Bausteine eines Konfliktes

Die „Women of the Wall“ wollen, dass sie an der Klagemauer nach ihrer Art beten dürfen – Nun bekommen sie Unterstützung von Veteranen. Von Till Magnus Steiner

Die Klagemauer ist eine heilige Stätte des Judentums
Die Klagemauer ist eine heilige Stätte des Judentums. Derzeit ist sie auch Schauplatz eines erbitterten Konflikts zwischen jüdischen Gruppen. Foto: dpa

Die Klagemauer in Jerusalem, die heiligste Stätte des Judentums, ist zu einem „Symbol der Spaltung und der Streitigkeiten“ geworden. So formulierte es der israelische Präsident Reuven Rivlin am vergangenen Dienstag vor der Generalversammlung der jüdischen Vereinigungen Nordamerikas. Er beschreibt damit einen seit 1988 andauernden Konflikt, der als feministische Bewegung begann und inzwischen zu einem Riss im Verhältnis zwischen dem überwiegend nicht-orthodoxen Diaspora-Judentum und dem Staat Israel geführt hat. Es geht grundlegend um die Frage, wer wie an der Klagemauer beten darf: Ist die heiligste Stätte des Judentums eine orthodoxe Synagoge oder ein Gebetsort für alle Juden?

Medienwirksam und gewalttätig wurde diese Frage am 20. Oktober erneut sichtbar. An diesem Tag, dem Anfang des jüdischen Monats Cheschwan, gingen die Mitglieder der multikonfessionellen-feministischen Organisation „Women of the Wall“ („Frauen der Klagemauer“), wie jeden Monat, zum Morgengebet. Sie versammelten sich, um in dem für Frauen vorgesehenen Bereich an der Klagemauer – entgegen der orthodoxen Tradition – öffentlich gemeinsam zu singen und zu beten, aus der Thora vorzulesen und dabei den Gebetsschal zu tragen. Seit 1988 engagiert sich diese israelische Frauenrechtsorganisation gegen die vom Staat finanzierte und sich als orthodox verstehende Verwaltung der Klagemauer und argumentiert aus ihrer Perspektive innerhalb des jüdischen-orthodoxen Religionsgesetzes für mehr Rechte für Frauen an der Klagemauer. Nach mehreren Gerichtsverfahren erhielten sie 2013 das Recht zugesprochen, ihrem Ritus entsprechend an der Klagemauer öffentlich zu beten. Entgegen diesem Gerichtsurteil versuchen jedoch orthodoxe Juden weiterhin zum Teil gewaltsam, ihre Gebete zu verhindern.

Die Verwaltung der Klagemauer verbietet den Frauen, aus der Thora vorzulesen. An diesem Morgen, dem 20. Oktober, solidarisierte sich eine Gruppe von Veteranen, die 1967 die Klagemauer von den jordanischen Streitkräften erobert hatten mit dem Anliegen der „Women of the Wall“. Diese ehemaligen Soldaten, die in Israel als Nationalhelden verehrt werden, versuchten mit Mitgliedern der Organisation, Thorarollen in die Frauen-Sektion der Klagemauer zu bringen. Es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen sowie Beschimpfungen durch orthodoxe Gläubige und Übergriffen durch das Sicherheitspersonal.

Die Veteranen und die Mitglieder der Frauenrechtsorganisation wurden mit einer Thorarolle in ihren Händen niedergerungen. Es wurde nicht gestattet, die Rolle in die Frauen-Sektion mitzunehmen. Stattdessen wurde ausnahmsweise eine Thoralesung auf dem Vorplatz der Klagemauer erlaubt. Micha Eshet, einer der Veteranen, betonte danach, dass seine Einheit die Klagemauer damals nicht nur für die Ultra-Orthodoxen erobert habe: „Wir haben die Mauer für beide, für Männer und für Frauen befreit. Wir können nicht einfach weiter zusehen, wie die Mauer als orthodoxe Synagoge verwaltet wird, in der den „Women of the Wall“ verboten wird, entsprechend ihrer 30-jährigen Tradition zu beten.“ Die Klagemauer ist für die israelische Gesellschaft nicht nur ein religiöses Symbol, sondern sie ist auch ein Identitätsmarker – in den Worten des Veteranen Oded Hon: „In der Art und Weise, wie die Klagemauer heute verwaltet wird, erkennen sich viele Israelis nicht wieder, mich eingeschlossen.“ An der von „Women of the Wall“ angestrebten religiösen Revolution hat sich ein Diskurs über die Frage entzündet, welches Judentum die Identität Israels definiert.

Vor der Errichtung des Staates Israel und der folgenden jordanischen Besetzung der Altstadt Jerusalems im Jahre 1948 gab es an der Klagemauer keine von einer Konfession dominierte jüdische Verwaltung der heiligen Stätte und es gab auch keine Trennung der Gebetsorte für Männer und Frauen. Erst nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und der Eroberung Jerusalems durch Israel wurde die Klagemauer durch den Staat als orthodoxe Synagoge definiert und eine Geschlechtertrennung eingeführt. Gemäß dem der Klagemauer vorstehendem und vom Staat bezahlten Rabbiner, Shmuel Rabinowitz, ist der vorgeschriebene Ritus der heiligen Stätte durch die Mehrheit der an der Klagemauer Betenden bestimmt. Nur neun Prozent der israelischen Bevölkerung verstehen sich als ultra-orthodoxe Juden, elf Prozent definieren sich als orthodoxe Juden. Trotzdem stellen sie die Mehrheit derer, die sich an der Klagemauer regelmäßig zum Gebet versammeln.

Während die Anliegen der „Women of the Wall“ von der breiten jüdischen, nicht-orthodoxen Öffentlichkeit nicht unterstützt wurden, ergab sich 2013 im Rahmen eines Vermittlungsversuches eine Allianz zwischen der Frauenrechtsorganisation, dem Reformjudentum und dem Konservativen Judentum sowohl in den USA als auch in Israel. Ihr gemeinsames Ziel ist die Definition der Klagemauer als eine allgemein-jüdische Stätte mit religiöser und nationaler Bedeutung, an der jeder Jude und jede Jüdin entsprechend dem eigenen Ritus beten darf.

2013 legte Natan Sharansky, der Leiter der jüdischen Einwanderungsorganisation des Staates Israel, anknüpfend an ein Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2003, einen Kompromissvorschlag vor, der nach dreijährigen Verhandlungen zu einer Einigung führte. Der Staat verpflichtete sich am südlichen Abschnitt der Klagemauer, der heute ein archäologischer Park ist, einen Gebetsort einzurichten, der dem unter ultra-orthodoxer Verwaltung stehenden Klagemauerabschnitt gleichgestellt werden soll. Neben den getrennten Männer- und Frauen-Sektionen soll es einen dritten Abschnitt geben, der für pluralistische und egalitäre Riten genutzt werden kann. Dieser Abschnitt soll direkt mit dem traditionellen Bereich der Klagemauer sichtbar verbunden sein und durch einen vom Staat finanzierten Rat aus Mitgliedern des Reformjudentums, des Konservativen Judentums und der „Women of the Wall“ verwaltet werden. Dieser Beschluss wurde jedoch kurz darauf von orthodoxen Gläubigen scharf kritisiert und es folgte ein 17-monatiger Stillstand, an dessen Ende auf Druck der ultra-orthodoxen Koalitionsparteien am 25. Juni 2017 offiziell von der Regierung die Notwendigkeit einer Neuverhandlung der Einigung bekannt gegeben wurde. Über die Rechtmäßigkeit dieser Regierungsentscheidung läuft gegenwärtig auf Antrag der „Women of the Wall“ und verschiedener weiterer Organisationen eine Anhörung vor dem Obersten Gerichtshof.

Währenddessen nehmen die Spannungen an der Klagemauer zu. Der Oberste Gerichtshof hat am vergangenen Montag eine Erklärung von der israelischen Polizei und den Sicherheitskräften an der Klagemauer gefordert, warum den „Women of the Wall“ der ihnen zustehende Schutz vor den orthodoxen Gläubigen bei ihren Gebeten an der Klagemauer nicht gewährleistet wird. Am vergangenen Donnerstag kam es auf dem Vorplatz der Klagemauer zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen ultra-orthodoxen Gläubigen und einer Gruppe von Reformjuden, die die Ordination neuer Rabbinerinnen und Rabbiner an der Klagemauer feiern wollten. Am kommenden Sonntag, dem 19. November, beginnt der jüdische Monat Kislev und die „Women of the Wall“ werden sich wieder zum Morgengebet an der Klagemauer versammeln, um dort gemäß ihrer Tradition, entgegen dem dort üblichen Brauch zu beten und für ihre Rechte einzustehen.