Das Kreuz im Dienst des Staates

Warum der „Kreuzerlass“ das Christentum nur scheinbar stärkt. Von Anna Diouf

Kreuz hängt im Klassenzimmer
Ein Kreuz hängt im Klassenzimmer einer Grundschule in Bayern hinter dem Lehrerpult mit Schulheften. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Darf man das Kreuz instrumentalisieren? Natürlich! Täglich bekreuzigen sich Katholiken und benutzen es - als „Instrument“ des Heils. Das Kreuz ist wirkmächtig, stellt den Erlöser allen sichtbar dar und ist ein Bollwerk gegen alle Lehren, die die Gottessohnschaft Jesu und sein Opfer leugnen. Seine klare Botschaft ist dennoch keine Bedrohung für Pluralität und Freiheit: Ein Staat, der sich zum Kreuz bekennt, erzwingt damit kein Bekenntnis aller Bürger, sondern stellt lediglich fest, dass er die Prinzipien, die sich aus dem Kreuz ergeben, für geeigneter hält, ein Gemeinwesen zu begründen, als andere Prinzipien – die von Hammer und Sichel etwa oder die der Scharia. Dass dem tatsächlich so ist, belegen 2000 Jahre europäischer Geschichte eindrucksvoll.

Wenn diskutiert wird, ob das Kreuz im öffentlichen Raum präsent sein soll, dann kann die Antwort also eigentlich nur lauten: Ja.

Eine andere Frage ist, aus welchem Motiv heraus diese Präsenz gefordert wird. Das Kreuz zu verwenden, macht immer auch den Anspruch deutlich, im Namen Christi zu wirken. Der Kirche hat es immer geschadet, wenn findige Staatschefs von Karl dem Großen bis Franco das Kreuz benutzt haben um ihre politische Agenda mit Autorität auszustatten.

Dies ist – in kleinerem Ausmaß - auch jetzt zu befürchten. Markus Söder instrumentalisiert das Kreuz nicht, er deutet es um: Er sieht darin lediglich ein Zeichen kultureller Identität. Das ist es aber, weil es eben Zeichen des christlichen Bekenntnisses ist; und dieses, nicht irgendein „christlicher Wert“, begründet die Identität Europas. Wie aber soll ein Mensch, dem das Kreuz im Dienste staatlicher Autorität als Zeichen von „Werten“ oder Identität präsentiert wird, darin die erlösende Liebe Gottes erblicken?

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Als Europa mit Wegkreuzen geschmückt wurde, ist das nicht geschehen, um Zucht, Ordnung oder Gartenzwerge zu schützen, sondern weil die Menschen Christus geliebt haben. Deshalb ist die Präsenz des Heiligen in den katholischen Regionen Europas so beeindruckend. In bayrischen Behörden wieder Kreuze aufzuhängen um Leitkultur zu etablieren, ist etwas völlig anderes. Denn das Kreuz soll hier nicht ein Zeichen sein, in dessen Schatten ein christliches Land gedeiht, sondern ein Schutzwall, hinter dem eine christlich verbrämte säkulare Bürgerlichkeit mit traditionellem Anstrich gelebt wird. Wer das Kreuz aufhängt, ohne zugleich Christus als Herrn des Landes zu bekennen, macht daraus eine politische Machtdemonstration, die der Verkündigung des Evangeliums schadet.