Würzburg

Auf sie kommt es an

Politik, Kirche, Wissenschaft: 2019 stehen wichtige Entscheidungen an, die Katholiken in Deutschland und der Welt betreffen. Eine Auswahl

Papst Franziskus
ARCHIV - HANDOUT - Das vom Osservatore Romano herausgegebene Foto zeigt wie Papst Franziskus am 15.05.2013 auf dem Petersplatz in der Vatikanstadt eine weiße Taube fliegen lässt. (zu dpa Themenpaket Ökumene vom 03.02.2017) Foto: Osservatore Romano/ANSA/dpa +++(c) dpa - Bildfunk++... Foto: Osservatore Romano (ANSA)

Franziskus muss zeigen, dass er der Felsen ist

Als Jesus Christus zwölf Apostel berief und damit den Grundstein für die apostolische Verfassung der Kirche legte, hat er einem von ihnen, Petrus, besondere Vollmachten erteilt und ihm den Auftrag erteilt: „Stärke Deine Brüder“. Der 265. Nachfolger des heiligen Petrus hat in dem soeben begonnenen Jahr die Aufgabe, die Kirche aus der jüngsten Missbrauchskrise herauszuführen, die deswegen umso schwerer wiegt, weil es – wie zu Beginn des Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und 2010 in Europa, vor allem in Deutschland und Irland – nicht nur um die Vergehen einzelner Kleriker geht, sondern weil vor allem die Hierarchie betroffen ist. Chile, die Vereinigten Staaten und selbst der Vatikan: Schweigekartelle im Episkopat sollen den Schutz der Institution über die berechtigten Anliegen der Opfer gestellt haben. Rom muss mit gutem Beispiel vorangehen. Das Verblüffende an der Antwort von Kardinal Marc Ouellet, des Präfekten der Bischofskongregation, auf die Vorwürfe des Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano war, dass er sie im Grunde bestätigt hat und Aufklärung versprach: Wie konnte es sein, dass ein „Uncle Ted“ McCarrick bis noch in das letzte Jahr hinein eine Stütze der Päpste blieb, obwohl in der Kurie viele von dessen Lebenswandel wussten?

Wäre die „Catholica“ ein lockeres Bündnis von autokephalen Kirchen, käme dem Papst so etwas wie die Rolle des Moderators zu – eine Aufgabe, die Franziskus auf dem Missbrauchs-Gipfel Ende Februar im Vatikan sicherlich auch wahrnehmen wird. Aber der Papst ist kein Moderator, sondern der Felsen. Die Verunsicherung, die „Amoris laetitia“ in die Kirche hineingetragen hat, die in der Sakramententheologie bei der Frage des Kommunionempfangs für nichtkatholische Ehepartner ihre Fortsetzung fand, längst auch schon die Neubewertung praktizierter Homosexualität umfasst und mit den „viri probati“ auf der Amazonas-Synode neue Nahrung erhalten wird, ist Gift für die Gesundheit der Kirche. Die Kurien-Konstitution „Pastor bonus“ von Johannes Paul II. war eigentlich ganz gut. Weiter an den Stellschräubchen des Apparats zu drehen, kann warten. Kurienreform klingt bombastisch, ist aber nicht so wichtig. Ehrenwert, dass Franziskus Abu Dhabi, Marokko, Mazedonien und vielleicht auch Hieroshima und Nagasaki oder gar Nordkorea besucht. Aber was die Kirche wirklich braucht, ist der Felsenmann, ist der Stellvertreter Christi. Nur dann bleibt sie der „Global player“, den die Welt ernst nehmen muss. Und auf die die Getauften mit Hoffnung blicken können. Sonst könnte man ja gleich zu den Freikirchen gehen. gho

 

Kirchlicher Sonderweg am Ende?

Am 20. Februar 2019 steht der Vorsitzende des Zweiten Senats des Bundesarbeitsgerichts (BAG) in Erfurt, Prof. Dr. Ulrich Koch, mit seinen beiden hauptberuflichen und den zwei ehrenamtlichen Richtern seines Spruchkörpers im Mittelpunkt. Dann berät sein Senat ein Verfahren, das seit zehn Jahren diverse Gerichte beschäftigt. Es geht um die Loyalitätspflicht kirchlicher Mitarbeiter. 2008 hatte der Chefarzt einer Düsseldorfer Klinik in kirchlicher Trägerschaft nach der Scheidung seiner Ehe erneut geheiratet. Das war mit den zum damaligen Zeitpunkt geltenden arbeitsrechtlichen Grundsätzen der Kirche nicht vereinbar und führte zur Kündigung.

2011 befand der Zweite Senat des BAG, dass die Kündigung des Mediziners unwirksam war. Dieser Auffassung folgte das Bundesverfassungsgericht allerdings nicht. Es sah durch die Entscheidung der Erfurter Richter die in der Verfassung garantierten Sonderrechte der Kirche verletzt. Karlsruhe verwies das Verfahren zurück an das BAG. Dort angekommen entschied der Senat die Sache nicht, unter Berücksichtigung der Einschätzungen des Verfassungsgerichts, neu. Vielmehr wollte er zunächst vom Europäischen Gerichtshof wissen, ob es das EU-Recht zulässt, dass ein kirchlicher Arbeitgeber bestimmte Loyalitätsanforderungen an leitende Mitarbeiter stellt. Der EUGH urteilte, dass die Bedingung, dass ein katholischer Chefarzt den „heiligen und unauflöslichen Charakter“ der Ehe nach dem Verständnis der katholischen Kirche beachten müsse, nicht eine „wesentliche, rechtmäßige und gerechtfertigte berufliche Anforderung“ sei.

Im Februar muss der Senat von Ulrich Koch jetzt erneut prüfen, ob die Klinik als Arbeitgeber seinerzeit ausreichend dargelegt hat, dass durch die Weiterbeschäftigung des Chefarztes ihr „kirchliches Ethos“ gefährdet war. Nach mehr als zehn Jahren wird dann ein Verfahren entschieden, zu dem es nach den heutigen Maßstäben des Arbeitsrechts der Kirche wohl nie gekommen wäre. Seit 2015 ist bei „verkündigungsfernen“ katholischen Mitarbeitern die erneute Ehe nur dann ein Kündigungsgrund, wenn sie ein „erhebliches Ärgernis in der Dienstgemeinschaft“ darstellt und die Glaubwürdigkeit der Kirche beeinträchtigt wird. Interessant für das kirchliche Arbeitsrecht der Zukunft wird es allerdings sein, wie das BAG mit Ermessensspielräumen und dehnbaren Faktoren wie der Verkündigungsnähe umgehen wird und ob es auf sie überhaupt noch ankommt. Der EUGH hat nämlich bereits in der Ungleichbehandlung von Katholiken gegenüber Nicht-Katholiken die Gefahr einer Diskriminierung gesehen. Auf dieser Basis könnte es für die Kirche schwierig werden, in ihren Betrieben überhaupt noch besondere Loyalitätsanforderungen an ihre katholischen Mitarbeiter zu stellen, die gegenüber Nicht-Katholiken ohnehin nicht greifen würden. Unter dieser Maßgabe sind Sonderwege der Kirche im Arbeitsrecht künftig wohl faktisch kaum noch möglich. hw

 

Winnie Puuh: Wunder geschehen immer wieder

Die Vision ist einfach zu köstlich, als dass man sie aufgeben könnte: Das Reich der Mitte, das gute alte China, die Weltmacht der Zukunft – sie wird christlich. Bitte wie, bitte was? Dieses Bollwerk der Kommunismus? Da sollten Europäer nicht zu pessimistisch sein. Hat man vor der eigenen Haustür im vergangenen Jahrhundert doch so manche kommunistischen Bollwerke den Dnepr, die Wolgau oder die Donau hinabtreiben gesehen.

Mit den Herren in Peking hat der Vatikan im vergangenen Jahr ein Abkommen geschlossen. Es geht um die Bestellung der Bischöfe. Um es kurz zu machen: Die ernennt in Zukunft alle der Papst, bei der Auswahl der Kandidaten hat die Partei ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Das Problem ist nicht ganz neu. In Europa hat die Kirche zwar im Mittelalter den Investiturstreit gewonnen. Sie musste aber noch bis ins letzte Jahrhundert ertragen, dass viele Bischöfe nicht im Apostolischen Palast, sondern in staatlichen Kanzleien das Licht der Welt erblickten.

Nun regiert in Peking keine staatliche Kanzlei, auch nicht der Volkskongress der Kommunistischen Partei, sondern Xi Jingping, der am 14. März 2013, einen Tag, nachdem Franziskus Papst geworden war, Staatschef Chinas wurde. Sieht aus wie Winnie Puuh, Kader-Kommunist, Bilderbuchkarriere und vor den Krankheiten des seelenlosen Materialismus nicht gefeit: Selbst auf Wikipedia finden sich dezente Hinweise, dass seine Familie in der Hand die Mao-Bibel hält, sich aber in der Tasche an den Millionen wärmt, die man zur Seite schaffen und ins sichere Ausland transferieren konnte. Nun denn. Aber in seinem „Pontifikat“ konnte man – was die Außenpolitik betrifft – eher einen pragmatischen Mann erkennen. Den Konflikt mit Japan trieb er nicht auf die Spitze, bei der Zähmung Nordkoreas Raketen-Kim half er vermittelnd. Der Vatikan hat keine Machtmittel, um der Kirche in China auf die Beine zu helfen. Aber wenn sich Xi Jingping 2019 moderat zeigt, hätte die Kirche den berühmten „Fuß in der Tür“. Das Regime in Peking will eine strikte Sinisierung der Religionen. Kann sie haben. Die Inkulturation gehört zur DNA der katholischen Kirche. Und dann könnte sie steigen, die chinesische Rakete am katholischen Himmel. Vom Papst ernannte Bischöfe. Endlich eine Hierarchie, geordnete Pastoral, Katechese, Sakramentenspendung. Treppenwitz der Weltgeschichte: Der Kommunist Xi Jingping wird zum Steigbügelhalter einer Mission, die aus einem praechristlichen Land ein christliches macht. gho

 

Ackermann, der Krisenmanager

„Dann werde ich die Mitbrüder beim Wort nehmen“: An seinem Versprechen vom Sep-tember wird der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Ste-phan Ackermann, im Jahr 2019 zu messen sein. Dem Trierer Oberhirten kommt bei der Aufarbeitung der Missbrauchskrise eine Schlüsselaufgabe zu. Das neunte Jahr in diesem Amt dürfte für Ackermann damit zugleich das schwerste werden.

Denn schwer wiegt das Gepäck, das er aus dem zurückliegenden Jahr mitnimmt. Das im Herbst von der Bischofskonferenz eilig beschlossene Maßnahmenpaket zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals fordert schon bald messbare Ergebnisse.

Für die Kirche in Deutschland und darüber hinaus ist die Bewältigung der Missbrauchskrise von existenzieller Bedeutung. Der massive Vertrauensverlust in weiten Teilen der Gesellschaft wird sich, davon ist selbst bei bestem Willen auszugehen, im Juli in gestiegenen Kirchenaustrittszahlen niederschlagen. Kann die Kirche kein neues Vertrauen in sich, ihr Handeln und vor allem ihre Botschaft aufbauen, droht ihr immer größerer Bedeutungsverlust. Dagegen müssen die Institutionen unter der Führung Ackermanns noch mehr als bisher zeigen, dass sie willens und in der Lage sind, Verbrechen aufzuklären, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, den Opfern Hilfe anzubieten und neue Taten so gut es geht zu verhindern.

Ackermann muss dabei im kommenden Jahr eine deutlich größere Rolle spielen als lediglich die eines einfachen Beauftragten. Er muss komplexe Prozesse voranbringen, die bis heute in den 27 deutschen Bistümern kaum auf einheitlichem Niveau stattfinden. Dazu zählt etwa die Suche nach Verantwortlichen über die Täter hinaus oder auch eine verbindliche Überwachung der Aufklärung und Prävention. Das verlangt von Ackermann, seine Amtsbrüder auf gemeinsames Handeln einzuschwören und zugleich die Führung zu übernehmen, notfalls gegen Widerstände. Noch im September gab er sich gut gerüstet: „Ich werde nicht locker lassen.“ klm

 

Für alle erschwerliches Unrecht?

Im Sommer werden sich alle Scheinwerfer auf ihn richten. Dann – der Termin steht noch nicht fest – wird der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) verkünden, ob die Fahndung nach Trägern des Down-Syndroms im Blut von Schwangeren in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wird oder nicht. Bislang stellen die umstrittenen nichtinvasiven Gentests eine „individuelle Gesundheitsleistung“ (IGeL) dar, die von den Paaren selbst zu bezahlen sind. Ab dem Sommer könnten sie für gesetzlich Versicherte eine Regelleistung der Kassen darstellen, auf die Risikoschwangere dann einen Anspruch besäßen. Und weil ein positives Testergebnis so gut wie immer zur Abtreibung des betreffenden Kindes führt, möchte man nicht in Heckens Haut stecken, wenn der Katholik und Vater dreier Kinder das Ergebnis des Methodenbewertungsverfahrens bekannt gibt, das das oberste Beschlussgremium der Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen im August 2016 eingeleitet hatte.

Hecken, Jahrgang 1959, wird das vermutlich keine schlaflose Nacht bereiten. Denn der ehemalige Leiter des Leitungsstabs des früheren Bundesarbeitsministers Norbert Blüm, saarländische Minister für Justiz, Gesundheit, Arbeit und Soziales und Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ist nicht nur mit allen politischen Wassern gewaschen. In der zur Entscheidung anstehenden causa hat der Spitzenbeamte mit CDU-Parteibuch auch sein Bett bereits gemacht. Via F.A.Z. kritisierte er, dass die Bluttests derzeit „nur für Wohlhabende erschwinglich“ seien, während alle anderen „die Risiken der Fruchtwasseruntersuchung in Kauf nehmen“ müssten. Obgleich Experten davon ausgehen, dass das Methodenbewertungsverfahren zur Freude der Testhersteller ausfällt, verspricht die Verkündigung des Ergebnisses Spannung. Denn wie Hecken das Kunststück fertigbringt, zu erklären, wie Gerechtigkeit dadurch entsteht, dass die Begehung von Unrecht für alle erschwinglich gemacht wird, wird sicher faszinierend. reh

 

Hoffnungsträger für Europa

Bei so mancher Wahl wirken Politiker und Programme austauschbar. Bei der Europawahl am 26. Mai ist das anders. Mit Manfred Weber tritt ein bayerischer CSU-Politiker als EU-weiter Spitzenkandidat an, der für das steht, was Helmut Kohl einst „geistig-moralische Wende“ nannte. Wirkte die Christdemokratie – nicht nur, aber auch in Deutschland – zuletzt oft traditionsvergessen, machten ihre Spitzen den Eindruck, mit dem „C“ nicht viel anfangen zu können, schien die „Mitte“ als Synonym für Konturenlosigkeit zu stehen, so hat die christdemokratische Parteienfamilie mit Weber nun Mut bewiesen. Der benediktinisch geprägte Niederbayer, der sich immer wieder zur Besinnung ins heimatliche Kloster Rohr zurückzieht, dessen Freundeskreis er bis heute leitet, lässt an die christlichen Gründerväter der europäischen Einigung denken.

Mit dem System EU-weiter Spitzenkandidaten hat das Europäische Parlament den Regierungschefs der EU-Staaten die Benennung des Kommissionspräsidenten aus der Hand genommen. Mit der Nominierung von Weber haben Europas Christdemokraten frustrierten Christen einen Hoffnungsträger geboten. Die Sozialdemokratie hat mit dem Juncker-Vize Frans Timmermans ebenfalls einen bewussten Katholiken nominiert, der als Chef-Administrator der aktuellen EU-Kommission viel Erfahrung mitbringt. Der Parlamentarier Weber hat jedoch dank Brexit, der die Roten 20 Labour-Mandate kostet, bessere Chancen, bei der Europawahl die Nase vorne zu haben.

Das ist der Deal der Parteien: Wer am Wahlabend die größte Fraktion des Europaparlaments anführt, soll Junckers Nachfolger werden. Sollte der Manfred Weber heißen, muss er sich doppelt wappnen: Zunächst gilt es, keine Wahlkapitulation gegenüber machtbewussten Regierungschefs wie Merkel und Macron zu machen, sondern den Chefsessel aufgrund des Wahlresultats zu beanspruchen. Dann heißt es, kraftvoll und ausdauernd das Steuerrad der EU in den Griff zu nehmen. Ein Ozeandampfer lässt sich schwerer auf Kurs bringen als ein Schnellboot. Dazu braucht Weber alle benediktinischen Tugenden. sb

 

Freund des Papstes, Feind der Blogger

Der italienische Journalist und Schriftsteller Andrea Tornielli ist der neue Mediendirektor des Papstes: Ihn hat Franziskus zum „Direttore editoriale“ in dem von dem Laien Paolo Ruffini geleiteten Dikasterium für die Soziale Kommunikation des Vatikans ernannt. Der Gräzist war Redakteur verschiedener Blätter wie „Trenta Giorni“ und „Il Giornale“ und ist seit März 2011 Vatikankorrespondent bei der Zeitung „La Stampa“, wo er den Onlinedienst „Vatican Insider“ aufbaute. Der 54 Jahre alte Familienvater gilt als fleißiger und kompetenter „Vaticanista“, und zudem als jemand, der das bisherige Wirken des Papstes sehr wohlwollend begleitet hat – im Gegensatz zu vielen konservativen Bloggern, für die Franziskus in vielen theologischen Fragen die falschen Antworten bietet und die sich zurück in die Zeiten vor „Bergoglio“ sehnen. Tornielli wird nun die Linie der Medien im Vatikan verantworten, von „Radio Vatikan“, vom „Osservatore Romano“, dem TV-Sender „Centro Televisivo Vaticano“, dem Verlagshaus „Libreria Editrice Vaticana“ und nicht zuletzt der website „Vatican News“, das Aushängeschild des Papstes im Internet. Gerade für den Online-Journalismus ist Tornielli als langjähriger Koordinator von „Vatican Insider“ bestens qualifiziert. Mit der franziskusfreundlichen fünfsprachigen Plattform hat er in kurzer Zeit ein breites Publikum erreicht. Um den Preis kritischer Distanz, wie ihm seine Gegner (und die des Papstes) vorwerfen. Mit schnellen Slogans und dem nötigen Taktgefühl für die Sozialen Medien – so sieht er es selbst. In diesem Jahr 2019 werden Weichen gestellt. Dabei spielt die mediale Darstellung der Entwicklung rund um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals und die Debatte um Strukturfragen der Kirche eine entscheidende Rolle. Der Vatikan hat sich mit Andrea Tornielli strategisch in Position gebracht. Viel Kritik von innen muss Papst Franziskus also nicht fürchten. Im Gegenteil: Der neue Medienmann wirkt wie ein Bollwerk gegen die kritischen Blogger. Die Gegner des Papstes geht Tornielli in einem Bewerbungsschreiben der besonderen Art scharf an: In seinem Buch „Il Giorno del Giudizio“ (zu deutsch: „Tag des Jüngsten Gerichts“), erschienen im November 2018 – sechs Wochen vor der Berufung zum Mediendirektor seines Freundes Franziskus. jbo

 

Vor weltlichem Gericht

Für Kardinal Barbarin beginnt das Jahr 2019 mit einem Paukenschlag – im negativen Sinn. Die Missbrauchskrise, von der die katholische Kirche weltweit gezeichnet ist, geht auch am Erzbischof von Lyon nicht spurlos vorüber. Nächste Woche wird ihm der Prozess gemacht. Drei Tage sind dafür vor dem Zivilgericht in Lyon angesetzt. Dabei hat sich Barbarin selbst nicht einmal des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht. Vorgeworfen wird ihm die Vertuschung der Vergehen eines Priesters in seiner Diözese.

Ob Kardinal Philippe Barbarin auf der Anklagebank nun eine gerechte Behandlung erfährt, oder vielmehr als Sündenbock für die Verfehlungen einiger Priester seinen Kopf in die Schlinge stecken muss – die Meinungen gehen auseinander. Seine Verteidiger behaupten, der gallische Primas habe sich nichts zu Schulden kommen lassen und die Gerüchte sexueller Vergehen an Minderjährigen ordnungsgemäß dem Vatikan gemeldet.

Seine Kritiker wollen dies nicht gelten lassen. Hinter dem Rücken der Öffentlichkeit, so die Behauptung, habe der 68-Jährige die Vorwürfe abhandeln wollen, um das Bild der Kirche nicht zu beschmutzen. Moralisch noch verwerflicher sei das, meinte der Vorsitzende der Opfer-Vereinigung „La Parole Libérée“, Francois Devaux, gegenüber dieser Zeitung. Ein französischer Pfarrer aus der südostfranzösischen Diözese Valence fordert sogar den Rücktritt des Erzbischofs. Um dem Nachdruck zu verleihen, startete er eine Petition im Netz, mit der sich enttäuschte Gläubige seinem Wunsch anschließen können. Über 108 000 Unterschriften kamen so bereits zusammen. Das sind immerhin fast zehn Prozent aller Katholiken im Erzbistum. Es könnte eng werden für Kardinal Barbarin. Dabei hat er durchaus auch dazu beigetragen, dass in der französischen Kirche strengere Richtlinien und Kontrollmechanismen zur Missbrauchsbekämpfung herrschen. Auch Entschädigungszahlungen für die Missbrauchsopfer wurden 2016 unter seiner Ägide beschlossen. Für eine in großen Teilen erzürnte Öffentlichkeit reicht das nicht – sie fordert personelle Konsequenzen. Und eine Verurteilung des Oberhaupts der immerhin drittgrößten Diözese des Landes vor einer weltlichen Gerichtsbarkeit hätte da Signalwirkung. Auch über die Grenzen Frankreichs hinaus. Philippe Barbarin wurde im Jahr 2002 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Lyon ernannt. 2003 wurde er in den Kardinalsstand erhoben. ml

 

Spanien steht vor einer Richtungswahl

„Reconquista“, so heißt der Ruf der spanischen Rechtskonservativen, die sich in der Partei „Vox“ zusammenfinden und gemeinsam mit den Konservativen von der Partido Popular sowie den liberalen Bürgerlichen „Ciudadanos“ Spaniens Einheit retten und vor Sozialismus und Islam bewahren wollen. Als Reconquista wird die Rückeroberung Spaniens von den Mauren durch die katholischen Könige im fünfzehnten Jahrhundert bis 1492 (Fall Granadas) bezeichnet. Und sie haben Grund zur Annahme, dass ihnen dies in den Wahlen 2019 gelingen wird. Aber Santiago Abascal, der Chef von Vox, wird dies nur in einem Bündnis tun können. Die entscheidende Person wird Pablo Casado sein, der Chef der Volkspartei. Sein Gegenspieler, Pedro Sanchez, derzeit Chef der Sozialisten und Ministerpräsident Spaniens, bildet mit einer möglichen Linksallianz den Gegenpol. Denn die Reconquista der Macht in Madrid wird auch eine Frage der Weltanschauung sein.

Casado ist praktizierender Katholik. Er ist gegen Abtreibung und Leihmutterschaft. Er ist auch für ein Bündnis mit Vox. Sanchez dagegen ist für Abtreibung und auch alle anderen Gesetze, die sich aus dieser lebensfeindlichen und staatsgläubigen Haltung ableiten lassen. 2019 stehen nicht nur die Europa-Wahlen, sondern auch Urnengänge in den meisten Regionen, Kommunen und Ende des Jahres auch zum Parlament an. Möglich, ja wahrscheinlich werden die Parlamentswahlen vorgezogen. Denn Sanchez‘ Minderheitsregierung ist von den katalanischen Abgeordneten im Nationalparlament abhängig und diese verlangen die Freilassung der 18 separatistisch gesinnten Mitglieder der früheren katalanischen Regionalregierung. Deren Prozess läuft. Ohne die Zustimmung der Katalanen wird Sanchez den Haushalt 2019 nicht durch das Parlament bekommen. Dann müsste er Neuwahlen ansetzen.

Die liberal-konservative Allianz spiegelt die Wählerschaft und Meinungslage in Spanien. Es gibt, ähnlich wie in Frankreich, eine Mehrheit rechts von der Mitte. Und ähnlich wie in Frankreich – übrigens auch in Deutschland – steht eine Mehrheit der Medien links von der Mitte, im Tenor gesellschaftspolitisch eher nihilistisch bis kirchenfeindlich. Für sie ist Sanchez der Held. Die Bevölkerung dagegen neigt zu dem Trio Casado – Abascal (Vox) – Rivera (Ciudadanos). Schlüsselfigur ist Casado. Wenn es ihm gelingt, in den Moncloa-Palast, den Regierungssitz einzuziehen, könnte das eine wertkonservative Wende zur Folge haben, für Spanien und vielleicht auch einige andere Länder in Europa. Es wäre eine Reconquista im christdemokratischen Geist. lim