Würzburg

Aristoteles und Ortsverein

Gesine Schwan will SPD-Vorsitzende werden: Die Professorin ist katholisch und leitet auch daraus ihr Politik-Verständnis ab. Ein Gespräch

Gesine Schwan
Sieht sich eher in einer linkskatholischen Tradition: die SPD-Politikerin Gesine Schwan. Foto: Wolfgang Borrs (NDR)

Die Fürstin hat sie gewählt. Es war vor 15 Jahren, als Gesine Schwan zum ersten Mal für die SPD Bundespräsidentin werden wollte. Sie hatte keine großen Chancen, in der Bundesversammlung eine Mehrheit zu bekommen. Doch die Politik-Professorin vertraute darauf, dass sie vielleicht doch Vertreter aus dem anderen Lager von sich überzeugen könnte. Und bei Gloria von Thurn und Taxis hat es tatsächlich funktioniert. Augenzeugen berichteten später, wie nach der Versammlung, Horst Köhler war bereits vereidigt, die Fürstin aus Regensburg auf Schwan zugegangen sei, sie umarmt und strahlend versichert habe: „Sie sind eine wunderbare Frau. Ich habe Sie gewählt.“

Auch Fürstin Gloria hat sie gewählt

Ein Beispiel für die Wirkung Gesine Schwans auch auf Personen, die nicht aus dem gleichen politischen Milieu stammen. Denn das tut die Fürstin ganz bestimmt nicht, die von der CSU für die Versammlung aufgestellt worden war (seither übrigens niemals wieder). Und doch verbindet Gesine Schwan und Gloria von Thurn und Taxis mehr, als man auf den ersten Blick denkt: Beide Frauen sind bekennend katholisch und beide leiten auch aus ihrem Glauben die Verantwortung ab, sich zu engagieren. Wenngleich auch in ganz unterschiedlicher Weise: Da die konservative Bayerin, dort die Berlinerin, die sich eher in einer linkskatholischen Tradition sieht. Allerdings tut dies Gesine Schwan in einer ganz spezifischen Weise. Von den Konkurrenten, die mit ihr um den SPD–Vorsitz streiten, hebt sie das ab.

Im Moment ähnelt das Leben Gesine Schwans dem einer Schauspielerin in einem Tournee-Theater. Jeden Tag eine andere Halle, ein anderes Publikum, aber immer das gleiche Stück. Dieses Mal ist Nürnberg an der Reihe. Die Redezeit bei den Vorstellungsrunden der Kandidatenpaare ist kurz. „Deswegen ist es am einfachsten, immer das Gleiche zu sagen.“ Gewiss, das sei etwas eintönig. Aber, das weiß die Wissenschaftlerin natürlich, sie hält hier keine Vorlesung, sie will die Parteibasis überzeugen. Und da sind eingängige Botschaften nun einmal wichtig. Sie und ihr Kandidaten-Partner Ralf Stegner gelten im Reigen der Bewerber als „links“. Dabei ist gar nicht so einfach zu beschreiben, was das hier genau heißt.

Schwan wurde lange Zeit dem rechten Flügel der SPD zugerechnet

Für Konservative ist der oft griesgrämig wirkende Schleswig-Holsteiner ein beliebtes Feindbild, er erscheint ihnen als Personifikation ideologisch verbohrter Sturheit. Schwan hingegen, Mitgründerin des „Seeheimer Kreises“, wurde lange Zeit dem rechten Flügel der Partei zugerechnet. Mit Stegner versteht sie sich jedenfalls gut. Gerade haben sie sich noch kurz in der Hotellobby besprochen. Jetzt sitzt das rote Nordlicht ganz friedlich an einem Tisch in der Bar und tippt in sein Laptop. Bar und Hotellobby sind so etwas wie das Heerlager der einzelnen Kandidatenteams. An einem hinteren Tisch hat sich Klara Geywitz niedergelassen, die zusammen mit Olaf Scholz das Spitzenamt erringen will. Mitarbeiter laufen mit ihren Rollkoffern durch die Lobby. Es ist noch ein paar Stunden hin bis gleich nebenan in der Nürnberger Meistersingerhalle die nächste Wahlkampf-Runde starten wird.

Es herrscht die Ruhe vor dem Sturm und es ist auch Schwan anzumerken, dass sie ganz froh ist, nun einmal ein bisschen entspannen zu können. Gesine Schwan könnte ihr Renommee als allseits anerkannte Politikwissenschaftlerin genießen und sich ganz den Themen widmen, denen ihre Leidenschaft gilt, der Deutsch-Polnischen Verständigung etwa. Hier und da einmal ein Festvortrag, ein Auftritt in einer Talk-Runde, aber nicht diese Termin-Tortur durch die Niederungen der Parteiarbeit.

Politikverständnis aus dem Glauben heraus

Warum die 76-Jährige sich aber dieser Strapaze aussetzt und dabei sogar recht vergnügt wirkt, das hat etwas mit ihrem Verständnis von Politik zu tun. Und das wiederum steht in Verbindung zu ihrem Glauben. Ihre Glaubensgeschichte ist ungewöhnlich: „Mein Elternhaus war links, aber nicht parteipolitisch gebunden sozialistisch“, sagt sie. Ihr Vater, Hans R. Schneider, später Oberschulrat in Berlin, verstand sich als antiklerikal. Ursprünglich Protestant, hatte er, nachdem er aus dem Ersten Weltkrieg als Soldat zurückgekommen war, mit der Evangelischen Kirche gebrochen. Sie hatte sich aus seiner Sicht zu sehr mit den Machteliten des Kaiserreiches eingelassen. Er wollte auch nicht, dass seine Tochter getauft wird. Und dann war da noch die Mutter: Hildegard Schneider stammte aus Oberschlesien, arbeitete als Fürsorgerin – und war katholisch. Sie nahm ihre Kinder mit in die Messe. Für das Mädchen wurde so der Kirchgang ganz selbstverständlich – auch wenn sie nicht getauft worden war.

Und auch als junge Frau setzte sie diese Tradition fort. Die Politik- und Philosophie-Studentin beschäftigte sich damals vor allem mit politischer Ideengeschichte. Und sie interessierte natürlich die katholische Sicht auf diese Fragen. Also hörte sie auch theologische Vorlesungen, in Berlin bei Marcel Reding und dann in Freiburg bei Bernhard Welte. Der Luxemburger Reding sorgte damals für Aufsehen, weil er sich als Priester mit dem Marxismus auseinandersetzte. Welte, ebenfalls Priester und Weggefährte Martin Heideggers, zählte zu den wichtigsten Religionsphilosophen seiner Zeit. Und dann hat die Studentin einen Entschluss gefasst: Gesine Schwan hat sich taufen lassen. „Das typische Katholische ist für mich sinnlich, lebensfroh, dem Menschen zugewandt.“ Die Welt sei durch die Erbsünde geprägt, aber eben nicht total. „Es gibt einen Gestaltungsspielraum. Und ich sehe mich dazu verpflichtet, diesen Freiraum eben auch zu nutzen.“ Das sei die Aufgabe der Politik.

"Mir geht es auch immer darum,
die andere Seite zu verstehen"

Ihre Leitfiguren sind dabei Aristoteles und Thomas von Aquin. Deren Lehren sind aus ihrer Sicht ein wirkungsvolles Gegengift gegen einen Kulturpessimismus, der diesen Gestaltungsspielraum nicht erkennen wolle. Die Prägung durch Thomas zeigt sich auch daran, wie sich Schwan die politische Debattenkultur in einer Demokratie vorstellt: „Mir geht es auch immer darum, die andere Seite zu verstehen.“ Dass diese Einstellung zwar einfach klingt, aber gar nicht so leicht durchzuhalten ist, lässt sich in Zeiten von Hasskommentaren und „shit storms“ in den Sozialen Netzwerken gut nachvollziehen. Aber auch früher war es nicht unbedingt leichter. Gesine Schwan ist heute Vorsitzende der Grundwertekommission ihrer Partei, bis 1984 gehörte sie der schon einmal an. „Damals wurde ich nicht wiedergewählt, also praktisch rausgeworfen.“

Heute kann sie darüber lachen. Schwan hatte sich mit der Parteispitze angelegt. Ihr passte nicht die Haltung der SPD gegenüber der Neuen Linken, aus ihrer Sicht damals ein Kuschelkurs. Die Rigorosität, die ideologische Unbedingtheit, der marxistische Dogmatismus der 68er stieß sie ab. Ihr Mann, der 1989 verstorbene Politikwissenschaftler Alexander Schwan, auch er Sozialdemokrat und katholisch, war für viele der linken Studenten damals an der Berliner Freien Universität zu einem Feindbild geworden. In einem Seminar wäre er sogar beinahe einmal von Studenten aus dem Fenster geworfen worden. Dabei verstand sich diese Generation junger Professoren als liberal. Alexander Schwan hatte sich etwa dafür stark gemacht, dass am Otto-Suhr-Institut Studenten mehr Mitspracherecht in den Fakultätsgremien bekommen. Aber sein Politik-Verständnis war eben völlig anders als das der revolutionär gestimmten Studenten. Für die jungen Linke gab es nur schwarz und weiß, der Sinn für Zwischentöne war als bürgerlich verschrien.

"Bei uns zuhause herrschte
immer eine freie Diskussionskultur"

„Viele der 68er kamen ja aus Elternhäusern, die eine Nazi-Vergangenheit hatten. Bei manchen hatte man das Gefühl, dass sich nur die ideologischen Vorzeichen geändert haben. Das rigide Politik-Verständnis beziehungsweise eine intolerante Haltung sind geblieben“, sagt Gesine Schwan heute im Rückblick. Ihr habe damals schon deswegen jedes Verständnis für so ein Verhalten gefehlt, da ihr Elternhaus ja klar anti-nazistisch gewesen sei. Ihre Eltern hatten im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen bei sich versteckt. „Bei uns zuhause herrschte immer eine freie Diskussionskultur. Als ich noch Schülerin war, habe ich Freunde von mir immer gern mit nach Hause genommen. Mir ist erst im Rückblick klar geworden: Denen hat die Atmosphäre gefallen. Das kannten die nicht von ihrem Zuhause. Meine Mutter war zum Beispiel auch immer bei den Partys daheim mit dabei und hat sich mit meinen Freunden unterhalten.“

Mittlerweile zieht Schwan allerdings insgesamt eine positive Bilanz der Reformbewegung, die Ende der 60er Jahre eingesetzt habe. Das Land habe eine Liberalisierung erfahren, die ihm insgesamt gutgetan habe. Und selbstkritisch merkt sie an: „Mein Mann verstand sich als liberal, aber vielleicht war er trotzdem manchmal im Umgang mit den Studenten zu autoritär.“ Alexander Schwan brach schließlich völlig mit der SPD, trat in die CDU über und machte Wahlkampf für Richard von Weizsäcker als Regierenden Bürgermeister. Gesine Schwan aber blieb trotz ihrer Probleme mít der SPD in der Partei. Wenngleich auch immer bereit zum politischen Dialog über Lagergrenzen hinweg: So sprach sie etwa bei dem konservativen Think Tank der 80er Jahre, dem von Hans Filbinger gegründeten Studienzentrum Weikersheim.

Warum sie der SPD die Treue gehalten hat

Warum hat sie der SPD die Treue gehalten? Es gab nämlich auch noch ein anderes Konfliktfeld: Die Sicht der Partei auf Polen während des Kalten Krieges. Schwan war schon während ihres Studiums nach Polen gereist, 1965 besuchte sie, wie sie sich erinnert, zum ersten Mal die Messe in der Marienkirche in Krakau. Schwan hielt immer Kontakt zu polnischen Intellektuellen. Anfang der 80er Jahre kritisierte sie dann die Haltung der Regierung Schmidt gegenüber Solidarnosc. Für den Kanzler war die polnische Opposition in erster Linie ein Störfaktor im mühsam austarierten Gleichgewicht zwischen den beiden Machtblöcken. Das konnte sie nicht nachvollziehen, blieb aber. Heute sagt sie: „Die SPD setzt sich aus meiner Sicht am stärksten für die Themen ein, die mir auch als Katholikin wichtig sind. ,Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.' Das ist für mein Politikverständnis ein ganz wichtiger Satz aus dem Evangelium.“ Ob sie damit ihre Genossen überzeugen wird? Natürlich will Gesine Schwan gewinnen, aber wichtig ist ihr vor allem, dass sie antritt. Eben wieder als Zeichen dafür, dass es wichtig sei, den politischen Gestaltungsraum, der sich einem biete, auch zu nutzen. Natürlich gebe es in einem politischen Leben immer wieder Niederlagen. Es komme darauf an, trotzdem weiterzumachen.

"Das Böse ist eine reale Dimension"

Dabei ist sie aber keineswegs naiv: „Das Böse ist eine reale Dimension“, sagt sie und verweist auf das Buch eines polnischen Philosophen: „Gespräche mit dem Teufel: acht Diskurse über das Böse“ von Leszek Kolakowski. Über ihn hatte Schwan schon ihre Dissertation verfasst. Als Kolakowski 1977 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam, hielt Schwan die Laudatio. „Es ist zwar eine Satire. Aber was er hier über den Teufel schreibt, das ist schon sehr interessant und diskussionswürdig.“ Schwans politische Grundbotschaft ist, dass Menschen der Welt nicht ohnmächtig gegenüberstehen. Sie hätten die Möglichkeit, aber auch die ethische Pflicht zu handeln. Das sei nicht leicht. Gesine Schwan schöpft dafür Kraft aus ihrem Glauben.