Angst wie nie zuvor

In Syrien ist Präsident Assad militärisch zuletzt schwer unter Druck geraten. Von Oliver Maksan

Rebellen beschädigten die griechisch-katholische Kathedrale von Aleppo. Das Gotteshaus ist für den Gottesdienst nicht mehr zu gebrauchen. Foto: Melk. Patriarchat
Rebellen beschädigten die griechisch-katholische Kathedrale von Aleppo. Das Gotteshaus ist für den Gottesdienst nicht me... Foto: Melk. Patriarchat

Aleppo ist im Visier der syrischen Aufständischen. Nach der Eroberung der Stadt Idlib und des benachbarten Dschis Al Schugur richten die Rebellen ihren Blick auf die ehemalige Wirtschaftsmetropole Aleppo. In den vergangenen Wochen haben sich die Kräfteverhältnisse rund um die Stadt beträchtlich verändert, nachdem die Regierungsarmee noch im Februar eine Offensive starten konnte, um die von den Rebellen gehaltenen Teile der Stadt einzunehmen. Zu spüren bekommen das die Menschen in Aleppo, Moslems wie Christen. Die armenisch-katholische Ordensfrau Annie Demerjian harrt dort seit Jahren aus und hilft den bedrängten Menschen in einer Stadt, in der die Strom- und Wasserversorgung in weiten Teilen zusammengebrochen ist. „Betet für Aleppo. Die Menschen haben Angst wie nie zuvor in den letzten Jahren“, appellierte die Schwester kürzlich an das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“. „Die Menschen erwarten schwere Kämpfe. Tausende haben die Stadt verlassen, Christen wie Muslime. Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor. Die Christen nehmen mit, was sie tragen können, und suchen Zuflucht in der Küstenregion oder im Tal der Christen. Ich weiß nicht, wieviele gegangen sind, aber es sind sehr viele, tausende. Wir spüren das, weil die christlichen Viertel sich merklich geleert haben.“ Zuletzt sollen noch etwa 60–70 000 Christen in Aleppo ausgeharrt haben. Die Lage der Christen in der einstigen Millionenstadt hat sich im April noch einmal verschärft. Während des ostkirchlichen Karfreitags am 10. April war das überwiegend christliche Stadtviertel Suleymaniye heftigem Beschuss seitens der Rebellen ausgesetzt. Mehrere Kirchen wurden beschädigt. „Die Christen Aleppos stehen noch heute unter Schock, so schwer war der Angriff. Die Menschen schrecken bei lauten Geräuschen auf. Viele fanden sich in zerstörten Häusern wieder. Eine Frau sah ihre Kinder regungslos im Schutt liegen. Zum Glück haben sie überlebt. Andere verloren bei den Angriffen ihr Leben. Wir haben am Ostersonntag unsere Brüder und Schwestern zu Grabe getragen. Wir sind von einer Beerdigung zur anderen geeilt. Es war so traurig“, berichtet die Ordensfrau.

Beobachter sprechen von einer angespannten Situation für das Regime des syrischen Präsidenten Baschar Al Assads wie seit Jahren nicht mehr. Nachdem es ihm 2013 gelungen war, den Kollaps abzuwenden, der vor allem im Sommer 2012 nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, hat Assad in diesem Frühjahr einige schwere Niederlagen einstecken müssen. Schon gibt es erste Analysen, das Regime sei angezählt. Genährt wurde diese Einschätzung durch eine Reihe von militärischen Niederlagen. So verlor das Regime im Süden die Kontrolle über den wichtigsten Grenzübergang nach Jordanien. Der herbste Verlust war aber der der Provinzhauptstadt Idlib Ende März und wenig später der Stadt Dschisr Al-Schugur. Damit fiel nach Raqqa die zweite Provinzhauptstadt in die Hände der Aufständischen, was von hoher symbolischer Bedeutung ist. Assad fühlte sich zu einer Stellungnahme genötigt und tat den Verlust als taktischen ab. Doch tatsächlich kommen die Rebellen damit der nordwestlichen Küstenregion bedrohlich nah, wo das alawitische Herzland des Präsidenten liegt. Vor allem die extremistische, mit Al Kaida alliierte Al-Nusra-Front tat sich in den Kämpfen hervor. Entscheidend aber – und für Assad sehr beunruhigend – war die Tatsache, dass es sich um ein erfolgreiches Bündnis von ideologisch und machtpolitisch bislang disparaten Rebellengruppen handelte. Hinter dieser ungewohnten Einigkeit stehen verstärkte Bemühungen der Saudis, Assad aus dem Amt zu drängen. Unter dem neuen saudischen König Salman gibt es Versuche, Katar und die Türkei, die dieses Ziel ebenfalls teilen, aber bislang auf unterschiedliche Gruppen gesetzt haben, zu einen. Damit soll nicht zuletzt Druck auf die USA ausgeübt werden, über dem Kampf gegen den IS Assad nicht aus den Augen zu verlieren.

Dieser neuen Einigkeit seiner Feinde steht die angespannte Lage der Verbündeten Assads gegenüber. Ohne die militärische, diplomatische und finanzielle Hilfe aus Moskau, Teheran und seitens der libanesischen Hisbollah hätte Assad die vergangenen Jahre kaum überleben können. Doch das jahrelange, verlustreiche Engagement der Schiitenmiliz Hisbollah und die Milliarden, die aus Teheran nach Damaskus flossen, bringen die Verbündeten über kurz oder lang an ihre Grenzen. Der an Geld- und Soldatenmangel leidende Assad ist aber auf die Unterstützung seiner Verbündeten angewiesen. Es ist nicht auszuschließen, dass das Regime seine Kräfte deshalb weiter konzentrieren wird und sich aus Gebieten, die es nur unter größtem Aufwand halten kann, zurückzieht. Auch Aleppo wird hier genannt. Manche Beobachter meinen, dass aufgrund der gegenwärtigen Schwäche des Regimes dessen Kompromissbereitschaft wachsen könnte und mit ihr neue politische Perspektiven. Dem steht das Szenario eines noch lange dauernden Abnutzungskrieges beider Seiten gegenüber, sollte das Regime nicht irgendwann kollabieren. Doch die jetzt wieder einsetzenden Abgesänge auf das Assad-Regime könnten sich wie bereits in den vergangenen Jahren als verfrüht erweisen.