Auf gepackten Koffern

Wer kann, verlässt Venezuela: Fünf Prozent der Bevölkerung ist bereits ausgewandert. Von Marcela Velez-Plickert

Krise in Venezuela - Grenze zu Kolumbien
Auch er will weg aus Venezuela. Mit anderen Flüchtlingen macht er sich auf den Weg zur kolumbianischen Grenze. Foto: dpa
Krise in Venezuela - Grenze zu Kolumbien
Auch er will weg aus Venezuela. Mit anderen Flüchtlingen macht er sich auf den Weg zur kolumbianischen Grenze. Foto: dpa

Es sind Junge und Alte, Mütter mit Kindern, Studenten und Senioren – alle auf der Flucht vor den Zuständen in ihrem Heimatland. Sie tragen ein Bündel mit Kleidung, Tüten mit etwas Proviant, vielleicht ein paar Dollar Notreserve, sonst nichts. Die meisten laufen zu Fuß über die Grenze nach Kolumbien oder nach Brasilien. Wenig bemerkt vom Rest der Welt hat die Emigration aus Venezuela erschütternde Ausmaße angenommen. Das Land blutet aus. Nach Angaben der UN-Organisation für Migration sind seit 2015 schon 1,6 Millionen ausgewandert, 145 000 hätten in Nachbarländern politisches Asyl beantragt.

Das UN-Flüchtlingskommissariat schätzt, dass derzeit jeden Tag 5 000 Venezolaner das Land verlassen. Geht es so weiter, würden dieses Jahr etwa 1,8 Millionen auswandern. Das wären fünf Prozent der Bevölkerung Venezuelas. Schon heute lebt etwa ein Zehntel der Venezolaner außerhalb ihres Heimatlandes, schätzt das Observatorium der Diaspora. Auch Tausende Mitarbeiter des Ölkonzerns PDVSA sind gegangen. Die Regierung von Nicolás Maduro hat sie deshalb als „escuálidos“, als „Verräter“ bezeichnet.

Die sich seit zwei, drei Jahren stetig verschärfende humanitäre Krise treibt nun die Massen zur Auswanderung. Sie flüchten vor einer explosiven Mischung aus Wirtschaftskrise mit Lebensmittelknappheit und Hyperinflation, Gewaltkriminalität, politischer Unterdrückung und Korruption. Die Emigrationswelle der Venezolaner ist der größte Exodus in so kurzer Zeit, den es je in Lateinamerika gegeben hat. Die ärmsten Auswanderer schaffen es gerade mal über die Grenze nach Kolumbien und Brasilien, stranden dort in kleinen Städten, die ihrerseits unter der Last der Migranten zusammenzubrechen drohen.

Ein Beispiel ist Roraima, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Boa Vista, wo in den vergangenen Monaten rund 50 000 Venezolaner angekommen sind. In Roraima lebten vorher nur 320 000 Menschen. Boa Vistas Gouverneurin Suely Campos warnt, dass die kleine Stadt die Kosten zur Versorgung der vielen Immigranten nicht tragen könne. Sie bat die Regierung, die Grenze zu schließen.

So wird aus der venezolanischen Krise nach und nach eine regionale Krise. Nachbarstaaten beginnen, schärfere Grenz- und Visaregeln einzuführen. Südamerikaner dürfen ohne Visum andere Länder der Region bereisen, für 90 Tage. Aber nun verschärfen einige Länder die Regeln.

Noch vor zwanzig Jahren war Venezuela das reichste Land Lateinamerikas und zog selbst Einwanderer an, sogar aus Europa, etwa Spanier für die Ölindustrie. In den vergangenen Jahren hat das sozialistisch regierte Ölland einen beispiellosen Absturz durchgemacht. Der Einbruch des Ölpreises 2014 war ein Grund, die jahrelange Vernachlässigung von Investitionen und die sozialistische Misswirtschaft waren die anderen Gründe. Die Wirtschaftsleistung ist um 40 Prozent gefallen, laut IWF-Prognose könnte sie dieses Jahr noch mal um 15 Prozent schrumpfen. Die Regierung stopft die Löcher im Staatshaushalt, indem sie neues Geld druckt. Das hat zu einer Hyperinflation geführt. Derzeit beträgt die Inflationsrate etwa 6 000 Prozent. Die Einkommen reichen nicht mehr aus, um die Güter des täglichen Bedarfs zu kaufen, die nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind.

Laut der Nationalen Erhebung der Lebensbedingungen (Encovi) von drei Universitäten des Landes leben inzwischen 87 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. In den Krankenhäusern fehlt Medizin, die Kinder- und Müttersterblichkeit hat drastisch zugenommen. Präsident Maduro schiebt die Schuld für die Krise auf einen ominösen „Wirtschaftskrieg“, den die konservative Opposition und das Ausland, besonders die USA, gegen Venezuela führten. Das Parlament, in dem in den letzten demokratischen Wahlen die Opposition eine Zweidrittel-Mehrheit errang, wurde faktisch entmachtet. Für den 20. Mai sind nun die Präsidentschaftswahlen angesetzt. Maduro wirbt für seine Wiederwahl, „um die Revolution weiterzuführen“. Die Opposition hat dazu aufgerufen, dieses Wahlen zu boykottieren. Denn freie und faire Wahlen seien nicht zu erwarten.