Christen im Fadenkreuz

Nach der Geiselnahme von Christen durch den IS ist die Sorge in Syrien groß. Von Oliver Maksan

Syriens Kinder wachsen mit Krieg und täglichem Terror auf. Wie diese Kinder in Kobane, die auf einem zerstörten Panzer spielen. Foto: dpa
Syriens Kinder wachsen mit Krieg und täglichem Terror auf. Wie diese Kinder in Kobane, die auf einem zerstörten Panzer s... Foto: dpa

Nach der Einnahme der syrischen Stadt Karjatajn und der Geiselnahme von hunderten Christen und Muslimen ist die Sorge in Syrien groß. Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ hob der Apostolische Nuntius in Damaskus, Erzbischof Mario Zenari, das bisher symbolhafte „gute Zusammenleben“ der Religionen in der Stadt hervor. Als vor fünf Jahren nach aufwändiger Renovierung die alte syrisch-katholische Klosterkirche St. Elias aus dem 6. Jahrhundert neu eingeweiht wurde, feierten auch die muslimischen Nachbarn mit, so der Nuntius. Papst Franziskus informiere sich ständig über die neuesten Entwicklungen in Syrien: „Der Papst trägt das Leiden aller Syrer und so vieler Menschen im Nahen Osten in seinem Herzen, vor allem in Tagen wie diesen. Er betet nicht nur, sondern er ruft auch die internationale Gemeinschaft klar zum Einschreiten auf, und wo er kann, hilft er diesen armen Menschen auch konkret.“

Dschihadisten des „Islamischen Staats“ (IS) hatten die Stadt in der Vorwoche nach schweren Kämpfen mit Regierungstruppen eingenommen. Berichte sprechen davon, dass 150 bis 250 Christen in der Hand der Dschihadisten sind. Ein Vertreter des Klosters von Mar Elias in Karjatajn sagte dieser Zeitung am Sonntag, dass man keinen Kontakt zu den Christen vor Ort habe und deshalb schwer zu sagen sei, wie viele Personen sich in Gefangenschaft befänden. Der syrisch-orthodoxe und der syrisch-katholische Bischof von Homs bemühten sich, über Mittelsmänner Kontakt zu den Dschihadisten aufzunehmen. Noch ist unklar, welches Ziel sie mit der Geiselnahme verfolgen. Es wird spekuliert, dass die Christen als Schutzschilde gegen mögliche Luftangriffe seitens des Regimes eingesetzt werden sollen. Berichten zufolge sollen die Dschihadisten nach der Einnahme der Stadt Namenslisten mit sich geführt haben, um angebliche Kollaborateure festzunehmen.

Die südöstlich von Homs gelegene Stadt gilt als strategisch bedeutsam. Sie bildet von der von IS eroberten Wüstenstadt Palmyra aus eine wichtige Verbindung auf dem Weg in die Provinz Damaskus und das Kalamun-Gebiet. Das dem Libanon benachbarte Gebiet ist für die Miliz als Nachschubroute wichtig. Die Eroberung Karjatajns versetzt auch Christen in den Orten nahe der Stadt in Angst und Schrecken. Zahlreiche Bewohner der Stadt Sadad mit einer großen christlichen Bevölkerung sollen bereits in Richtung der von der Regierung kontrollierten Orte Damaskus und Homs geflohen sein.

Bereits Ende Mai waren viele christliche Familien aus Karajatajn in Richtung Homs und anderer Orte geflohen, nachdem der Prior des syrisch-katholischen Klosters Mar Elian, Jacques Mourad, mit einem Diakon entführt worden war. Von dem Priester und seinem Begleiter fehlt seither jede Spur. Mourad galt als interreligiöser Brückenbauer in Karjatajn. Der Ordensmann setzte sich für Kriegsflüchtlinge ohne Ansehen ihrer Religion ein und sorgte für ihre Unterbringung, Verpflegung und psychologische Betreuung. Er gehört der Ordensgemeinschaft von Mar Musa an, deren Charisma im spirituellen Dialog mit dem Islam besteht. Diese war von dem italienischen Jesuiten Paolo Dall' Oglio gegründet worden. Er kritisierte die Assad-Regierung und sie unterstützende kirchliche Kreise nach Ausbruch des Kriegs wiederholt. 2012 wurde er deshalb aus Syrien ausgewiesen. Pater Dall' Oglio wurde im Juli 2013 in der syrischen Stadt Raqqa verschleppt. Es ist unklar, ob er noch am Leben ist. Bereits im Februar waren hunderte assyrischer Christen vom IS in der Region des Khaburflusses im Norden des Landes entführt worden, nachdem der IS die christlichen Dörfer in dem Gebiet angegriffen hatte. Sie befinden sich großenteils bis heute in der Hand der Terrororganisation. 25 Personen wurden zwischenzeitlich freigelassen. Aber noch immer sind etwa 230 Personen in Gefangenschaft.

Dem chaldäischen Bischof von Aleppo Antoine Audo zufolge zeigen die verbleibenden Christen in Syrien durch ihre Präsenz Vertrauen in ihr Land – „und sind damit ein rotes Tuch für die IS-Terroristen, die die Überzeugung der Christen gewaltsam zerstören und sie vertreiben wollen“. Bischof Audo sagte „Radio Vatikan“ gegenüber, Syriens Christen und Kirchen hätten bisher nichts unversucht gelassen zur Rettung ihres Landes, das für das Christentum auch historisch enorme Bedeutung habe. „Die Christen lieben ihr Land. Aber wenn der Krieg und der Militärkonflikt weitergehen, werden viele innerhalb der nächsten Monate ihr Land verlassen.“ Die assyrische Nachrichtenagentur AINA schätzt, dass etwa 600 000 Christen Syrien seit Beginn des Kriegs vor vier Jahren verlassen haben.