Von Afrika lernen

In Deutschland fällt es schwer, Plastikmüll zu vermeiden – In Ruanda gelten strikte Verbote. Von Carl-Heinz Pierk
Hohe Fehlwurf-Quote beim Verpackungsmüll
Foto: dpa | Ein Blick auf eine typische deutsche Müllkippe. Der Anteil des Plastikmülls ist immer noch sehr hoch.

Auf den Weltmeeren treiben riesige Plastikteppiche. Weil Plastik kaum verrottet und über die Nahrungskette in Pflanzen, Tiere und Menschen gelangt, gilt der Werkstoff mittlerweile als ebenso große Gefahr für das Ökosystem Erde wie das Treibhausgas Kohlendioxid. Von alleine lösen wird sich das Problem nicht – im Gegenteil: Weltweit wird immer mehr Plastik produziert. Im Jahr 2015 waren es laut dem Kunststoffhersteller-Verband Plastics Europe 322 Millionen Tonnen und damit fast siebenmal so viel wie Mitte der 1970er Jahre.

Schätzungen zufolge wird mindestens ein Viertel der weltweiten Kunststoffproduktion für Verpackungen benötigt, und diese landen früher oder später in der Tonne – auch in Europa: In der EU hat der Plastikverpackungsmüll von 2005 bis 2015 um zwölf Prozent zugenommen – in Deutschland sogar um 29 Prozent. Auch wenn seit Juli 2016 Plastiktragetaschen in vielen Geschäften des Einzelhandels nicht mehr gratis abgegeben werden: Deutschland liegt nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln mit einem Plastikverpackungsabfall je Einwohner von gut 37 Kilogramm mehr als sechs Kilogramm über dem EU-Durchschnitt.

Während in Europa ein vollständiges Plastiktütenverbot noch Zukunftsmusik ist, sind einige afrikanische Länder Vorreiter im Umweltschutz. Ruanda gilt als gutes Beispiel in Sachen Plastik-Bann: Seit zehn Jahren sind Plastiktüten verboten. Wer nach Ruanda reist, muss sich auf spezielle Gepäckkontrollen gefasst machen: Plastiktüten dürfen nicht über die Grenze. Und damit das Verbot auch eingehalten wird, gibt es sogar eine spezielle Plastiktüten-Polizei. Die sorgt mit Razzien und strengen Strafen für ein plastiktütenfreies Ruanda. Auch ansonsten gilt die Hauptstadt Kigali als sauberste Stadt Afrikas. An jedem letzten Samstag im Monat werden alle Bürger aufgefordert, ihre Stadt zu putzen.

Der Gebrauch von Plastiktüten und Folien ist streng reglementiert: Ruander dürfen sie nur noch in Ausnahmefällen benutzen. Ein Hotel etwa braucht eine Lizenz, um sein Salatbuffet mit Folien frisch zu halten. Anschließend kommt ein spezieller Entsorger und holt sie ab. Dickere Folien sind noch für Bauarbeiten oder in der Landwirtschaft zulässig. Tüten sind außerdem zur Entsorgung von Krankenhaus- oder Hausmüll erlaubt. Aus Supermärkten hat die Regierung Plastiktüten und Folien als Verpackung verbannt. Kunden tragen ihre Einkäufe in bunten Stoffbeuteln oder dicken braunen Papiertüten heim. Backwaren müssen in abbaubaren Plastikpackungen angeboten werden. Das Umweltministerium unternimmt mit speziell ausgebildeten Beamten und in Kooperation mit der Polizei regelmäßig Kontrollzüge durch Supermärkte – in Kooperation mit der Polizei. Zudem können Bürger eine kostenlose Nummer anrufen, um Verstöße gegen das Plastik-Gesetz zu melden.

„Einfache Verbote helfen nicht weiter“, betont Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von PlasticsEurope Deutschland e.V. mit Sitz in Frankfurt/Main, gegenüber dieser Zeitung. Kunststoffe dürften nicht nur auf Plastiktüten reduziert werden. Gerade in Afrika seien der Schutz und der Transport von Lebensmitteln und Trinkwasser wichtige Anwendungen für Kunststoffe. „Entscheidend ist daher der verantwortungsvolle Umgang mit Kunststoffen. Dazu zählen neben der Errichtung von Abfallsammelsystemen auch die Verwertung und das Recycling von Kunststoffen“, sagte Baunemann der „Tagespost“.

Dies gelte es zu fördern und dabei die Erfahrungen aus Deutschland zu nutzen. PlasticsEurope Deutschland e.V. ist der Verband der Kunststofferzeuger in Deutschland und Teil der paneuropäischen Organisation PlasticsEurope mit Zentren in Brüssel, Frankfurt, London, Madrid, Mailand und Paris.

Plastik allein ist nicht das Problem

Im Laufe der Jahre folgten immer mehr afrikanische Länder dem Beispiel Ruandas. In Mauretanien gilt das Gesetz seit 2014, die marokkanische Regierung folgte im Jahr 2016. Etwa ein Jahr später entschied sich Kenia zum Umschwung. Mit einem harten Gesetz soll die Verbreitung des umweltschädlichen Materials verhindert werden. Wer Plastiktüten herstellt, einführt oder benutzt, riskiert Gefängnisstrafen bis zu vier Jahren. Es kann umgerechnet über 30 000 Euro kosten, mit einer Plastiktüte erwischt zu werden. Und doch gelingt es immer wieder, Tüten in das Land zu schmuggeln. Dem UN-Umweltprogramm zufolge wurden in Kenia bis kurz vor dem Verbot pro Tag geschätzt rund 100 Millionen Plastiktüten allein von Supermärkten ausgegeben. In dem ostafrikanischen Land waren weggeworfene Plastiktüten bislang fester Bestandteil des Straßen- und Landschaftsbilds. Die Tüten blockierten Abflüsse und wurden von Kühen und Ziegen verschlungen. Zusätzlich zum Plastiktüten-Verbot ist Kenia nun dabei, eine Mülltrennung einzuführen.

Für den französischen Umwelt-Experten Pierre Delcroix ist nicht Plastik das Problem, sondern die mangelhafte Regelung der Abfallwirtschaft in afrikanischen Ländern. Auch organischer Müll könne schwere Auswirkungen auf die Umwelt haben, wenn er nicht richtig entsorgt werde, sagt Delcroix, der auch in afrikanischen Ländern als Berater für Umweltfragen arbeitet. „Das meiste Plastik endet auf überfüllten Müllkippen, die ständig brennen und eine riesige Umweltbelastung auch für benachbarte Gemeinden darstellen“, sagte er in einem Interview der Deutschen Welle.

Ein Plastik-Verbot gehe zwar in die richtige Richtung, meinte Delcroix. Es mache aber auch nur dann Sinn, wenn es in einen umfassenden Plan zur Müllentsorgung integriert werde.

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