Die Finanzkrise hilft Obama in den „Swing States“

Die entscheidende Frage lautet: Welche Rolle spielt die Hautfarbe in der Wahlzelle? – Ein Lokaltermin in Missouri

„Wow, kann ich da nur sagen!“ Selbst der sonst coole Barack Obama war überrascht. Rund 100 000 Anhänger hatte er zum Endspurt des Wahlkampfs unter der Getaway-Arch in Saint Louis versammelt. Die bislang größte Massenveranstaltung im Wahlkampf 2008 – nur in Berlin waren es im Juli etwa doppelt so viele.

Missouri ist für den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten zu einem Schlüsselstaat geworden. Der 198 Meter hohe Stahlbogen am Ufer des Mississippi ist Symbol für die Landnahme weißer Siedler im 18. und 19. Jahrhundert, als Tor zum Westen. Hier führt auch die berühmte Route 66 vorbei. Sie beginnt in Obamas Heimatstaat Illinois und führt über Saint Louis nach Kalifornien. Obama besucht in dieser letzten Wahlkampfphase jene Staaten, die als „Swing States“ noch unentschieden sind.

„Die Winds of Change wehen hier in Missouri, sie wehen in Michigan, sie wehen in Illinois, sie wehen in Virginia und sie wehen in Ohio“, damit umriss Obama das Ziel seiner letzten Anstrengungen vor der Wahl am 4. November. In Missouri lag er über Monate zehn Prozentpunkte hinter seinem demokratischen Rivalen McCain. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise wurde der Bundesstaat zum Swing-State. Inzwischen geben die Meinungsforschungsinstitute Obama hier einen leichten Vorsprung. Missouri gilt als „bellwether State“, als Indikator für politische Stimmung und Wahlausgang. Seit 1904 stimmten seine Bewohner jeweils für den Wahlsieger, außer bei der Wahl Dwight Eisenhowers 1956. Politisch wie kulturell weist er einen deutlichen Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Gebieten auf. Der ländliche Raum mit seinen vielen Kirchen wird von Beobachtern zum Bibel-Belt gezählt, dem „Gürtel“ südlicher Staaten, die kulturell von einem wertkonservativen Protestantismus geprägt sind. Der Anteil der Evangelikalen beträgt hier 37 Prozent und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der Vereinigten Staaten. Auf ihre Stimmen baute George W. Bush seinen Erfolg. Mit stark moralisch aufgeladenen Wahlkampfthemen konnte er 2004 fast alle 112 Countys des Bundesstaates für sich gewinnen. Sein demokratischer Gegenkandidat John Kerry gewann nur in den Städten Saint Louis, Kansas City und Jackson. Allerdings wendete sich das Blatt langsam, seit die Demokratin Claire McCaskill bei den Senatswahlen 2006 knapp über ihren republikanischen Gegenkandidaten James M. Talent siegte.

Die wachsende Unzufriedenheit mit der Regierung Bush gipfelt nun in der Finanzkrise, die Obama klar entgegenkommt – zumal in Missouri. Im August verzeichnete Missouri mit 6,6 Prozent die höchste Arbeitslosenrate seit mehr als zehn Jahren. Und schon vor dem Krach an den Finanzmärkten zeichnete sich in dem Bundesstaat die Krise ab. Als Menetekel gilt der Verkauf der Anheuser-Busch-Brauerei an die internationale InBrev-Gruppe mit Sitz in Belgien. Der US-amerikanische Brauerei-Konzern, den der Bad Kreuznacher Braumeister Eberhard Anheuser und sein Schwiegersohn Adolphus Busch aus Mainz-Kastell 1870 in Saint Louis gründeten, hat immerhin einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent auf dem US-Markt. Bekannt ist vor allem das „Budweiser“. Als Anfang 2008 das Übernahmeangebot der Belgier bekannt wurde, wertete die amerikanische Öffentlichkeit dies als Angriff auf die nationale Identität. Auch Obama wandte sich gegen den Verkauf. Nach einem abschließenden Angebot stimmte der Verwaltungsrat der Übernahme zu. Die Öffentlichkeit wertete den Verkauf an Europäer als Zeichen für die Schwäche des Dollars und als Demütigung. Die Verunsicherung sitzt tief, auch bei David Liszewski. Der Brauerei-Angestellte hat angesichts von Finanzkrise und neuem Eigentümer „vor allem Angst um den Job und das Ersparte“. Von den Kandidaten erhofft er sich wenig: „Der eine ist zu jung und unerfahren in der Außenpolitik und der andere wäre der älteste Präsident bei Amtsantritt.“ Liszewski ist, wie viele, noch unentschieden.

Noch größere Sorge um ihre Arbeitsplätze haben die Angestellten in der Autoindustrie, einem der wichtigsten Industriezweige des Bundesstaates. General Motors und Chrysler verhandeln derzeit über einen Zusammenschluss. Dies könnte für die ohnehin gebeutelte Autobranche einen weiteren Stellenabbau bedeuten. Beide Firmen unterhalten Montagewerke in Wentzville und Fenton, mit mehr als 7 300 Angestellten. Angesichts des immensen US-Haushaltsdefizits befürchteten Fachleute zudem weitere Einsparungen bei Zulieferern der Rüstungsindustrie, von denen es ebenfalls einige in Missouri gibt.

So kommt Obamas wirtschaftspolitische Hauptbotschaft, Steuererleichterungen für die Mittelklasse, gut an – zumal die Regierung des Republikaners Bush für die desolate Lage verantwortlich gemacht wird. Auch John Pappert, der Präsident des Deutschen Kulturvereins in Saint Louis, teilt die Sorge um die Wirtschaftslage. Rund 30 Prozent der Bevölkerung ist deutschstämmig, schätzt Pappert. Missouri war im 19. Jahrhundert Ziel deutscher Auswanderer, und ein weiteres Mal nach dem Zweiten Weltkrieg. An die Präsenz der Deutschstämmigen erinnert eine Schillerstatue an der Memorial Plaza unweit des Rathauses. Bislang wählten sie eher republikanisch, meint John Pappert – ohne Vorhersagen über die anstehende Wahl machen zu wollen. „Für uns spielt neben der Wirtschaftsfrage die Gesundheits- und Altersversorgung eine wesentliche Rolle.“

Dennoch wird es für Obama nicht leicht. „Schon Kerry hat sich die Zähne an den Konservativen, vor allem in den ländlichen Gebieten, ausgebissen“, meint der Politikwissenschaftler der Saint-Louis-Universität Kenneth Warren. Sie halten weiter zu McCain, der sich bei den Vorwahlen nur knapp gegen seinen innerparteilichen Rivalen, den Baptisten-Prediger Mike Huckabee durchsetzen konnte. Dieser hatte seine Stimmen mit den klassisch konservativen Themen, vom Kampf gegen Abtreibung und Euthanasie bis zu Steuersenkungen und einer Verschlankung der Regierung, gewonnen. Nach Ansicht Warrens kann sich Obama neben der städtischen Bevölkerung „zunehmend auf die jüngere, gut gebildete Schicht in den wachsenden Vorstädten stützen“. Allein der „Speckgürtel“ von Saint Louis zählt knapp eine Million Einwohner. Hier sieht Warren die deutlichsten Wählerverschiebungen. Die Menschen dort wählten früher eher republikanisch, „doch die neue Generation ist globaler orientiert, stärker an grünen Themen interessiert und moralisch liberaler gesinnt“.

Obama kann sicherlich mit der überwältigenden Zustimmung des schwarzen Bevölkerungsanteils in den Großstädten rechnen. Sie beträgt in Missouri 14 Prozent, konzentriert sich aber vor allem auf Saint Louis. Mehr als die Hälfte der 350 000 Einwohner sind Afroamerikaner. Zu den berühmtesten Söhnen und Töchtern der Stadt gehören die Tänzerin Josefine Baker, Jazz-Legende Miles Davis und der Rock n‘ Roll-Sänger Chuck Berry. Für Warren ist die Rassenfrage die große Unbekannte im Wahlkampf. Offen sei, wie weiße republikanische Wähler in der Wahlkabine tatsächlich abstimmten. Die Positionen schwarzer Politiker in Kansas und Saint Louis stoßen nicht immer auf große Gegenliebe in anderen Teilen des Bundesstaates. Schwarze beklagen sich wiederum, dass ihre Anliegen von weißen Demokraten nach den Wahlen nicht hinreichend berücksichtigt werden.

In jedem Falle wird die Hautfarbe für Obama Einbußen bringen, ist Warren überzeugt. Das schließt er aus einem Vergleich der Zustimmung zu weißen demokratischen Kandidaten bei der anstehenden Gouverneurswahl in Missouri. Dort liegt die demokratische Kandidatin Jay Nixon laut Public Policy Polling mit 52 Prozent weit vor Kenny Hulshof von den Republikanern. Ähnliche Unterschiede ergeben sich bei den Bewerbern um weitere Ämter. Sie unterscheiden sich deutlich von Obamas knappem Vorsprung. Warren rechnet mit bis zu sechs Prozent Einbußen für Obama aufgrund seiner Hautfarbe in Missouri. Damit bleibt für ihn dieser Faktor die eigentliche Unbekannte bei den US-Wahlen.