Landwirtschaft

Landwirte protestieren gegen umstrittene EU-Verordnungen

Experten fordern in der „Tagespost“ mehr Respekt für Landwirte.
Traktor-Demo am Landwirtschaftsministerium
Foto: dpa | Nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Deutschland protestieren immer mehr Landwirte lautstark gegen die EU-Agrarpolitik.

Dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq werden bisweilen seherische Fähigkeiten zugesprochen. So endete sein 2001 erschienener Roman „Plattform“ mit einem islamistischen Terroranschlag auf eine Ferienanlage für Sextouristen. Kurz darauf erschütterten die Attentate vom 11. September die westliche Welt. Und an dem Tag, als islamistische Terroristen Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“ erschossen, wurde Houellebecqs wohl prominentester und kontroversester Roman gerade ausgeliefert: In „Unterwerfung“ skizzierte er ein Frankreich, dessen demokratische Institutionen vor Machtansprüchen des politischen Islams kapitulieren. Das Erscheinen von „Serotonin“ im Jahr 2019 korrelierte wiederum mit den Protesten der Gelbwesten. Damals von manchen Kritikern als gewiefte PR-Strategie abgekanzelt, bewies der Roman drei Jahre später doch noch, dass sein Autor als einer der gegenwärtigsten seiner Zunft zu beschreiben ist.

Viele Bauern verbergen ihren Frust nicht mehr

So blockieren in „Serotonin“ frustrierte, bewaffnete Bauern die Autobahn und liefern sich ein tödliches Gefecht mit der Polizei. Derart dramatisch verliefen die niederländischen Bauernproteste gegen die Verschärfung der Nitrat-Regelungen durch die Rutte-Regierung freilich nicht. Dennoch kamen sie erschreckend nah an die Geschehnisse in „Serotonin“ heran: Unter anderem leerten Bauern vor dem Haus der niederländischen Umweltministerin Christianne van der Wal ein Güllefass aus und zündeten Feuerwerke. „Sie können demonstrieren, aber auf zivilisierte Weise“, rügte Regierungschef Mark Rutte sie damals, während auf den Autobahnen die Heuballen brannten. Wenig später kursierten auf Twitter dann Videos wie aus dem Houellebecq-Roman: Traktoren blockieren die Autobahn, auf ihnen sitzen Bauern. Einer fährt verdächtig nah einen Polizisten heran – der schießt und trifft den Traktor, auf dem ein 16-Jähriger sitzt. Bilder, die man im heutigen Europa vielleicht gerade noch aus Zeiten gewaltsamer Unterdrückung durch sozialistische Satellitenregime, nicht jedoch aus Demokratien kennt.

Proteste gegen EU-Verordnungen

Die nach wie vor verhärteten Fronten in den Niederlanden, aber auch die jüngsten Proteste deutscher Bauern gegen mögliche neue Serotonin zum Pflanzenschutz und die Mobilisierung von Getreide als Waffe im russischen Krieg zeigen, dass die Bedenken der Landwirte nicht einfach mit einem Achselzucken abgetan werden können. In den Niederlanden sollte der Stickstoff-Ausstoß um bis zu 70 Prozent reduziert werden, vor allem weil das oberste Gericht des Landes, der Raad van Staate, bereits 2019 das bis dahin bestehende System zur Vergabe von Stickstoff-Lizenzen verworfen und die Behörden dazu verpflichtet hatte, die Grenzwerte der EU-Naturschutzrichtlinie zukünftig einzuhalten: Ein Schritt, infolgedessen laut Berechnungen des niederländischen Finanzministeriums etwa 28.800 landwirtschaftliche Betriebe – mehr als die Hälfte der Höfe des Landes – entweder schließen oder aber ihren Tierbestand deutlich reduzieren müssten.

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Schon 2019 drohten niederländische Bauern mit Protesten. Dass aus den Drohungen selbsterfüllende Prophezeiungen wurden, sollte Deutschland als ein Fanal gelten. Zwar haben sich hier bislang weder die Bauernproteste noch die Umweltauflagen so verschärft wie im Nachbarland. Trotzdem drückt Claus Hochrein, Vorstand des Vereins „Landwirtschaft verbindet“, gegenüber der „Tagespost“ schwere Bedenken hinsichtlich der Landwirtschaftspolitik der EU aus: „Wir rechnen damit, dass es bei uns in Deutschland genauso kommt, beziehungsweise wissen es schon, da der Beschlussvorschlag der EU-Kommission schon final ist.“

Gepflegte Kulturlandschaft

Die Auswirkungen der neuen Pflanzenschutzanwendungsverordnung seien mit jener der verschärften Nitratverordnung aus den Niederlanden vergleichbar, so Hochrein. „Somit müssen zukünftig mehr Nahrungsmittel von außen eingeführt werden, die überhaupt nicht unseren Standards entsprechen und mit dem Vielfachen der Fläche produziert wurde, die bei uns dafür notwendig gewesen wäre.“ Im Hinblick auf bodenpolitische Forderungen von Umweltschützern, betont Hochrein, Bauern seien „seit Jahrhunderten Bewirtschafter der landwirtschaftlichen Flächen“ und wüssten, wie sie „vernünftig mit Umwelt, Natur und Boden umgehen“ müssten. „Sonst gäbe es diese schöne Kulturlandschaft nicht, wenn sie nicht schon seit langer Zeit so gepflegt worden wäre.“

Die Masse der Bauern achte genau darauf, die Fruchtbarkeit ihrer Böden zu erhalten. Es sei schon „eine große Unterstellung“ gegenüber den Landwirten, dass diese ihre Böden nur auslaugen würden, da sie anderenfalls „innerhalb kürzester Zeit kaum mehr eine nennenswerte Ernte von dieser Fläche“ hätten, wie Hochrein erklärt.

Die mangelnde Wertschätzung müsse aufhören

Gegenüber den Landwirten und der Landwirtschaft im Allgemeinen gebe es eine „mangelnde Wertschätzung oder mangelnde Fachkenntnis“. Dass Bauernproteste in manchen Medienberichten – beispielsweise unter Verweis auf eine angebliche „Unterwanderung“ der Proteste durch Rechtsextremisten – als antidemokratisch abgestempelt werden, empfindet Hochrein als eine „Art der Vorverurteilung, die Proteste der Bauern klein halten will, um sich mit den wahren Problemen nicht beschäftigen zu müssen oder um die Protestbewegung dadurch im Keim zu ersticken, bevor sie größer wird.“

Mangelnde Wertschätzung oder Fachkenntnis im Hinblick auf die Landwirtschaft kann sich Georg Guggenberger, Leiter des Instituts für Bodenkunde an der Leibniz Universität Hannover, nicht vorwerfen lassen. Im Gespräch mit der „Tagespost“ erläutert Guggenberger, er halte diesen Beruf für „einen der komplexesten überhaupt“ und sei überzeugt, dass dies in der Gesellschaft noch gar nicht angekommen sei. Auch Guggenberger stellt klar, dass Landwirtschaft „die Basis für das Überleben aller Gesellschaften“ ist. Gleichzeitig betont er aber auch, dass „die Belastung von Grund- und Oberflächenwässern mit Nitrat, Phosphat und organischen Schadstoffen, also Pflanzenschutzmitteln, in der Tat primär der Landwirtschaft“ zuzuschreiben sei. Zudem hänge die Freisetzung von Lachgas primär an der Stickstoffverfügbarkeit und insbesondere von Nitrat ab.

Kreative Landwirte

„Dies hat nicht nur Konsequenzen für die menschliche Gesundheit, Nitrat und Pestizide im Grundwasser, sondern auch für die Eutrophierung von Seen, Fließgewässer bis hin zur Ost- und Nordsee und natürlich den Klimawandel“, erklärt Guggenberger. Zur Trinkwassergewinnung müsse Nitrat-belastetes Grundwasser „entweder mit hohen Kosten gereinigt oder mit sauberem Wasser verschnitten“ werden. „Es ist ein längst überfälliger Schritt, dass mit der neuen Düngeverordnung die Gewässerbelastung mit Nährstoffen reduziert wird.“

Zudem gebe es viele Landwirte, die „sehr kreativ boden- und umweltschonende Bewirtschaftungsverfahren etablieren und sogar entwickeln“, so zum Beispiel Intercropping, Leguminosen-basierte Fruchtfolgen, komplexe Fruchtfolgen, Agroforst und natürlich organische Düngung im Sinne von Kreislaufwirtschaft. „Dies sind alles Möglichkeiten, den Düngereinsatz – vor allem Mineraldünger – zu reduzieren und dennoch hohe Erträge zu erwirtschaften“, führt Guggenberger aus. Oft seien diese Systeme sogar besser geeignet, um mit Stressoren, wie dem Klimawandel samt seinen Folgen wie Trockenheit und Schädlingsbefall, umzugehen – besonders im Zusammenhang mit schonender Bodenbearbeitung.

Anpassung ist erforderlich

„Um es klar zu sagen: Probleme werden die Landwirte haben, die sich nicht anpassen – sei es hinsichtlich der Düngeverordnung oder bezüglich des Klimawandels. Andere Landwirte haben sich beidem bereits angepasst.“ Letztlich sei es dann aber auch Sache der Politik, die Landwirte für aufwendige Leistungen, die sie und ihre Böden neben der Nahrungsmittelproduktion erbringen, zu entlohnen. „Hierzu zählen Reinhaltung des Grundwassers, Kohlenstoffspeicherung, Verbesserung der Biodiversität-Subventionen sollten nicht mehr flächenbezogen sein“, so Guggenberger.

Doch darf es nicht dabei bleiben: Will sie niederländische Zustände verhindern, muss die Politik frühzeitig Brücken zwischen Forschung und Landwirtschaft bauen und entsprechende Angebote für Austausch und Innovationen zu schaffen, um Mensch und Natur gleichermaßen zu berücksichtigen – und ganz nebenbei Michel Houellebecq nicht noch weiteres prophetisch-dystopisches Romanfutter zu liefern.

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