Der ignatianische Franziskus

Der Heilige Geist hat alle überrascht: Mit dem Argentinier Bergoglio besteigt der erste Lateinamerikaner und erste Jesuit den Stuhl Petri. Von Guido Horst

Verneigte sich vor den Gläubigen auf dem Petersplatz, die er um ihr Gebet gebeten hatte: Der frisch gewählte „Diener der Diener Gottes“ – Papst Franziskus I. Foto: KNA
Verneigte sich vor den Gläubigen auf dem Petersplatz, die er um ihr Gebet gebeten hatte: Der frisch gewählte „Diener der... Foto: KNA

Ein Wurf – und alle neune! Sie sind umgefallen wie die Kegel: Angelo Scola, Odilo Scherer, Sean Patrick O’Malley, Peter Erdö, Timothy Dolan, Peter Turkson, Mauro Piacenza, Gianfranco Ravasi, Robert Sarah – um die Namen der Kandidaten nochmals zu nennen, die man einen starken Monat lang als Nachfolger Papst Benedikts gehandelt hatte. Sie kamen alle als Kardinäle aus dem Konklave heraus. Aus einem Konklave, bei dem der Heilige Geist nur einen guten Tag brauchte, um die Papstwähler ganz woanders hin, um den halben Globus, bis an das Ende der Welt zu führen, damit sie den Richtigen finden. „Bergoglio?“ – wer ist das denn, fragten sich am Mittwochabend viele, auch die (in der Regel) gut informierten Journalisten. Mit taumelndem Kopf und angestrengter Stimme hatte der Protodiakon, der schwer kranke französische Kurienkardinal Jean-Louis Tauran, gerade erst den Namen des Gewählten auf Latein angesagt. Dann kam der Papstname. Franziskus. Und das ist ein halbes Programm.

Nördlich von Rom, an den Berghängen rund um das in einem fruchtbaren Tal gelegene Städtchen Rieti, weisen Straßenschilder auf vier kleine Heiligtümer hin. Es sind vier Orte, an denen Franz von Assisi zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts eine gewisse Zeit verbracht hat, nachdem er mit einigen Gefährten seine Heimatstadt in Umbrien verlassen hatte. Poggio Bustone: eine kleine Einsiedelei an einer schroffen Felswand, in die sich die „Büßer von Assisi“ mit Franziskus an der Spitze zurückgezogen hatten, als sie überhaupt nicht wussten, wie es weitergehen soll. Den Franziskaner-Orden, eine Regel oder Niederlassungen gab es da noch nicht. Greccio: Die Stätte des beginnenden franziskanischen Lebens, wo Franziskus das Krippenspiel erfand. Noch heute ist die kleine Zelle zu sehen, in der der Ordensgründer auf einem Steinblock schlief. La Foresta: Eine Steinhöhle, in die sich der kranke Franziskus zurückzog, weil seine Augen kein Licht mehr vertragen konnten. Und Fontecolombo im Westen Rietis, wo Franz in einer Felsspalte die Ordensregel niederschrieb, die Papst Honorius III. dann im Jahr 1223 billigen sollte, drei Jahr bevor der „poverello“, der „kleine Arme Gottes“, schließlich starb. Wer Franziskus romantisieren will und aus ihm einen friedliebenden Naturmenschen und sonnenbesingenden Freund aller Tiere macht, verkennt, wofür das Leben des heiligen Ordensgründers aus Assisi wirklich steht: für die Radikalität des Evangeliums. Nicht für Umsturz und Revolution. Sondern für ein Gleichwerden mit Jesus Christus, dem Fleisch gewordenen Sohn. Für ein demütiges Mitleiden, das aus der Gnade Gottes lebt. Wofür Jorge Mario Bergoglio ein sinnfälliges Zeichen setzte, als er sich am Wahlabend auf der Loggia des Petersdoms vor der Menge auf dem Petersplatz lange verbeugte, während diese auf seine demütige Bitte hin um den Segen Gottes für ihn betete.

Die andere Hälfte des Programms ist die Person selbst, der Argentinier Bergoglio, der schon im Konklave von 2005 eine beachtliche Stimmenzahl auf sich vereinigen konnte. Der erste Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri – und der erste Jesuit als Papst. Aber nicht den Namen des Ordensgründers Ignatius hat sich Bergoglio geben wollen. Die Mitglieder der Gesellschaft Jesu waren immer eine Elite. Erzieher der Jugend, Vorkämpfer der Gegenreformation, geistliche Berater an den Höfen des katholischen Adels. Gut ausgebildet, streng erzogen, Stoßtruppen Gottes, wenn es um die Evangelisierung neuer Kontinente ging. Vielleicht hat Bergoglio bei der Wahl seines Papstnamens auch an den Asienmissionar Franz Xaver aus seinem Orden gedacht. Beides nun kommt bei dem neuen Papst zusammen.

Die Frage nach Gott steht im Zentrum der Verkündigung

Zwei kritische Massen, wie bei einer Atombombe, die bei Berührung aber in diesem Fall nicht Zerstörung, sondern Reinigung bewirken sollen. Franziskus und Ignatius, die Armut und der Verstand, die Demut und der missionarische Eifer. Die Entsagung, die Besinnung auf die Radikalität des Evangeliums, mit einem Wort Entweltlichung. Und auf der anderen Seite der Dienst in der Welt und an den Menschen, vor allem den Notleidenden und Armen. Das ist das Profil des neuen Papstes. Um es mit Fleisch und Blut zu füllen, hat der Heilige Geist die im Konklave versammelten Kardinäle auf die andere Seite der Welt geführt, nach Buenos Aires, das auf der südlichen Hälfte des Globus liegt. Im Nachhinein scheint alles klar zu sein. Genau den Mann braucht jetzt die Kirche von Rom. Aber erwartet hatte es kaum jemand. Doch nun betet man auf der ganzen Welt im Hochgebet für Papst Franziskus – und das lässt Rückschlüsse auf die Stimmung unter den Kardinälen während der Generalkongregationen und des Konklave zu.

Vor allem italienische „vaticanisti“ hatten unter den Kardinälen und hier vor allem unter den Kandidaten für das Papstamt die Gruppe der „Ratzingerianer“ und die der „Kurialen“ unterschieden, diejenigen, die die Welt vor die Gottesfrage stellen, und diejenigen, denen es vor allem um die Institution Kirche geht. Das war nicht ganz falsch gedacht. Papst Benedikt war es wichtig, den Einbruch Gottes in die Menschheitsgeschichte als vernünftige und glaubhafte Hypothese auch für den modernen Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts einsichtig zu machen. Andere sorgten sich mehr darum, dass die Kirche „funktioniert“. Papst Franziskus ist weder das eine noch das andere. Er gehört nicht zu den „Kurialen“. Den Vatikan kennt er nicht von innen. Seine Aufenthalte in der Ewigen Stadt waren meist Kurzbesuche. Und ein „Ratzingerianer“ ist er auch nicht – die beiden trennen gerade einmal zehn Jahre – die geistigen Wurzeln des Jesuiten-Papstes liegen nicht bei Ratzinger, sondern woanders. Bei Franziskus und Ignatius eben.

Dennoch ist Bergoglio ein Mann, der wie Benedikt die Frage nach Gott und die radikale Botschaft des Evangeliums in den Mittelpunkt seiner Verkündigung stellt. In Glaubensfragen dürfte kein Blatt Papier passen zwischen Benedikt und Franziskus. Auf keinen Fall ist der neue Papst ein Mann des Apparats, ein „Kurialer“, einer, der Wert legt auf einen höfischen, zeremoniellen oder gar triumphalen Stil. Er ist einer, und das haben die Kardinäle gesucht, der die Kirche mit einem bescheidenen und gewinnenden Gesicht vertritt. Der als „Papst der Armen“ auch einmal für andere Schlagzeilen sorgt als die, die man in den vergangenen Jahren über die Kirche und den Vatikan im Besonderen lesen musste: Missbrauchsskandale, Nachlässigkeiten in der römischen Kurie, mangelnde Kommunikation, Ränkespiele im Vatikan und schließlich „Vatileaks“, Ungereimtheiten beim Geldinstitut IOR und Verwicklungen in unseriöse Finanzgeschäfte. Nichts Konkretes ist nach außen gedrungen von jenem Untersuchungsbericht über die Zustände im Vatikan, den die drei Ruhestandskardinäle im Auftrag von Benedikt XVI. zum Fall „Vatileaks“ angefertigt haben und dessen über dreihundert Seiten Papst Franziskus nun studieren kann. Aber dem Vernehmen nach soll es darin auch um Geld, Macht und Sex gegangen sein. Von Karrieredenken und Homo-Seilschaften war die Rede. Da haben die Kardinäle nach dem unerwarteten Rücktritt des deutschen Papstes jemanden gesucht, mit dem man eine Wende einleiten kann. Der die Kirche an den Gräbern Petri und Pauli und damit die Zentrale der Catholica wieder mit einem neuen Geist beseelt. Und der geistige Sohn des heiligen Ignatius gab dem einen programmatischen Namen: Franziskus.

Offensichtlich ist, dass man dem „Kurienneuling“ Bergoglio empfohlen hat, sich einen starken Staatssekretär zu suchen, der die von Benedikt XVI. eingeleitete Transparenz und Reinigung der römischen Kurie fortsetzt. Papst Franziskus ist mehr für die Außenwirkung da. Mit Spannung darf verfolgt werden, wie die wichtigen Personalentscheidungen aussehen, die er bald fällen wird. Und wie sich das Verhältnis zu seinem Vorgänger gestaltet. Mit einem Schlag hat sich im Vatikan alles verändert. Das haben die Kardinäle gewollt, nachdem Benedikt mit seinem Rücktritt den Weg für einen Neuanfang geöffnet hat. Oder für einen Aufbruch. Wie immer man das nennen will. Aber es sollte anders werden, im Vatikan. Das war der Wunsch der Papstwähler. Und des Heiligen Geistes, der sie, wie fromme Katholiken glauben, dabei inspiriert hat.