Auf die Identität Europas rückbesinnen

Armin Laschet (CDU) über die Euro-Rettung, gefährlichen Populismus und die ungehörte Warnung des Papstes. Von Michael Gregory

ist Vorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen. Foto: dpa
ist Vorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen. Foto: dpa
Europa setzt alle Hebel in Bewegung, um den Euro zu retten und ist bereit, dabei große Risiken einzugehen. Ist es das liebe Geld, von dem Europa zusammengehalten wird?

Leider wirkt die Euro-Debatte derzeit so, als ginge es um einen reinen, puren ökonomistischen Materialismus. Natürlich ist die Stabilität einer Währung wichtig, aber Geld muss den Menschen und dem Gemeinwohl dienen. Papst Johannes Paul II., der wie kein anderer zum Ende des Kommunismus beigetragen hat, hat schon 1991 in seiner Enzyklika „Centesimus annus“ gewarnt, die Umbrüche im Jahr 1989 nicht als Sieg eines materialistischen Kapitalismus misszuverstehen, und er hat vor Spekulationsgewinnen gewarnt. Hätte man auf ihn gehört, wäre uns der ganze Größenwahn der Weltfinanzkrise erspart geblieben. Die Euro-Debatte braucht jetzt auch eine Selbstvergewisserung Europas auf seine Identität und Wurzeln. Sonst scheitert das Projekt.

Welche Wurzeln und gemeinsamen Werte meinen Sie?

Europa ist als Kontinent über Jahrhunderte geprägt vom jüdisch-christlichen Erbe, von den Zehn Geboten und dem christlichen Menschenbild, das den Menschen als Ebenbild Gottes mit einer unveräußerlichen Würde sieht. Er ist Person, Individuum und Sozialwesen, und er darf nie zum Objekt staatlicher oder wirtschaftlicher Zwänge werden. Unser europäisches Gesellschaftsmodell droht in der Globalisierung marginalisiert zu werden angesichts boomender Regionen in Asien. Wenn Europa nicht Abstand nimmt von dieser egoistischen, neu entflammten nationalistischen Rhetorik, verlieren wir Wohlstand und Werte.

Meinen Sie Söder und Rößler?

Ja. Mit innenpolitischem Populismus und aggressiver Sprache gegen andere Länder versündigen wir uns am Erbe von Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi. Die Gründungsväter der Europäischen Union, die zum Teil von der Kirche in Seligsprechungsprozessen gewürdigt werden, haben den unchristlichen Nationalismus überwunden. Nur wenn wir wieder über unsere gemeinsamen Werte reden, werden wir unserer christlichen Verantwortung gerecht.

Was ist jetzt zu tun?

Wir brauchen jetzt einen großen Schritt zur Politischen Union, wir brauchen eine Verfassung für Europa, in der die Verantwortung vor Gott und in der die geistigen Wurzeln Europas beschrieben werden. Vor allem brauchen wir Regierungen, die das Wohlergehen aller Menschen auf unserem Kontinent im Blick haben. Ich fürchte, dass mit dem Scheitern des Euro, dem Zerfall in 27 nationale Währungen, der Spekulation gegeneinander Tür und Tor geöffnet wird. Europa wird an Einfluss verlieren und auch wir Deutschen werden dafür bitter bezahlen. Nur mit einer Rückbesinnung auf die Identität Europas, auf christliche Werte, die in der Sozialen Marktwirtschaft ihren Ausdruck gefunden haben, können wir einen Beitrag leisten zu einer besseren Welt.

Wie soll die Rückbesinnung gelingen in einer weitgehend säkularisierten europäischen Gesellschaft?

Auch angesichts einer zunehmenden Säkularisierung gibt es, gerade bei jungen Leuten, eine große Sehnsucht nach Orientierung und Werten. Es gibt noch immer viele Menschen, die sich von der christlichen Botschaft, aber auch von der europäischen Idee und ihren Ursprüngen begeistern lassen. Gemeinsam sollten wir für diese Ideen streiten.

Welche Erwartungen richten Sie an die Kirchen?

Einen konsequenten Weg der Neuevangelisierung mit Betonung unserer gemeinsamen Werte in Europa. Ich wünsche mir, dass die Kirche die Sprache der Menschen spricht und wieder mehr Menschen erreicht.