Der Gastkommentar: Wie ein Vermächtnis

Niemand hat es im Wahlkampf gewagt, die desolate moralische Verfassung unseres Staates ehrlich anzusprechen. Wir haben bisher kein sicheres Identitätsbewusstsein von uns als Demokratie entwickelt. Uns fehlen die Ideale, die Kennzeichen wären, und so dümpelt die Gesellschaft fast ziellos dahin. Altbundespräsident Roman Herzog hat nur zu Recht, wenn er verzweifelt drastisch formuliert: „Die ganze Gesellschaft leidet bei uns an eingeschlafenen Füßen, die allerdings bis ans Hirn reichen.“ Weder vor uns selbst, noch vor unseren europäischen Nachbarn treten wir für tragende Überzeugungen ein.

Die Löcher, die in unserem sittlichen Konsens entstanden sind, wiegen schwerer als die Löcher in den Staatskassen. Demokratie setzt den mündigen, gebildeten und sittlich gefestigten Bürger, den ehrlichen, zuverlässigen, um Gerechtigkeit bemühten Zeitgenossen voraus, um funktionieren zu können. Gerade um diese Qualitäten ist es bei uns heute schlecht bestellt: Lügen, Betrügereien, Bestechungen beim Fußball, Veruntreuungen bei VW, Korruption in den obersten Etagen der renommiertesten Firmen, Verleumdung und Betrug. Wer erfolgreich trickst, macht den anderen zum Dummen. Es ließen sich noch viele Verstöße gegen den ebenso nötigen wie einfachen Anstand nennen, ohne den eine demokratische Gesellschaft schließlich kaputtgehen muss.

Wo kein Vertrauen mehr besteht, gedeiht auch keine Gemeinschaft mehr – weder im familiären, noch im beruflichen oder politischen Bereich. So werden wir eine Gesellschaft von egoistischen Einzelkämpfern werden, da rette sich, wer kann! Der unübersehbare Verlust der sozialen Tugenden, die uns lange Zeit nachgesagt wurden, hat das Klima in unserem Land verändert. Von unserem Zusammenleben gehen für Jugendliche heute keine positiven Impulse mehr aus. Sie kennen mehr zerbrochene Ehen, Partner- oder Freundschaften als solche, die in Treue gehalten haben. Ungeachtet der offenen Grenzen und der großen Reiselust kommt bisher kaum ein Signal aus ihren Reihen, das Verständnis für eine Europa-Vision erkennen lässt.

Am verhängnisvollsten für die Jugend und auch für uns ist das unaufhaltsame Verdunsten des christlichen Gottes- und Erlösungsglaubens, der bisher das Fundament für eine Bewältigung unserer Lebensaufgabe war. Ohne beherzte Rückkehr zu den vergessenen oder verdrängten Einsichten in die etwas verborgeneren Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins wird unser Einsatz für ein besseres Leben uns nur neue Enttäuschungen bereiten.