Ausgrenzung kennzeichnet die Situation

missio-Experte Otmar Oehring über die Lage der Christen in Indien – Zivilgesellschaft des Landes stärken von Anja Kordik

Wie ist heute das Klima zwischen den Religionsgemeinschaften in der Region Orissa?

Die Lage zwischen der Hindu-Mehrheit und der kleinen christlichen Minderheit ist nach wie vor gekennzeichnet durch das, was im Englischen mit „segregation“, „Ausgrenzung“, beschrieben wird. Die bei den Ausschreitungen vertriebenen Christen konnten bisher zum großen Teil nicht in ihre Dörfer zurückkehren, können also ihre Felder nicht mehr bewirtschaften. Die Betroffenen haben zwar vom Staat eine geringe Abfindung erhalten, dieses Geld ist aber nahezu aufgebraucht. Arbeitsmöglichkeiten gibt es für Christen kaum noch in der Region, wo jeder Christ jederzeit mit erneuten Übergriffen rechnen muss. Ein weiteres Problem: Kinder können seit Sommer 2009 nicht mehr zur Schule gehen, es sei denn, sie gehen in sogenannte „boarding schools“, kirchliche Internatsschulen.

Wo sehen Sie die Ursachen der anhaltenden Spannungen?

Zum einen ist der Einfluss der Kirchen im Bildungsbereich und im sozialen Sektor Hindu-Nationalisten suspekt. Armen Hindus ist auch der relative wirtschaftlicher Erfolg mancher Christen – etwa als Kleinhändler – ein Dorn im Auge. Hinzu kommt, dass es im Distrikt Kandhamal, dem Schwerpunkt der Ausschreitungen in Orissa, ein Schulungszentrum der Hindu-Nationalisten gibt. Von dort wurde die Bevölkerung aufgestachelt. Nicht alle Hindus, die an den Übergriffen teilgenommen haben, taten dies aber freiwillig. Sondern am Tag, als die Ausschreitungen begannen – nach der Ermordung eines religiösen Hindu-Führers – zogen Hindu-Nationalisten mit dem Leichnam durch die Dörfer und forderten Rache an den Christen, die sie für den Tod des Swami verantwortlich machten. Tatsächlich geht der Mord wohl auf das Konto einer maoistischen Bewegung. Fest steht: Wer sich weigerte, musste für sein Leben fürchten. Und so haben viele Hindus bei den Übergriffen lieber mitgemacht. Heute nun sollen sie mit den Christen wieder friedlich zusammen leben. Das ist eine schwierige Situation, mit der beide Seiten nicht wirklich umzugehen wissen.

Wie stark ist der Einfluss des Hindu-Nationalismus in der indischen Gesellschaft und Politik insgesamt?

Die größte Bewegung der Hindu-Nationalisten ist die Rashtriya Swayamsevak Sangh, zu Deutsch: „Nationale Freiwilligenorganisation“ (RSS), die bereits 1925 gegründet wurde. Es ist eine Bewegung, die sich unter anderem aus dem Nationalsozialismus und dem italienischen Faschismus inspiriert und viele Unterorganisationen mit mehreren Millionen Mitgliedern im Lande hat. Auf politischer Ebene ist die Partei, die dieser Bewegung nahe steht, die BJP, die Bharatiya Janata Party (BJP), zu Deutsch: Indische Volkspartei. Alles in allem ist der politische Einfluss der Hindu-Nationalisten regional unterschiedlich. Im Bundesstaat Gujarat etwa, wo die BJP regiert, ist es zu einer erzwungenen – wirtschaftlichen und sozialen – Gettoisierung der muslimischen Bevölkerung gekommen. Das alles lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten. Auch die auf Bundesebene regierende Kongresspartei ist nach Meinung politischer Beobachter trotz ihrer säkularen Ausrichtung nicht frei von hindu-nationalistischen Elementen. Kurz gesagt: Der politische Einfluss der Hindu-Nationalisten ist ein Problem, dass einen der wesentlichen Grundsätze der indischen Verfassung, das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien und Religionsgemeinschaften in einem säkularen Staat Indien, auf Dauer in Frage stellt.

Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?

Es gilt, die Kräfte besonders in der indischen Zivilgesellschaft, die sich gegen Polarisierungen innerhalb der Gesellschaft engagieren, zu stärken. Sie wünschen sich vor allem unsere partnerschaftliche, materielle, aber auch ideelle Unterstützung, und die suchen wir von missio zu leisten, indem wir auch über die Aktivitäten und Probleme dieser Gruppierungen berichten und auch Regierungsstellen in Deutschland auf die Probleme in Indien hinweisen.