal zu knapp ist. Wenn aber das Kind zu viel Stress durch zu lange Trennungen von der Mutter erlebt, kommt es, wie die Hamburger Psychoanalytikerin und Expertin für frühkindliche Betreuung, Ann Kathrin Scheerer, in einem Interview sagt, zu „Trennungsängsten, die so groß sind, dass engere Bindungen lieber generell vermieden werden. Oder zu Gefühlsäußerungen aus Angst vor Zurückweisung. Dann sind die Menschen oft traurig, unruhig oder ängstlich. Ihnen fehlt das, was wir Urvertrauen nennen. Das ist nämlich keineswegs angeboren. Wir können zudem davon ausgehen, dass häufig wechselnde und unterbrochene Betreuungserfahrungen in zu großen Gruppen von Kleinkindern einen Einfluss haben auf spätere Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizite.“ So schlägt mangelnde Bindung auch auf die Bildungsfähigkeit durch.

Sieben Jahre nach Beginn der Krippenoffensive durch die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen ist das am Beispiel Sprache festzustellen. Die kritischen Phasen des Spracherwerbs sind in den ersten drei Jahren nur optimal nutzbar durch eine enge Mutter-Kind-Bindung. Schon zu Beginn seines Lebens hört der Fötus im Mutterleib die Darmgeräusche der Mutter, ihren Herzschlag, ihre Stimme. Der früheste Sinn – übrigens auch der letzte, der beim Sterben schwindet – ist der Hörsinn. Der Fötus schwimmt im Fruchtwasser, hat kaum Berührungen, aber er hört. Klänge, die das Kind vor der Geburt hörte, erkennt es nach der Geburt schneller. Kinder mit einer französisch sprechenden Mutter reagieren bereits nach zwei Tagen auf französische Klänge, nicht aber auf andere Sprachen. Das Kind ist auf die Stimme der Mutter fixiert, nicht auf die des Vaters oder der Erzieherin. Man sagt nicht umsonst Muttersprache. Alle anderen Stimmen waren und sind nicht flüssigkeitsgekoppelt. Sprechenlernen heißt die Atmung kontrollieren, die Stimme frequenzmäßig aktivieren, die Zunge koordinieren und all das über das Gehör zu korrigieren. In dieser Phase der ersten drei Jahre ist der motivierende, enge Kontakt zur Mutter, die mit dem Baby spricht, enorm wichtig. Beide kommunizieren in der sogenannten Ammensprache: Vokale werden lang gezogen und verdoppelt (daadaa, dudu), Konsonanten verstärkt. Das Kind lernt durch Imitieren, es kann sich stark auf alles konzentrieren, was die Mutter macht (Mund-und Kopfbewegungen, tief einatmen, Lippen spitzen). Es ist ein Prozess, der viel Zeit erfordert und natürlich Präsenz. Ist die Mutter nicht da, findet er nicht oder nur eingeschränkt statt, je nachdem, wer die ersetzende Bezugsperson ist. Seit Beginn der Krippenoffensive ist mit der Verdoppelung und Verdreifachung der Fremdbetreuung auch die Zahl der sprach- oder sprechgestörten Kinder enorm gestiegen. Logopäden erleben seit einigen Jahren einen explosiv ansteigenden Bedarf. Der Leiter am Institut für Physiologie und Biokybernetik der Uni Erlangen-Nürnberg, Professor Manfred Spreng, folgert: „Mangelndes Sprechen und Sprachverstehen zieht Lese- und Rechtschreibstörungen nach sich und die ganze kognitive Entwicklung leidet. Wir denken ja in Sprache. Es ist entscheidend, dass sich die Sprache entwickelt, gut entwickelt. Das geht aus meiner Sicht nur in den ersten drei Jahren durch den engen Kontakt zwischen Mutter und Kleinkind.“

Familienministerin Manuela Schwesig redet nun einer Qualitätsoffensive für die Krippen das Wort. Sie strebt einen Personalschlüssel von drei Kindern pro Erzieherin an. Dafür gibt es aber weder genug Frauen und Männer, die ErzieherInnen werden wollen, noch die entsprechenden Ausbildungsplätze. Die Krippenoffensive wird bald eine halbe Million neue Krippenplätze geschaffen haben, aber weder in den Budgets des Bundes noch der Länder sind die Kosten für 150 000 Ausbildungsplätze für künftige ErzieherInnen vorgesehen. Es bleibt bei den „Parkplätzen“ für Kleinkinder. Diese werden noch mit weiteren Problemen zu tun haben. Etwa dem mangelnden Schlaf. Ein Kind zwischen sechs und zwölf Monaten braucht etwa 13 Stunden Schlaf, danach bis zum Alter von vier Jahren etwa 12 Stunden pro Tag. Wichtig für die Ausschüttung von Wachstumshormonen – auch des Hirnwachstums – ist der langsame Wellenschlaf, der sich bei längeren Schlafphasen einstellt. Bei dem üblichen Lärmpegel in Krippen ist dieser Schlaf kaum regelmäßig zu haben. Der langsame Wellenschlaf wird reduziert, das Wachstum auch. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Resistenzfähigkeit bei mentalen Erkrankungen. Die auffällig verminderte Konzentrationsleistung von Krippenkindern hat damit zu tun.

„Keine Erfahrung wird je vergessen“, sagt der Heidelberger Psychoanalytiker Ludwig Janus. Sicher sei, dass die Gefühlswelt der Mutter auch das Seelenleben des Kindes präge. „Wir sind Beziehungswesen – alles, was wir können, lernen wir nur über die Aufnahme von Kontakt.“ „Wir brauchen, dass die Mutter uns ansieht, uns anfasst, uns aufnimmt.“ Aus der Entwicklungsneurobiologie weiß man mittlerweile, dass die Phase des verstärkten Synapsenwachstums, das den Grad der Vernetzung von Neuronen bestimmt, für viele Bereiche des Gehirns im ersten bis zweiten Lebensjahr liegt und in dieser Entwicklungsphase ist das Verhalten der ersten Bezugspersonen von nachhaltiger Bedeutung.

Entscheidend ist die emotionale Stabilität, die permanente Zuwendung. Sie vermittelt das Gefühl existenzieller Sicherheit. Um diese Sicherheit geht es vor allem. Sie wird verankert durch Kommunikation und Kommunikation setzt Präsenz voraus. Es ist schlicht Unsinn, von einem Kleinkind zu verlangen, seine Fragen aufzuheben oder im Computer zu speichern für die sogenannte intensive Zeit abends, die „quality time“, wenn Mama wieder da ist. Präsenz und Kommunikation sind konstitutiv für Erziehung. Die Kontinuität der Beziehung, die Anerkennung der Gefühle, die Fürsorge, die Bestätigung, das Lob, auch die erklärende Kritik – all das setzt Präsenz voraus. Das ist in der sensiblen Phase der Schwangerschaft sozusagen naturgegeben, in der kritischen Phase der frühen Kindheit, wenn die emotionale Abhängigkeit des Kindes von der Mutter am stärksten ist, gebietet es die Natur eigentlich auch. Die Bindung, die sich in den ersten neun Monaten herausgebildet hat, lässt sich nicht folgenlos kappen. Das Urgefühl existenzieller Sicherheit nimmt Schaden, wenn die Präsenz auf ein paar Stunden beschränkt und das Kind ansonsten in sogenannte professionelle Hände gegeben wird. Diese Hände können nicht so lieben wie die der Mutter. Deren zuwendungsbereite Präsenz ist wie ein permanent laufender Sicherheitsgenerator. Dank ihrer lernt das Kind, ruhig zu werden und der Welt mit ihren Gegenständen, Geräuschen, Gerüchen, visuellen Eindrücken und Bewegungen Aufmerksamkeit zu schenken. So lernt es, die Welt einzuordnen. Denn, so Stanley Greenspan, „eine Welt, die einen Sinn hat, ist eine Welt, die ein Gefühl der Sicherheit zu geben vermag.“

So könnte man fortfahren mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die zeigen, dass Fremdbetreuung in der Krippe mit erheblichen Risiken verbunden ist. Nicht nur für das Kind, sondern auch für die Gesellschaft und für die Kirche. Denn ohne Bindung kein Urvertrauen. Ohne Urvertrauen keine reife, Persönlichkeit. Ohne Persönlichkeit keine freie Entscheidung zum Glauben an Gott.

Ohne Urvertrauen kann man auch nicht verstehen, warum Gott bedingungslos zu mir steht, warum er sich kreuzigen ließ. Die Kreuzigung war kein Deal, sie war eine Liebestat. Bindungsfähigkeit entscheidet auch über die Bekenntnisfähigkeit. Ohne Bindung pendelt man zwischen Optionen. Gelungene Bindung und Autonomie erleichtern dagegen die Standhaftigkeit im Glauben. Die Krippe erfüllt all diese Kriterien nicht. Nicht umsonst nannte der große Anthropologe, der heilige Johannes Paul II., das Muttersein den wichtigsten Beruf. Dieser Beruf gibt sozusagen treuhänderisch die Liebe und den Glauben weiter. Ihn sollte man fördern.