Alles geht seinen sozialistischen Gang

Fidel Castro hinterlässt auf Kuba eine fragwürdige Bilanz – Der Insel steht ein langwieriger Wandlungsprozess bevor – Besuch von Kardinalstaatssekretär Bertone

Hin und wieder bot sich der Spuk in Bildern dar, etwa wenn Hugo Chávez in Havanna am Bett des kranken Castro saß. Fidel zeigte sich dem Fernsehpublikum in einem Trainingsanzug mit den Farben der Insel, der Venezolaner im blutroten Hemd seiner Bewegung. „Bruder!“, flüsterte der greise Gastgeber. „Vater, Lehrer“, entgegnete Gesinnungsgenosse Chávez, „du wirst nie sterben“, bevor sie trotzig den alten Kampf- und Schreckensruf deklamierten: „Patria, socialismo o muerte! Venceremos!“ Es war eine seltsam gespenstische Szene – sollte sie langsam die Wachablösung an der Spitze des kubanischen Regimes ankündigen?

Ein unspektakulärer und fast versteckter Rücktritt

Monatelang war damit spekuliert worden – schließlich gab der kubanische Präsident Fidel Castro jetzt seinen Rücktritt ganz unspektakulär und fast versteckt in einem längeren Artikel mit dem Titel „Mensaje del Comandante en Jefe“ (Mitteilung des Oberkommandierenden) in der Online-Ausgabe der Parteizeitung „Granma“ bekannt. Darin heißt es: Der 81-Jährige werde das Präsidentenamt sowie die Armeeführung aufgeben. „Weder strebe ich noch nehme ich die Bürde des Präsidenten des Staatsrates und des Oberkommandierenden an“, wurde der erkrankte Castro in dem Bericht zitiert. Er habe die „Ehre“ gehabt, viele Jahre lang das Land zu führen. Nach seiner Erkrankung im Sommer 2006, als er die Regierungsgeschäfte seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl übertragen hatte, sei es seine Aufgabe gewesen, das Volk „psychologisch und politisch“ auf seine Abwesenheit vorzubereiten.

Castro saß dem Staatsrat seit seiner Gründung 1976 vor. Am Sonntag „wählt“ die neue kubanische Nationalversammlung aus ihrer Mitte den Staatsrat, der wiederum den Staats- und Regierungschef bestimmt. De facto führte Fidel Castro aber bereits seit seinem triumphalen Einzug in die Hauptstadt Havanna 1959 die Staatsgeschäfte in Kuba. Damals stürzte er den Diktator Fulgencio Batista nach einem Guerilla-Krieg. Dass Fidel Castro, der nicht nur zehn amerikanische Präsidenten, sondern auch zahlreiche Mordversuche des politischen Erzfeindes überlebt hatte, seinen Rücktritt kurz vor der Wahl ankündigte, könnte bedeuten, dass er zu schwach ist, um an der konstituierenden Sitzung am Sonntag überhaupt teilzunehmen.

Fidel Castro: Revolutionär, Alleinherrscher und seit Jahrzehnten Symbolfigur der Linken in aller Welt. Ein halbes Jahrhundert hat Fidel Castro Kuba beherrscht – er hinterlässt eine fragwürdige Bilanz. Fidel Castro wollte die Ungerechtigkeiten in seiner Heimat beseitigen, als er Anfang der 1950er Jahre Revolutionär wurde. Er versprach, Wohlstand für alle zu schaffen. Doch er brachte sein Volk an den Bettelstab. Der Durchschnittsverdienst auf der Karibikinsel liegt bei 20 bis 30 Dollar im Monat. Zwei Generationen von Kubanern kennen nichts anderes als Angst vor Uniformierten und Spitzeln, Ausschaltung von Meinungsfreiheit und Demokratie, Lebensmittelkarten und Hunger, wirtschaftliche Not und Erziehung zum Hass gegen die „imperialistischen Yankees“ und ihre Helfer in Europa. Das ist für sie der erlebte Dauerzustand „Revolution“.

Vor allem Ausländer spekulieren nun, was der Rückzug Fidel Castros für die Zukunft der Insel bedeuten könnte. Die Kubaner wundern sich indes über so viel Kaffeesatz-Leserei und sagen: Alles geht seinen sozialistischen Gang. Ob mit oder ohne Fidel Castro. Die krankheitsbedingte Abwesenheit Fidel Castros von der Macht hat auch nicht zu sichtbaren Verwerfungen geführt. Sein Bruder Raúl behielt das Ruder fest in der Hand. Trotzdem ist die Führung nervös. Kaum anders lassen sich der zunehmende Druck auf die demokratische Opposition erklären oder die Drangsalierung unliebsamer journalistischer Berichterstatter.

Nach dem Rückzug Fidel Castros sind es vor allem Politiker der alten Garde, die die Geschicke der Karibikinsel in Zukunft lenken werden. Mit Ausnahme von Fidel Castros Bruder Raúl und den Politbüromitgliedern Ricardo Alarcón und Carlos Lage sind sie außerhalb Kubas wenig bekannt. Der Bruder Fidel Castros, der die Amtsgeschäfte bereits nach dessen Erkrankung im Sommer 2006 übernommen hatte, wird wohl auch die Nachfolge an der Staatsspitze antreten.

Doch auch weil Raúl Castro nicht eben das bietet, was man eine Langzeitperspektive nennt, drängt sich die Frage auf, welche Entwicklung Kuba dann politisch, ökonomisch und sozial nehmen wird. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist auszuschließen, dass der Insel Regimekollaps, Staatszerfall oder gar Bürgerkrieg drohen. Andererseits dürfte sich Kuba aber auch nicht rasch zu Demokratie und Marktwirtschaft wandeln. Vielmehr steht dem Land ein langwieriger Wandlungsprozess bevor. Dies liegt im Kern daran, dass letztlich alle maßgeblichen Akteure an Stabilität interessiert sind, selbst wenn sie diese sehr unterschiedlich definieren. In der Folge wird der Wandel auch stärker von innen heraus als von außen bestimmt sein.

Schwierige Zeiten sind ein Nährboden der Hoffnungslosigkeit. Da muss die Kirche die Stimme der Hoffnung sein. Eine klassische Vermittlerfunktion könnte die katholische Kirche ausüben. Positive Signale für einen kirchlichen Aufbruch aus dem Schattendasein könnte nun der derzeitige Aufenthalt von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone in Kuba vermitteln. Anlass ist der Besuch von Papst Johannes Paul II., der vor zehn Jahren 1998 stattgefunden hatte. Damals war es der katholischen Kirche gelungen, dem Regime einige Zugeständnisse abzuringen. Mehr Priester oder die Wiedereinführung des Weihnachtsfeiertages zählen dazu. Doch grundlegend hat sich das Verhältnis von Kirche und Staat nicht verändert. Kuba sollte sich der Welt öffnen, hatte Johannes Paul II. gefordert – doch mehr als einen kleinen Spalt hat sich die Tür bis heute nicht geöffnet.

Der Optimismus, der sich nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. 1998 in der Bevölkerung breitgemacht hatte, ist verflogen. Dennoch meint der Vorsitzende der kubanischen Bischofskonferenz, Juan de Dios Hernandez Ruiz, heute sei ein offenerer Dialog mit der kubanischen Regierung möglich als noch vor zehn Jahren. Den offenen Dialog schätzt besonders Kardinalstaatssekretär Bertone, für den Kuba kein Neuland ist. So werden auch die Sanktionen Gesprächsthema mit der kubanischen Führung sein. Es ist kein Geheimnis, dass der Vatikan für eine Aufhebung des Wirtschaftsembargos gegen Kuba ist.