Der schwarze Frühling

Kommenden Dienstag wird Burkina Fasos neuer Präsident, ein Katholik, vereidigt. Von Michael Gregory

Roch Marc Christian Kaboré. Foto: dpa
Roch Marc Christian Kaboré. Foto: dpa

Burkina Faso bleibt weiter ein Stabilitätsanker in Westafrika und demokratisches Vorbild für den gesamten Kontinent. Am kommenden Dienstag soll der neue Staatspräsident Roch Marc Christian Kaboré vereidigt werden. Bis zu seiner Wahl Ende November hatte das Land eine schwierige Zeit hinter sich gebracht: Im Oktober 2014 gab es einen Volksaufstand, in dessen Zuge der 27 Jahre lang regierende Präsident Blaise Compaoré außer Landes geflohen war. Compaoré hatte sich Ende der 1980er Jahre selbst an die Macht geputscht und wollte im vergangenen Jahr die Verfassung ein zweites Mal ändern lassen, um weiter im Amt bleiben zu können. Nach wochenlangen Massenprotesten musste er aber seinen Hut nehmen. Es kam zu einer Übergangsregierung. Im September 2015 folgte dann ein Staatsstreich durch die immer noch mächtige, einst von Compaoré aufgebaute Präsidentengarde – der sechste Putsch seit der Unabhängigkeit des früheren Obervoltas von Frankreich 1960. Der dabei an die Macht gekommene General Gilbert Diendéré trat aufgrund internationalen Drucks allerdings wieder zurück und wurde inhaftiert.

Die Revolte im vergangenen Jahr halten viele Beobachter für besonders bemerkenswert, weil sie nicht vom Militär oder irgendwelchen mächtigen Interessensgruppen ausgegangen, sondern von der jungen Zivilgesellschaft Burkina Fasos initiiert worden war, die als „Balai Citoyen“ („Bürgerbesen“) gegen die verkrusteten Strukturen antraten. In Anlehnung an den „Arabischen Frühling“ sprachen viele erwartungsvoll von einem „Schwarzen Frühling“. Zudem wird der Aufstand für seinen insgesamt friedlichen Verlauf gerühmt – auch das keine Selbstverständlichkeit. Mit der jetzt vom Verfassungsgericht Burkina Fasos für sauber erklärten und auch international anerkannten Wahl Kaborés zum neuen Präsidenten verbinden sich große Hoffnungen. Der 58-Jährige erzielte mit 53 Prozent bereits im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit. Kaboré ist Präsident der sozialdemokratischen Volksbewegung für Fortschritt (MPP), die sich im vergangenen Jahr aus Protest gegen die geplante Verfassungsänderung von Compaorés Regierung abgesetzt hatte. Insgesamt standen 14 Kandidaten zur Wahl. Eine beachtliche Zahl, die die Identität Burkina Fasos als ein Vielvölkerstaat widerspiegelt. Traditionell ist das Zusammenleben der Ethnien und Religionen friedlich. Das Land liegt an der Schnittstelle zwischen dem eher christlich geprägten Süden Westafrikas und dem muslimischen Norden.

Die Mehrheit der Burkiner sind Muslime

Mit rund 61 Prozent sind heute mehr als die Hälfte der Burkiner Muslime. Vorherrschend ist eine undogmatisch-pragmatische Variante des Islam, der Elemente von Naturreligionen einbezieht. Infolge intensiver Mission jedoch ist der Islam in stetigem Wachstum begriffen. Das erhöht den Druck auf andere Religionen, auch die katholische Kirche. Sie ist die mit Abstand stärkste christliche Kirche. Rund 19 Prozent der etwa 18 Millionen Burkiner bekennen sich zu ihr.

Auch Präsident Kaboré ist Katholik. Wie wird er auf den steigenden Druck reagieren, der von der Ausbreitung des radikalisierten Islam ausgeht? Ein Virus, das schon etliche andere Länder Westafrikas infiziert hat. Man denke an Boko Haram in Nigeria oder im Niger. Sich dieser Entwicklung zu widersetzen, dürfte Kaborés ganze Kraft fordern, denn Fundamentalisten haben in Afrika vor allem dort Zulauf, wo der Mangel besonders groß ist. Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern des Kontinents. Im „Human Development Index 2013“ rangiert das Binnenland auf Platz 181 von insgesamt 187. Zwar ist der Sahel-Staat der größte Baumwollproduzent Afrikas und verfügt über Goldvorkommen, doch Jugendarbeitslosigkeit und Analphabetismus sind weit verbreitet, selbst in der Hauptstadt Ouagadougou.

In den letzten Jahren seien „massive Probleme“ mit Terrorismus und islamischem Fundamentalismus aufgetaucht, berichtete der Westafrika-Spezialist Enrico Casale von der Ordensgemeinschaft der Weißen Väter vor kurzem Radio Vatikan. „In Burkina Faso gab es damit zwar noch keine unmittelbaren Probleme, aber das Thema streift das Land, und es wird damit umgehen müssen“, so Casale. Die demokratische Wende werde aber auch einen verstärkten Zufluss von Investitionsgeldern aus dem Ausland begünstigten.

Neben allen Hoffnungen, die auf Kaboré ruhen, gilt er nicht wenigen aber auch als Vertreter des alten Systems. Tatsächlich war Kaboré von 1994 bis 1996 bereits Premierminister und ab 2002 zehn Jahre lang Parlamentspräsident. Außerdem war er mehrere Jahre lang Präsident des „Kongresses für Demokratie und Fortschritt“ (CDP), der ehemaligen Regierungspartei Compaorés, gegen den jetzt ein internationaler Haftbefehl erlassen wurde.

Solche Vorwürfe weist Kaboré allerdings von sich. „Darüber haben wir doch schon gesprochen“, sagte er am Wahltag ärgerlich vor Journalisten. „Wir haben den totalen Bruch mit dem alten System. Das ist Vergangenheit. Wir sind für die Zukunft.“ Die Wahl sei „ein echter demokratischer Ritus“, sagt auch Casale. Die Bevölkerung selbst sei es gewesen, die den Langzeitherrscher Compaoré abwählte und danach „einem versuchten Staatsstreich widerstand, der versuchte, die alten politischen Gleichgewichte wiederherzustellen“. Dennoch: Ob Kaboré tatsächlich für den Wandel steht, muss er erst noch beweisen. Die Geschichte der Herrscher, die nicht hielten, was sie versprachen, ist lang in Afrika.