Der Glaube verbindet die Völker

Das krisengeschüttelte Europa braucht eine neue Perspektive der Hoffnung. Das Christentum hat dem alten Kontinent vieles anzubieten. Von Kardinal Péter Erdö

„Christus hat uns die Wahrheit vom Menschen verkündet und geoffenbart“ – Aus dem Glauben an den menschgewordenen Gott können Christen Hoffnung schöpfen Foto: Rainer Beckmann
„Christus hat uns die Wahrheit vom Menschen verkündet und geoffenbart“ – Aus dem Glauben an den menschgewordenen Gott kö... Foto: Rainer Beckmann

Trotz allem: Europa ist schon ein Segen. Damit meine ich nicht unbedingt die konkreten institutionellen Formen der immer engeren Zusammenarbeit der Länder des alten Kontinents, wohl aber die Tatsache, dass in diesem Teil der Welt Völker existieren, die gemeinsame kulturelle Wurzeln sowie eine sprachliche, geschichtliche und gesellschaftliche Identität haben, die nicht in eine graue Gleichförmigkeit verschmolzen werden dürfen. Diese Vielfalt, dieser Reichtum der Kulturen nährt sich bis heute vom gemeinsamen Erbe. Aus diesem Erbe ist das Christentum nicht hinauszudiskutieren.

In den Jahrhunderten der Spätantike und des Mittelalters haben die Völker die christliche Religion und den christlichen Glauben voneinander erlernt. Man fand heilige Glaubensverkünder aus dem Osten in England, von den britischen Inseln hatte man die „Schotten“ und dann besonders den heiligen Bonifatius im deutschen Raum, die Heiligen Kyrill und Methodius arbeiteten als Griechen unter den Slawen, Priester von Passau und der heilige Gerhard von Venedig verkündeten das Evangelium den Ungarn und der heilige Adalbert von Prag hat den Märtyrertod unter den Preußen erlitten. So verbinden der Glaube und das Zeugnis der alten und neuen Märtyrer und Bekenner diese Völker in einer innigen Verwandtschaft. Das Leben, die Existenz, die Eigentümlichkeit und Genialität der Völker sind doch natürliche Gaben und Geschenke Gottes. Es ist eine Tatsache, dass man in den alten Zeiten manchmal sogar in der Sache der Religion kollektiv gedacht hat. Die persönliche Entscheidung war zwar möglich, sie wurde jedoch nicht so individualistisch betont, wie oft später in der Geschichte. Heute weht wieder ein Wind, der uns zur Wahrnehmung der Notwendigkeit der wechselseitigen Verantwortung und Solidarität treibt. Persönliche Würde, Freiheit, Identität der Einzelnen, der Gruppen und Völker und ihre Verbindung und gemeinsame Verantwortung sind Gebote der Stunde. Vielleicht ist ein neues geistiges Gleichgewicht in Sicht. Damit diese innere und geistige Erneuerung gelingen kann, ist ein echtes Wertebewusstsein von Nöten. Man muss sehen und spüren, was uns verbindet. Christen können mit den Augen des Glaubens tiefer schauen und viele Schichten der Wirklichkeit entdecken, die uns Kraft geben, uns ermutigen und uns eine wahre Stabilität verleihen.

Vor einigen Jahren hat man vielleicht gedacht: Der Euro wird die Union oder sogar Europa stabilisieren. Er wird uns retten. Jetzt aber hat man den Eindruck, dass – eben umgekehrt – Europa den Euro retten soll. Zahlen und Statistiken, Finanzen und Techniken des wirtschaftlichen Lebens sind doch vom Menschen geschaffen. Man denkt öfters heiter oder ein wenig ernsthaft mit Dank oder Kritik an die alten Phönizier, die angeblich das Geld erfunden hätten. Was aber die finanziellen Krawalle der letzten Jahre tragen und ertragen muss, ist doch irgendwie der Mensch und die Kultur. Die Kräftereserven des menschlichen Herzens sind größer als man öfters denkt. Der menschliche Glaube ist eine gewaltige Quelle der Energie, besonders wenn er einen wahren Inhalt hat. Wir können also nicht verschweigen, dass wir in unserem Glauben nicht nur die subjektive Überzeugung hochschätzen, sondern auch die Wahrheit, die uns in ihrer Vollständigkeit von Christus gezeigt wurde: die Wahrheit vom Menschen. „Er wusste selbst, was im Menschen war“ (Johannes 2,25). Er kannte die Bosheit und die Leidenschaften, aber auch die Möglichkeit, sich mit seiner Hilfe zu bekehren. Wenn uns Christus zur Umkehr auffordert, dann wird dies auch immer möglich sein. Dieser Aufruf ist also ein großes Zeichen der Hoffnung. Gott wünscht ja von uns nichts Unmögliches. Sich zu bekehren bedeutet, das eigene Denken, die eigene Mentalität, aber auch das eigene Handeln zu verändern. Wollen wir das Wohl aller Menschen auf dieser Welt oder haben wir ganze Erdteile vergessen? Sind wir im Grunde genommen doch gleichgültig und werden wir erst schockiert, wenn uns das Fernsehen Bilder über Hungersnot, Krieg oder Naturkatastrophen zeigt? Haben wir einen christlichen Sinn für das Wohl Europas? Können wir uns vorstellen, dass unsere Völker ihrem eigenen Gemeinwohl besser dienen können, wenn sie Rücksicht auf die anderen nehmen? Spüren wir die Verantwortung für unsere eigene Sprache, Kultur und Geschichte, ihren Humor und ihre menschliche Atmosphäre, für die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten? Können wir uns vorstellen, dass Töchter und Söhne eines einzelnen großen und starken europäischen Volkes hinsichtlich der Mehrheitsentscheidungen auf kontinentaler Ebene andere Gefühle haben als die Bürger der kleineren und schwächeren Staaten, die sich schon um das kurzfristige Überleben ihrer Sprache und Kultur Sorgen machen?

Überhaupt: Was verstehen wir unter Gemeinwohl? Haben wir ein klares Bild vom Menschen und hoffen wir tatsächlich einigermaßen objektiv sagen zu können, was für den Menschen gut und was schlecht ist? Oder ergeben wir uns dem uferlosen Subjektivismus und der Zufälligkeit? Christus hat uns die Wahrheit vom Menschen verkündet und geoffenbart. Der Mensch ist ja doch ein Mikrokosmos, wie der unvergessliche Nikolaus von Kues geschrieben hat. Ähnlich wie die Geheimnisse des Weltalls, die den Forschern nach allen Entdeckungen immer neue Fragen stellen, werden wir wohl auch vom Menschen nie alles wissen. Wenn wir auf der Suche nach dem Gemeinwohl sind, wenn wir aufrichtig forschen, was für den Menschen gut ist, können wir das Menschenbild nicht auf das reduzieren, was wir vom Menschen heute aus wissenschaftlicher Perspektive wissen. Handeln müssen wir jedoch immer in der Gegenwart. Manchmal sogar sehr schnell. Wer kann damit Schritt halten? Wie können wir Alltagsmenschen das Gefühl haben, dass wir an den Entscheidungen beteiligt sind, etwa im Sinn der Tradition der „westlichen“ Demokratie, wenn die hektischen Änderungen der finanziellen Beurteilungen, Daten und Statistiken immer neue Schritte fordern? Eine der wichtigsten Herausforderungen für die heutige Moral ist ja die Kompliziertheit der Situationen. Wenn man nunmehr fast nur englische Abkürzungen, finanztechnische Fachausdrücke und Statistiken hört, kann man sich mit Entscheidungen und Veränderungen schwer identifizieren. Die Gefahr der Entfremdung der oft hauptsächlich nur wirtschaftlich motivierten Maßnahmen vom Leben der Menschen ist groß. Es gibt also eine wichtige Aufgabe für die Verantwortlichen des öffentlichen Lebens in ihrem Handeln als auch in ihren Worten: das wahre Wohl des ganzen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Was Europa heute braucht, ist vor allem eine neue Perspektive der Hoffnung. Für uns Christen gründet sie in einem lebendigen Glauben an Gott und dem reichen Schatz an Werten, die der christliche Glaube im Rahmen eines vollständigen Menschenbildes dem alten Kontinent anbietet. Wir haben viel mehr geistliche Ressourcen, als wir vielleicht manchmal glauben. Am Weihnachtsfest singt die orientalische Kirche: „Gott ist mit uns. Versteht, ihr Völker, und kehrt um, weil Gott mit uns ist!“. In diesem Sinn wünsche ich allen Lesern und ganz Europa Gottes Segen zum neuen Jahr.

Der Erzbischof von Esztergom-Budapest, Kardinal Péter Erdö, ist Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen und Vorsitzender der Ungarischen Bischofskonferenz.