Einkommensschere

Wird die untere Mittelschicht immer stärker abgehängt?

Eine Analyse der staatlichen Förderbank KfW fördert große Lohnunterschiede zutage. Akademiker und Führungskräfte sind im Vorteil.
Geld am Monatsende
Foto: DPA | Während zahlreiche Lohngruppen in den vergangenen Jahren reüssieren konnten, mussten andere Gruppen de facto Einbußen hinnehmen.

Die Lohnschere in Deutschland geht immer weiter auseinander: Das besagt eine neue Analyse der staatlichen Förderbank KfW auf Basis der amtlichen Einkommensstatistik. So sind laut Studie die Gehälter von Akademikern und Führungskräften seit 2010 um durchschnittlich 26,9 Prozent gestiegen. „Höherqualifizierung und der Aufstieg in Führungspositionen sind weiterhin am besten geeignet, hohe Einkommen zu erzielen“, heißt es in der KfW-Analyse. Das Signal ist also eindeutig: Wer später viel verdienen möchte, sollte studieren.

Doch nicht nur verdienstmäßig verzeichnet diese Gruppe gegenüber anderen Lohnklassen einen Vorsprung: Im Jahr 2018 gab es mit einem Gesamtanteil von 22,8 Prozent eine weitaus höhere Anzahl von Höherqualifizierten als von Geringqualifizierten. Die untere Mittelschicht, also etwa Fachkräfte mit Ausbildung, machte lediglich zwölf Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus. Der Trend geht also folgerichtig immer weiter hin zur Akademisierung.

Gut abgeschnitten haben in der Vergleichsstudie aber auch die Hilfskräfte: Deren Verdienst steigt seit einiger Zeit rasant an – die Analyse spricht von einem Anstieg des Bruttoverdienstes um durchschnittlich 18,4 Prozent. Grund dafür ist der gesetzliche Mindestlohn: Durch staatlichen Eingriff werden hier die Löhne für einfache Tätigkeiten, unabhängig von Angebot und Nachfrage, nach oben getrieben. So ergab sich im Jahr der Einführung des Mindestlohns 2015 folgendes Bild: Vier Millionen Erwerbstätige, die zuvor weniger als 8,50 Euro je Stunde verdienten, hatten damals allein durch die Einführung eine Lohnsteigerung von durchschnittlich 14 Prozent er-fahren. Die Löhne im gesamtwirtschaftlichen Mittel stiegen im selben Jahr nur um 2,7 Prozent.

Mindestlohn steigt an

Zum Oktober diesen Jahres ist die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro die Stunde geplant. Damit wird der Lohn um 25 Prozent höher sein als noch in 2021. Betrachtet man diese Entwicklung auf die Gesamtjahre, dann ergibt sich in diesem Jahr ein Plus von 10 Prozent und im nächsten Jahr von 14 Prozent. Für die Gesamtwirtschaft erwartet der Sachverständigenrat Lohnzuwächse von 2,5 und 4,4 Prozent. In diesem Zusammenhang spricht die KfW-Bank dann auch gleich eine Warnung aus: Sollen weiterhin Anreize für eine Höherqualifizierung, ein Studium oder eine spätere Weiterbildung erhalten bleiben, dann müssen hinreichend große Gehaltsunterschiede bestehen bleiben.

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Verlierer dieser Lohnentwicklungen ist die untere Mittelschicht. Mit einem Anstieg von lediglich 16,5 Prozent ergab sich für angelernte Angestellte die geringste Lohnsteigerung. Zu dieser Gruppe werden Menschen gerechnet, die keinen berufsbildenden Abschluss haben, aber über Berufserfahrung verfügen. Um diesen geringen Anstieg bewerten zu können, sollte man zusätzlich in den Blick nehmen, dass die Verbraucherpreise im gleichen Zeitraum um 13,5 Prozent gestiegen sind. Dieser Anstieg ist vor allem der Inflation geschuldet.

Führungskräfte bei mehr als 8.000 Euro brutto

Nach Angaben der KfW staffelte sich im vergangenen Jahr die Verdiensthöhe wie folgt: Führungs- und Spitzenkräfte verdienten im Durchschnitt monatlich 8.562 Euro brutto. Im Mittelfeld über alle Gruppen hinweg lag der Durchschnittsverdienst durchschnittlich bei 4.514 Euro, während ungelernte Hilfskräfte auf durchschnittlich 2.459 Euro kamen. Die Angelernten kamen auf 2.908 Euro.

Neben Qualifikation und Berufserfahrung spielte aber auch die jeweilige Branche eine Rolle. So stachen vor allem drei Bereiche mit Verdienststeigerungen von mehr als 40 Prozent im Durchschnitt heraus: Forschung und Entwicklung, Informationsdienstleistungen sowie Verarbeitung von Steinen und Erden. Zuwächse von mehr als 35 Prozent gab es in Pflegeheimen, bei Wach- und Sicherheitsdiensten, im Tiefbau und in der Zeitarbeit. Ein weiterer Aspekt ist in diesem Zusammenhang nicht uninteressant: Das Steuer- und Abgabesystem hat laut Analyse kein Strukturproblem – denn netto liegen alle Gruppen deutlich näher beisammen als brutto. Die unterste Leistungsgruppe gibt gut 30 Prozent an den Fiskus ab, die oberste etwas über 40 Prozent.

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