Demokratie und Versöhnung

Myanmar steht vor großen sozio-politischen Herausforderungen, die auch die katholische Kirche betreffen. Von Johannes Seibel

Vorbereitungen für den Papstbesuch in Myanmar
Die Vorbereitungen der kommenden Papstreise laufen auf Hochtouren. Ein Plakat kündigt in Hwambi (Myanmar) den Besuch von Papst Franziskus an. Im Hintergrund ist die katholische Kirche von Hwambi zu sehen. Foto: dpa
Vorbereitungen für den Papstbesuch in Myanmar
Die Vorbereitungen der kommenden Papstreise laufen auf Hochtouren. Ein Plakat kündigt in Hwambi (Myanmar) den Besuch von... Foto: dpa

Myanmar erholt sich seit 2010 politisch nur langsam von mehreren Jahrzehnten totalitärer Militärherrschaft. Auch unter der Friedensnobelpreisträgerin, Außenministerin und De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi, weltweit als Symbol der Demokratiebewegung in Myanmar wahrgenommen, werden ethnische und religiöse Minderheiten diskriminiert oder gar verfolgt. Immer noch verfügen die Militärs über den größten Einfluss auf die Wirtschaft, die die natürlichen Ressourcen des Landes ausbeutet. Gleichzeitig erfasst ein neuer Nationalismus das Land, der die Mehrheitsreligion des Buddhismus im multiethnischen Myanmar unter der Losung „eine Kultur, eine Religion, eine Nation“ politisch instrumentalisiert.

Das Schicksal der verfolgten muslimischen Rohingya aus dem Bundesstaat Rakhine illustriert schlaglichtartig die Folgen dieser Entwicklung und beherrscht gegenwärtig die internationalen Schlagzeilen. Das ist aber nur der prominenteste unter mehr als 20 Fällen ethnischer Konflikte in den vergangenen sieben Jahren, in denen die Zentralregierung und das Militär gegen Minderheiten vorgehen und Menschenrechte verletzen. Dabei geraten auch Christen unter Druck.

Christen geraten unter Druck

Seit dem Juli 2011 sprechen beispielsweise im Norden und Nordosten des Kachin State und Shan State – das sind einem Bundesstaat vergleichbare Verwaltungsgebiete – immer wieder die Waffen. Zuletzt erschütterte eine Großoffensive der Armee gegen die „Kachin Independence Army“ (KIA) im September 2016 die Region an der Grenze zu China und Indien. Dort lebt die ethnische Minderheit der Kachin, die mehrheitlich Christen sind. Der Konflikt forderte bisher unzählige Tote und rund 120 000 Binnenflüchtlinge. Das katholische Hilfswerk missio Aachen unterstützt dabei die Diözesen Myitkyina, Banmaw und Lashio mit ihren 48 Pfarreien, die sich um rund 90 Prozent dieser Vertriebenen kümmern. Bis in die entlegensten Dörfer und Flüchtlingscamps betreuen rund 100 Priester, 300 Ordensleute und 855 Katechisten die entwurzelten Menschen dort sowohl sozial als auch pastoral.

Auch hier werden die Muster der gegenwärtigen politischen Krisen in Myanmar wieder sichtbar: Eigentlicher Hintergrund des Konflikts im Kachin State sind ökonomische Interessen, die das Militär verfolgt – und im Verbund damit auch internationale Konzerne. Denn in der Bergregion lassen sich Wasserkraftwerke bauen, liegen große Jade- und Goldminen und wertvolle Waldbestände. Ideologisch überhöht und religiös aufgeladen wird die Auseinandersetzung aber als Kampf um eine nationale Einheit, die nicht-buddhistische Minderheiten vermeintlich bedrohten. Gleichzeitig schaut die demokratisch gewählte Regierung weitestgehend weg, wenn während solcher Kämpfe die Menschenrechte verletzt werden.

Das sind die politischen Herausforderungen heute, denen sich die katholische Kirche in Myanmar als eine gleichsam doppelte Minderheit gegenübersieht: Denn weniger als ein Prozent der Bevölkerung sind katholisch und die rund 600 000 Katholiken sind gleichzeitig größtenteils Angehörige der ethnischen Minderheiten. Charles Maung Kardinal Bo, der Erzbischof von Yangon, hat schon in der bleiernen Zeit der Militärdiktatur die katholische Kirche Myanmars deshalb einerseits als eine Kirche des Gebetes, andererseits aber auch des sozialen Engagements geprägt, das gleichsam über den Kirchturm hinaus wirken will. Im Jahr 2003 zum Beispiel rief die katholische Bischofskonferenz in Myanmar gemeinsam mit der protestantischen „Myanmar Council of Churches“ eine ökumenische Gebetswoche für Frieden und Versöhnung in Yangon ein, die jährlich zwischen dem 28. September und dem 4. Oktober stattfindet. Diese kirchliche Veranstaltung wurde sehr wohl von der Bevölkerung als öffentliche Botschaft über die Grenzen des Christentums hinaus verstanden.

Solidarität mit den buddhistischen Mönchen

Vier Jahre später 2007 wurden in Myanmar friedliche Demonstrationen, an deren Spitze buddhistische Mönche standen, brutal niedergeschlagen. Erzbischof Bo und Vertreter des protestantischen „Myanmar Council of Churches“ appellierten während dieser sogenannten Safran-Revolution in Solidarität mit den buddhistischen Mönchen an das damalige Staatsoberhaupt General Than Shwe: „Behandeln Sie diesen Fall mit väterlicher Liebe und mit friedlichen Mitteln, um Stabilität, Frieden und Gewaltlosigkeit zu sichern, was auch der Wunsch des Volkes ist.“ Was aus Sicht von Beobachtern, die in westlichen Demokratien leben dürfen, zu zaghaft klingen mag, war damals in Myanmar eine Positionierung, die für die beteiligten Kirchenvertreter und Kirchen einschneidende politische Konsequenzen nach sich ziehen konnten.

Die beiden Beispiele zeigen, dass die katholische Kirche Myanmars in der Vergangenheit zwar keine politische, ausgesprochen prophetische Kirche war – und während einer Militärdiktatur vielleicht auch nicht sein konnte. Dass sie aber den Anspruch entwickelte, Sauerteig für eine gute gesellschaftliche Entwicklung zu sein, von der alle Menschen des Landes profitieren sollten, was umgekehrt auch ihre eigene Stellung stärkte. Und in dieser Kontinuität möchte Kardinal Bo die Kirche heute unter veränderten politischen Bedingungen weiterentwickeln. Gegenüber der Zeitschrift „Forum Weltkirche“, die von missio Aachen und dem Verlag Herder herausgegeben wird, sagte Kardinal Bo in der Novemberausgabe: „Die katholische Kirche ist verfolgt worden, aber wir haben überlebt und sind gewachsen. Wir sind hervorgetreten als Stimme jener, die am Rand der Gesellschaft leben, und setzen uns für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit ein. Wir sind eine bunte Kirche mit sieben Volksgruppen. Das ist eine Stärke, aber die Kirche muss sich weiter integrieren und eine nationale katholische Identität ausbilden. Und sie muss eine Kirche werden, die stärker prophetisch und evangelisierend ist.“

Christen in der Gesellschaft verankern

In diesem Sinne hat die Kirche Myanmars eine Einsatzplanung für den Aufbau des Landes entwickelt („Nation Building Mission Planning“), in der mit dem Anspruch gesellschaftlicher Wirksamkeit die Felder Bildung, ganzheitliche menschliche Entwicklung, Frauenförderung, Gerechtigkeit und Frieden, Umweltgerechtigkeit und interreligiöse Friedensinitiativen definiert wurden. Auf dieser Grundlage bietet Kardinal Bo der „gewählten Regierung“ auch an, künftig stärker in Fragen der „Nationenbildung und Friedensarbeit“ zu kooperieren. So möchte Kardinal Bo die Kirche in ihrer Situation als doppelte Minderheit in der Mitte der Gesellschaft Myanmars verankern, damit sie nicht länger als national unzuverlässig oder als kulturell fremd verdächtigt werden kann. Dies wiederum ist die Grundlage für eine langfristige Strategie gegen eine anhaltende politische und gesellschaftliche Diskriminierung, die wie in den Kachin und Shan States auch in Gewalt umschlagen kann.

Dass der Papstbesuch dieses gesellschaftliche Angebot der Kirche in Myanmar unterstreicht, hofft Kardinal Bo gegenüber „Forum Weltkirche“: „Wir sind dankbar, dass eine kleine Herde in einem buddhistischen Land durch seinen Besuch internationale Aufmerksamkeit bekommt. Wir hoffen inständig, dass seine inspirierende Gegenwart alle Menschen zusammenbringt und unsere Nation zu einer Familie macht.“

Der Autor ist Pressesprecher des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio Aachen.