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Zurück zur Natur - aber richtig!

Das Engagement für Umwelt und Klimaschutz hat längst die Kirche erreicht. Dabei gilt es, an der „Ökologie des Menschen“, von der auch Benedikt XVI. sprach, Maß zu nehmen.
Das Engagement für Umwelt und Klimaschutz
Foto: IMAGO/Richard Ellis (www.imago-images.de) | Das Verhältnis von Mensch und Natur steht im Zentrum der Debatte um eine zeitgemäße Umweltethik.

Satte 72 Prozent der Deutschen haben halten es für absolut inakzeptabel, Müll im Wald abzuladen. 13 Prozent der Deutschen halten Abtreibungen für absolut inakzeptabel. Die Zahlen stammen aus einer Allensbach-Umfrage von 2013. Dass sie heute grundsätzlich anders lägen, darf man bezweifeln.

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Die Deutschen sind ein ökologiebewusstes Volk. Wir trennen Müll und achten auf die Umwelt. Wir sorgen uns sehr um in der Ostsee gestrandete Buckelwale (um im Mittelmeer ertrinkende Menschen eher weniger). Gleichzeitig haben wir kaum noch ein Problem mit der Aufweichung des Lebensrechts zu Beginn und am Ende des menschlichen Daseins.

Wo Lebensschutz beginnt

Eine Gesellschaft, in der Abtreibung gar kein Thema der Ethik mehr ist, muss an eine grundlegende Wahrheit erinnert werden: So richtig es ist, dass Lebensschutz nicht im Mutterleib endet, so wichtig ist es, dass er dort anfängt.

Eine solche Erinnerung erscheint dringend nötig zu sein. 72 Prozent der Deutschen wollen Abtreibungen innerhalb der ersten zwölf Wochen legalisieren, also § 218 StGB abschaffen. Das ergab eine Umfrage (RTL/ntv-„Trendbarometer“) aus dem Jahr 2024. Und eine Umfrage von Infratest dimap ergab im September 2017, dass 57 Prozent der Deutschen enge rechtliche Grenzen für Ärzte, die Sterbehilfe leisten wollen, schlecht oder sehr schlecht finden.

Es ergibt sich eine gewisse Spannung aus der Achtung der nicht-humanen Natur und der Missachtung des menschlichen Lebens. Wie lässt sich diese Spannung erklären? Vielleicht damit, dass die Differenz von Mensch und Natur in der gegenwärtigen Umweltethik immer weiter eingeebnet wird.

Ökologismus als Ideologie

Der Ökologismus – also die Ideologieform der berechtigten Sorge um die den Menschen umgebende Natur – geht davon aus, dass der Mensch nicht nur mit der Natur in Beziehung steht, nicht nur ein Teil derselben ist, sondern vollständig in ihr aufgeht. Gestützt wird dies von einem Biologismus (Naturalismus, Physikalismus) der dazu die ontologischen Vorgaben macht, indem er den Menschen auf seine Körperlichkeit reduziert und damit im Paradigma des Materialismus alles Seelische und Geistige als eigenständige Entitäten leugnet.

In Opposition zum Anthropozentrismus (bisweilen als „Speziesismus“ kritisiert) wird die Einheit alles Körperlichen zum Ausgangspunkt gemacht (Physiozentrismus). Abgesehen von diesem offenkundigen Bruch mit der philosophischen und theologischen Anthropologie kann der in der säkularen Umweltethik seit einigen Jahren immer stärker verfochtene Paradigmenwechsel von der anthropozentrischen zur physiozentrischen Perspektive auf die Natur problematische Folgen haben – für den Menschen.

Wann die Würde des Menschen in Gefahr gerät

Wenn das Gerechtigkeitsprinzip auf Basis der Verantwortung zu einem Gleichheitsprinzip auf der Grundlage eines ontologischen Naturalismus wird, bei dem menschliches Leben, tierisches Leben und pflanzliches Leben im Zweifel nicht als hierarchisch gestufte Schutzgüter im Sinne einer anthropozentrischen Axiologie verstanden werden sollen, dann ist gerade jene menschliche Würde in Gefahr, die eigentlich – aktual oder künftig – geschützt werden soll.

Wer die menschliche Hybris des anthropozentrischen Weltbildes überwinden will, läuft Gefahr, den Menschen zum Opfer einer naturalistischen Depotenzierung zu machen. Nicht die Natur wird dann moralisch und rechtlich auf-, sondern der Mensch moralisch und rechtlich abgewertet.

Da der Physiozentrismus motivational kaum ausreicht, um eine moralische und rechtliche Besserstellung der Natur politisch durchzusetzen (obgleich er diese mit dem Postulat der Gleichstellung fraglos am zwingendsten rechtfertigt), ist der Pathozentrismus auf Basis des Utilitarismus derzeit besonders populär.

Der Zugang über die Leidensfähigkeit der Natur stellt insbesondere in der Tierschutzbewegung ein zentrales Argument dar, die stellvertretend die Interessen von Teilen der nicht-humanen Natur vertritt, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Freiheit von Schmerz und auf Leben.

Doch der Versuch, im Rahmen des Pathozentrismus‘ eine einheitliche Bemessungsgrundlage für den Umfang des Lebensrechts auf Basis des Leidbegriffs zu schaffen (handele es sich um menschliches oder nicht-menschliches Leben), kann schon von daher als gescheitert angesehen werden, dass wir als Menschen „Leid“ aus unserer Sicht definieren, ganz abgesehen davon, dass uns als animal rationale andere Umgangsformen mit Leid zur Verfügung stehen als dem animal: Menschen gewinnen Trost aus Sinnerwägungen und Kontextualisierungen des Leids – Tieren ist dies hingegen nicht möglich.

Ökologie des Menschen

Umgekehrt beschneidet der Pathozentrismus offensichtlich das Lebensrecht nicht zur Präferenzbildung fähiger Menschen: Wenn – wie etwa bei Peter Singer – das Interesse, von Schmerzen verschont zu bleiben, als Ausdruck der Leidensfähigkeit das einzige ethisch relevante Kriterium ist, werden Menschen, die noch nicht, nicht mehr oder nicht so stark leidensfähig sind, ganz oder teilweise außermoralisch zu behandeln sein. Dieses Problem betrifft insbesondere das Lebensrecht zu Beginn und am Ende des menschlichen Daseins.

Das christliche Menschenbild, das den Menschen ob seines engen Verhältnisses zum Schöpfer-Gott aus der Natur heraushebt, ihn mit Geist und Geschichtlichkeit begnadet sieht und zum Herrscher über die (nicht-humane) Natur macht, im Sinne einer kurativen Verantwortung, nicht einer rücksichtslosen Unterdrückung, kann einen Ausweg bieten.

Papst Benedikt XVI. sprach von einer „Ökologie des Menschen“ als einer ganzheitlichen Herausforderung, die Materielles und Spirituelles umfasst, die den Menschen eingedenk seiner Würde zur Verantwortung für sich und seine Umwelt drängt. In seiner Enzyklika „Caritas in veritate“ (2009) schreibt er: „Die Kirche hat eine Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen. Und wenn sie das tut, muss sie nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen, die allen gehören. Sie muss vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen. Es muss so etwas wie eine richtig verstandene Ökologie des Menschen geben. Die Beschädigung der Natur hängt nämlich eng mit der Kultur zusammen, die das menschliche Zusammenleben gestaltet“ (Nr. 51).

Missverständnis vom Menschen als „Herrscher über die Natur“

Benedikt XVI. warnt hier vor einem reduktionistischen Anthropozentrismus, der den Menschen als rücksichtslosen „Herrscher über die Natur“ missversteht – ohne Rücksicht auf umweltethische Grenzen. Stattdessen forderte er einen verantwortungsvollen Anthropozentrismus, der zwar anerkennt, dass es bei allem, was wir im Hinblick auf die Natur tun, letztlich um uns geht, um unsere Kultur, der daraus aber nicht den tragischen Schluss uneingeschränkter Verfügungsgewalt zieht.

Das Bild des „Bearbeiters und Hüters“ (Gen 2,15) wird zu einem Symbol für die Pflicht, eine verantwortliche Perspektive auf die Mitgeschöpfe einzunehmen, ohne dabei die nicht bloß graduellen, sondern prinzipiellen Unterschiede zwischen Mensch und Natur zu verwischen. Wenn wir uns also in einer „Demokratie von Mitgeschöpfen“ (Whitehead) sehen, müssen wir dafür Sorge tragen, dass diese nicht zur Anarchie gerät oder, weit schlimmer, zu einer naturalistischen „Diktatur“, die das unterdrückt, was sie zu schützen vorgibt: Leben.

Es braucht vielmehr neue Tugenden, die „biophile und ökologische Grundhaltungen“ ansprechen – „Lebensförderlichkeit, Friedensbereitschaft, Schonung im Umgang mit der Natur, Rücksichtnahme auf die Interessen künftiger Generationen sowie Zivilcourage und Wahrhaftigkeit“ – und damit „Antwortmöglichkeiten auf die Herausforderungen der Zukunft“ bereitstellen (Eberhard Schockenhoff).

Zurück zur Natur bedeutet in diesem Kontext zunächst und vor allem: Zurück zur Natur des Menschen. Der Mensch gehört in den Blick genommen, seine Ökologie ist der Maßstab aller Ökologie. Wir schützen Klima und Umwelt für uns. Wir blicken auf die Schöpfung im Auftrag des Schöpfers und müssen dabei herausgehoben sein, sonst hätten wir keinen Überblick. Und den brauchen wir.

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