Das karolingische Kernbündnis

Geschichte, Geografie, Nation: Warum die deutsch-französische Schicksalsgemeinschaft in Wirklichkeit gar kein Gefängnis ist. Von Jürgen Liminski

Es konnte nicht ausbleiben: Immer wenn der deutsch-französische Motor stottert, melden sich die Fans der Insel, um Europa in die Retorte der Angelsachsen, in die Tüte der faden britischen Brötchen zu stopfen und den Kontinentaleuropäern weiszumachen, dass ihr karolingischer Kern im Grunde eine Zwangsjacke für die Vielfalt, ein Gefängnis der europäischen Idee sei. In diesem Sinn hat sich auch der Herausgeber der Welt, Thomas Schmid, gemeldet und die Biografie von Helmut Kohl zum Anlass genommen, vor der Illusion eines karolingisch geleiteten Europas zu warnen. „Die privilegierte deutsch-französische Partnerschaft hat sich als Gefängnis erwiesen“, schreibt er. Vielmehr brauche dieses Europa den „angelsächsischen Pfad“, den britischen „Steg nach Übersee“. Selten ist ein namhafter deutscher Publizist mit so viel Begeisterung ins historische Abseits gelaufen.

Schmid steht dort in einer Reihe vor allem sozialdemokratischer (Zeit-)Genossen. Auch Kanzler Schröder dachte so. Er wollte das Bündnis mit den Franzosen um Großbritannien erweitern und zur Europäischen Troika machen. Die Voraussetzungen waren ideal, mit Tony Blair hatte er in London einen politischen Gesinnungsfreund, mit Chirac in Paris einen Gegner. Dennoch scheiterte er und der Versuch endete in einer herzlichen Freundschaft zwischen „mon cher Gerard“ und „mein lieber Freund Jacques“. Fakten sind allemal stärker als Vorlieben oder ein persönliches Faible. Schmid, Schröder und Co unterliegen einem doppelten Fehler. Sie überschätzen die Briten und deren europäische Neigungen. Der deutsche Frühromantiker Novalis, der sich um die Zukunft und Einheit Europas in seinem Werk „die Christenheit oder Europa“ viele Gedanken machte, meinte zu den Nachbarn jenseits des Kanals lapidar: Jeder Brite ist für sich selbst eine Insel. Von insulären Eigenheiten einmal abgesehen haben sich die Briten in der Tat spätestens seit Heinrich VIII. mental vom Kontinent entfernt. Man mag ihren Pragmatismus verehren, ihre Interessenpolitik ist nicht genuin europäisch. Für sie gilt allemal, was ihr großer Lands- und Staatsmann Lord Palmerston Mitte des 19. Jahrhunderts so oft sagte: England hat keine ewigen Freunde und keine ewigen Feinde, es hat nur ewige Interessen. Diese Interessen mögen heute in Kontinentaleuropa liegen. Sie können morgen schon stärkeres Gewicht in der angelsächsischen Welt, in der „besonderen Beziehung“ zu Amerika entfalten. Londons Herz schlug nie besonders heftig für Europa. Preußen und Hannover waren oft nur eine Art Festlandsdegen gegen Frankreich und Russland. Das Inselreich hat immer Distanz zum Kontinent gewahrt.

Der zweite, schwerer wiegende Fehler ist die oberflächliche Wahrnehmung der deutsch-französischen Verbindung. Sie hat historische Wurzeln bis zu Karl dem Großen und die deutsch-französische Aussöhnung unter de Gaulle und Adenauer bleibt die Voraussetzung für jedes weitere europäische Einigungsbemühen. Ohne sie wäre auch die Zürcher Rede Churchills folgenlos geblieben. Diese Versöhnung hat mittlerweile Tradition, etwa nach Wahlen. Der Wahlsieger in Berlin (früher Bonn) oder Paris fährt zuerst zum Nachbarn, zum anderen Ende der deutsch-französischen Achse, um dieselbe auf diese Weise für die nächste Zeit frisch zu ölen. Die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist eine Konstante geworden der jeweiligen Außenpolitik, unabhängig von der politischen Couleur der Machthaber an Spree und Seine. Solche Selbstverständlichkeit ist zunächst beruhigend. Sie entspricht dem, was Willy Brandt die „entente élémentaire“, das Kernbündnis nannte. Die Alternative dazu ist der Konflikt. Die Altvorderen von Merkel und Hollande, für die noch ein ganz anderes Denken selbstverständlich war, haben das erkannt und entsprechend etwas dramatischer – von einer „Schicksalsgemeinschaft“ gesprochen. Nüchternes Kalkül bewegte sie dazu. General de Gaulle sagte es in Zeiten des Kalten Krieges offen: „Die Deutschen werden immer in Europa sein, die Amerikaner nur vielleicht.“ Seine Umarmung der Deutschen war logisch und auch ehrlich. Seine Nachfolger folgten der Logik, meist auch der Ehrlichkeit. Für sie galt auch: Die Deutschen sind da, die Briten schauen zu.

Auch für das Duo Merkel-Hollande bleibt, wie Bismarck es formulierte, die Geografie die einzige Konstante der Außenpolitik. Sie ist stärker als Blut. Das hatte selbst Schröder, der Mann aus Hannover, erkannt, obwohl Hannover jahrhundertealte Bande mit dem britischen Königshaus verbinden. Solche Verbindungen sind nützliches, vielleicht auch die Gefühle erhebendes Beiwerk. Hauptsache heute ist, dass die nach dem Weltkrieg massive Globalisierung eine Rivalität zwischen den großen Handelsräumen mit sich brachte und bringt. Da ist Geschlossenheit im Euro-Raum, mithin das karolingische Kernbündnis, Voraussetzung für dauerhaften Erfolg.

Natürlich: In Paris hegt man gelegentlich Gedanken der Hegemonie und die sind älter als die „Entente Elementaire“ (Elysée-Vertrag) der Nachkriegszeit, sprich noch tiefer verwurzelt. Aber auch die Zeiten eines Clemenceau oder selbst eines Chevenement, des Verteidigungsministers Mitterrands, sind vorbei. Das Vormachtdenken beschränkt sich heute auf das Relikt der Atommacht. In Paris weiß man sehr genau: Europa hat eine Zukunft als Gemeinschaft der Vaterländer, nicht als Geleitzug, in dem eine Nation Richtung und Tempo vorgibt. Und selbst die atomare Machtfülle war für Paris nicht immer exklusiv. De Gaulle bot Erhard an, sie zu teilen. Der Nachfolger Adenauers schlug es aus. Chirac wiederum kleidete es gegenüber dem Autor in einem Interview in den Satz: „Die Verteidigung Frankreichs beginnt an den Grenzen Deutschlands“, und damit meinte er auch den Einsatz der „Force de Frappe“ (französische Atomstreitmacht). Ob die Briten so weit gehen würden?

Nun war das zu Zeiten des Kalten Krieges. In Zeiten der Euro-Krise sieht manches anders aus, die psychologischen Schatten der Vergangenheit aber sind lang. Anders als Frankreich und Italien möchte Deutschland auch Schulden vergemeinschaften, aber man denkt da eher an die moralische Schuld, die anderen sehen profaner die monetären Schulden. Es gibt heute keinen ernst zu nehmenden Politiker in Deutschland, der nicht die Einheit Europas wollte. Strittig ist nur das Procedere, der Weg zu diesem Ziel. Monnet und Schuman sahen ihn in der engen wirtschaftlichen Verflechtung. Adenauer und de Gaulle setzten deren Pläne um, die gemeinsame Zukunft war für sie eine Frage des gemeinsamen Schicksals. Schmidt und Giscard erfanden die Währungsschlange, um diese Gemeinschaft weiter voranzubringen. Für Mitterrand, Chirac und Kohl war der Euro „die bedeutendste Entscheidung seit der Wiedervereinigung“. Der Primat der Politik vor der Wirtschaft, den die Franzosen leben und einfordern, gilt auch hier. Hier ist vielleicht ein Dissens, dessen Überwindung noch Zeit kosten wird. Aber Primat der Politik als ein Hegemonieanspruch der Grande Nation – diese Zeiten sind in Europa vorbei.

Die Euro-Krise hat zudem die Motorfunktion der Achse Bonn-Paris in ihrer Singularität abgeschwächt, es haben sich andere politische Cluster und Pole gebildet. Da sind die starken Euro-Länder wie Deutschland, Niederlande, Finnland, Österreich und da sind die PIGS-Krisenländer im Süden, zu denen Frankreich tendiert. Man wird es insgesamt in Europa stärker mit einer multipolaren Politik zu tun haben und das wird vor allem zu Lasten der Deutschen gehen, wie zum Beispiel auch die Einstellung der Briten und Franzosen im Bereich der Nuklearpolitik zeigt. Man wird den aussteigenden Deutschen gerne Atomstrom liefern, damit sie ihn auch ohne Kernkraftwerke weiter aus der Steckdose bekommen. Man wird aber nur milde lächeln, wenn Berlin von einem Verzicht auf die Erstschlagoption bei Nuklearwaffen reden sollte. Die Wirtschaft führt zur Multipolarisation, die Sicherheitsfragen zementieren dagegen die Vorherrschaft der Vetomächte. Hier sind sich Franzosen, Briten und Amerikaner einig. Dafür gibt es zu viele unkalkulierbare Diktatoren auf der Welt, als dass man sich freiwillig entwaffnen sollte. Die neue Multipolarität in der EU ist begrenzt. Es sind deutsche Illusionen, wenn man wie schon Außenminister Fischer seinerzeit von einem Bundesstaat Europa redet. Sein Kanzler bemerkte damals, man wolle „ein Europa selbstbewusster Nationen“. Im Klartext: Man halte am Staatenbund fest.

Der Traum von einer europäischen Föderation ist übrigens alt und in seiner akademischen Variante sehr französisch. Schon vor knapp dreihundert Jahren schlug Abbé de Saint Pierre einen Senat Europas vor, in dem jede Nation – darunter die Bayern – nur eine Stimme haben sollte. Und 150 Jahre und eine große sowie ein paar kleinere Revolutionen später schrieb Proudhon sein Werk „Das föderale Prinzip“. Dazwischen lagen Schriften von Talleyrand, Tocqueville und Victor Hugo, um nur die bekannteren zu nennen – die Deutschen haben also genügend Beispiele aus der französischen Geschichte, an denen man die Tiefe der Debatte in Frankreich messen könnte. Dennoch hat keiner der Pläne die Souveränität der Grande Nation so sehr an das Schicksal des Nachbarn geknüpft wie der deutsch-französische Freundschaftsvertrag vom 23. Januar 1963. Er zielt in seiner Anlage letztlich auf eine Art Fusion der beiden karolingischen Kernstaaten. Nicht umsonst wird die Freundschaft der beiden Staaten gern mit einer (alten) Ehe verglichen. Das haben die Briten noch nicht einmal zu denken gewagt. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Sicht auf die Nation. Briten und Franzosen haben klare Vorstellungen von der Nation. „Nation ist die Gemeinschaft der Toten, der Lebenden und der Künftigen", meinte schon vor über zweihundert Jahren der britische Konservative Edmund Burke. Der Diplomat und Wissenschaftler Ernest Renan hat vor 140 Jahren in der Nationalversammlung gesagt, die Nation sei ein tägliches Plebiszit. Die Briten haben ein historisch-ethnisches Verständnis von Nation, die Franzosen ein voluntaristisches. Und die Deutschen? Seit den nationalistischen Exzessen, die nur in einer Diktatur möglich waren, überwiegt in Deutschland die kulturelle und menschenrechtliche Sicht, die Nation als ein kultureller Raum, in dem eine Verfassung die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz garantiert und der nicht nur durch Sprache begrenzt und offen ist für andere. Dieser Verfassungspatriotismus passt besser zum französischen Nationalverständnis als die britische Sicht der Dinge. Der frühere Außenminister und Senator Jean Fran¹ois-Poncet, dessen Vater schon Diplomat war – unter anderem als Botschafter in Berlin – meinte in einem Gespräch mit dem Autor, es sei noch ein weiter Weg zu einem europäischen Patriotismus, zu einem täglichen Plebiszit für Europa. Man sollte Patriotismus und europäische Integration auch nicht als Gegensatz sehen. „Zwischen diesen Begriffen, ich würde auch sagen zwischen diesen Gefühlen, gibt es keinen Gegensatz.“ Mehr noch: Jeder sollte „verstehen, dass Europa im Gegenteil der einzige Weg ist, um unseren europäischen Ländern einen Sitz am Tisch der Großmächte von morgen zu verschaffen. Der einsichtige Patriotismus muss ein föderales Europa anstreben.“ Wer das als Gefängnis empfindet, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nationalistisch, also ab- und ausgrenzend denkt.

Französische Präsidenten beenden ihre Ansprachen traditionell mit dem patriotischen Wunsch „vive la France“. Einer von ihnen, der verstorbene Franois Mitterrand, hat in seiner letzten Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg sogar vor einem aufkommenden Nationalismus in Europa gewarnt. Nationalismus bedeute Krieg, sagte Mitterrand. Nur, wo ist die Grenze zu ziehen zwischen Nationalismus und Patriotismus? Für Franois-Poncet liegen die Konzepte weit auseinander: „Patriotismus ist ein gesundes Gefühl. Nationalismus ist eine gefährliche Perversion des Patriotismus, eine Verirrung des 19. und 20. Jahrhunderts.“ Dieses obsolete, der Zukunft abgewandte Perversionsdenken gibt es erstaunlicherweise noch heute.