Christen dürfen nicht zum Himmel aufschauen

Die Lage der Menschen in Nordkorea ist katastrophal – Hunger als schlimmste Folter

Quälender Hunger, öffentliche Exekutionen und totale Bespitzelung. Nordkorea gilt als rätselhaftes Land. Es bedroht die Nachbarn mit der Atombombe, will seine Bevölkerung nicht ausreichend ernähren und betreibt geheime Straflager. Gleichzeitig wird das Bild einer heilen Welt vermittelt, huldigen Staat und Einwohner dem Großen Führer Kim Il Sung und seinem Sohn, dem Geliebten Führer Kim Jong Il, wie Gottheiten. Schrill die Aufmärsche, bis zu 20 Meter hoch die Statuen, beängstigend präzise die Massengymnastik. Die Lage der Menschenrechte im kommunistischen Nordkorea indes ist nach einem kürzlich veröffentlichten Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen katastrophal. Die Regierung solle umgehend Schritte einleiten, um die Lage der Bevölkerung markant zu verbessern, forderte UN-Berichterstatter Vitit Muntarbhorn.

Und auch Barack Obama, nach wie vor auf der verzweifelten Suche nach einem außenpolitischen Erfolg und früh mit der Bürde des Friedensnobelpreises belastet, will beweisen, dass er für Frieden und Aufbruch steht. Der US-Präsident forderte jüngst den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il in einem persönlichen Brief auf, wenigstens zu den Verhandlungen über die atomare Abrüstung des kommunistischen Staats zurückzukehren. Allen Friedensgesten zum Trotz leiden dennoch dem UN-Bericht zufolge in Nordkorea fast neun Millionen Menschen unter Nahrungsmittelknappheit. Das Welternährungsprogramm könne jedoch wegen fehlender internationaler Hilfe nur weniger als zwei Millionen Menschen der hungernden Bevölkerung erreichen. „Das Land ist nicht arm, aber dennoch wird das Geld nicht für die Menschen verwendet“, sagte Muntarbhorn. Pjöngjang habe im vergangenen Jahr Waren in Wert von mehreren Milliarden Dollar exportiert, außerdem sei das Land reicher an Bodenschätzen als Südkorea. Die Menschen im nordkoreanischen Überwachungsstaat lebten in ständiger Angst. Sie würden gezwungen, sich gegenseitig zu bespitzeln. Trotz formaler Garantien in der Verfassung seien die Menschen Verfolgung, kollektiver Bestrafung, Folter, willkürlichen Hinrichtungen und öffentlichen Exekutionen ausgesetzt, sagte Muntarbhorn.

Auch wenn aus dem stalinistischen Zuchthaus kaum Meldungen nach außen dringen, bleibt nicht verborgen, dass hunderttausende Nordkoreaner nicht genug zu essen haben. Mehrmals kam es demnach in den vergangenen Jahren zu großen Hungersnöten mit vielen Toten. Wie einheimische Christen berichten, hätten viele kein Geld, um Reis oder andere Lebensmittel auf dem Markt oder Schwarzmarkt zu kaufen. Die Überwachung auf den Hauptstraßen durch Sicherheitsleute etwa in der Hauptstadt Pjöngjang sei äußerst streng, Inlandsreisen seien eingeschränkt. In persönlichen Gesprächen würden sich die Menschen über das Regime beschweren, die Millionen von Dollar für die Entwicklung von atomaren Waffen ausgäbe, während die eigene Bevölkerung hungert. So lägen in der Provinz Hwanghae verhungerte Kinder in den Straßen. Zeugen berichten, dass Hunger systematisch als Mittel eingesetzt wird, um die Häftlinge zu brechen. Der Hunger als Folter. Nicht nur die Menge des Essens sei unzureichend, in der Regel werde auch alles getan, um es ungenießbar zu machen. Reihenweise erkrankten die Häftlinge: Durchfall, Hauterkrankungen, Lungenentzündung, Hepatitis und Skorbut seien an der Tagesordnung.

Das abgeschottete Land auf der koreanischen Halbinsel ist nicht nur ein Synonym für Menschenverachtung und Unterdrückung. Zugleich gilt Nordkorea als das Land mit der stärksten Christenverfolgung. Zwar herrscht in dem kommunistisch regierten Staat offiziell Religionsfreiheit. Tatsächlich aber werden in der Diktatur Kim Jongs II bis zu 70 000 Christen in mehr als dreißig Arbeits- oder Straflagern gefangen gehalten. Das berichtet das überkonfessionelle deutsche Hilfswerk „Open Doors“, das im Kontakt mit vor Ort verfolgten Gläubigen ist. Die Bezeichnung „Christen“ meint für Nordkorea meist evangelisch getaufte Koreaner. Die Zahl der Katholiken beläuft sich nach Schätzungen auf etwa dreitausend. Die Nordkoreanerin Lee Sung-Ae hat die Schrecken eines Gefangenenlagers vier Jahre lang ertragen müssen. Sie erzählte Radio Vatikan ihre Geschichte: „Wegen der Essenskürzungen in Nordkorea ging ich 1997 nach China. Die Situation war so schlecht, dass mein Mann wegen Mangelernährung starb. Auch meine vier Kinder waren schon ganz schwach. In China wohnte ich bei meinem Cousin, der Mitglied in einer Kirche ist. Ich ging mit ihm in die Kirche und traf dort den Pastor. Er schlug vor, einen Monat lang die Bibel zu studieren. Das tat ich und trat danach zum christlichen Glauben über. Als ich zu meinen Kindern nach Nordkorea zurückfuhr, nahm ich fünf Bibeln mit. Und da sperrten sie mich ins Gefängnis, weil ich Christin war.“

Obwohl das System formal angeblich die Grundfreiheiten gewährleistet, ist eine freie Religionsausübung nicht möglich. Der Besitz von Bibeln und christlicher Literatur ist ebenso verboten wie der Empfang ausländischer Sender und jeglicher Kontakt mit ausländischen Besuchern. Diese hermetische Abschottung des knapp 23 Millionen zählenden Volkes ist verbunden mit Terror und permanent vorhandener Angst. Dennoch soll das Verhältnis zwischen Kirche und Regime in Nordkorea den Anschein von „Normalität“ erwecken. Ausländischen Nordkorea-Besuchern wird mit Gottesdiensten in Propagandakirchen in der Hauptstadt Pjöngjang Religionsfreiheit vorgetäuscht. Tatsächlich berichten einheimische Christen von Verhaftungen und Arbeitslagerstrafen. Im Sommer wurde die 33-jährige Christin Ri Hyon-Ok, Mutter von drei Kindern, wegen Bibelverbreitung in Ryongchon nahe der Grenze zu China hingerichtet. Ihr Ehemann, die Kinder und ihre Eltern kamen in ein Straflager. Ein aus dem Land geflohener ehemaliger Lagerinsasse berichtete: „Ich musste den ganzen Tag den Kopf gesenkt halten, denn Christen dürfen nicht zum Himmel aufschauen.“