Kolumne

Esel und Wirtshaus

Der Mensch ist als soziales Lebenwesen Person.
Kolumne: Esel und Wirtshaus
Foto: KNA | Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Noch einmal ein Blick, mit etwas Abstand, auf die neue Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus. „Sozialenzyklika“ wurde sie einigermaßen übereilt von den Medien genannt. Freilich behandelt die Enzyklika soziale Themen, insofern ist sie im weitesten Sinn eine Sozialenzyklika. Der Papst schreibt, ausgehend von dem zentralen Gleichnis des barmherzigen Samariters im Lukasevangelium, über den Menschen als „animal sociale“, als soziales Lebewesen, wie der hl. Thomas von Aquin das nennt. Das freilich sind auch Schimpansen und Delphine (was Thomas von Aquin noch nicht wissen konnte).

Der Mensch handelt

Doch der Mensch ist mehr als nur das. Der Mensch ist nämlich als soziales Lebewesen Person, und erst das unterscheidet ihn vom Primaten: Er drückt seine geistige Seele durch Handeln aus, er drückt durch äußerliches Handeln innere Haltungen aus, Tugenden oder Laster, Liebe oder Hass. Kurz: Der Mensch als Person kann, anders als das Tier, ein geistiges Projekt haben, Vorsätze im Guten wie im Bösen, und diese in die Tat umsetzen. Er kann zum Beispiel auf eigenes Überleben verzichten, um das Überleben eines anderen Menschen zu sichern. Das aber ist noch nicht Sozialethik oder Soziallehre.

Das ist zunächst einfach nur Lehre vom Menschen, Anthropologie also, und Tugendethik. Sozialethik fragt nämlich noch weitergehender nach den Bedingungen und Möglichkeiten für die Tugend. Und das heißt mit Blick auf den barmherzigen Samariter vor allem drei entscheidende Fragen stellen, die leider in der Enzyklika kaum vorkommen:

Erstens: Woher hatte der Samariter den zur ersten Hilfe nötigen Esel? Richtig: Er hatte gearbeitet und Geld verdient; das nennt man funktionierende Marktwirtschaft. Zweitens: Wo kam das zur effektiven Hilfe nötige Wirtshaus her? Richtig: Es fiel nicht vom Himmel, sondern war durch die Arbeit und Leistung des Wirtes als Unternehmer entstanden; das nennt man funktionierende Unternehmenswirtschaft. Drittens und am schwierigsten: Was hätte der Samariter eigentlich gemacht, wenn der im Straßengraben Liegende nicht sich lammfromm auf Esel und ins Wirtshaus hätte bringen lassen, sondern auf angebotene Hilfe mit Apathie oder gar mit Aggression reagiert hätte? Oder wenn er nach drei Tagen nassauernd im Wirtshaus sich eiligst wieder in den Straßengraben solidarischer Fürsorge oder die Hängematte sozialer Obhut gelegt hätte? Oder wenn er nach einiger Zeit von marodierenden Räuberbanden oder entfesselten Oligarchen wieder in den Straßengraben verfrachtet worden wäre?

Es braucht mehr als Adam Smith

Mit anderen Worten: Wie muss ein Staat und eine Wirtschaft gestrickt sein, damit nötige Hilfe geleistet werden kann und Leistung sich lohnt und Produktivvermögen umverteilt werden kann? Damit Hilfe auch wirklich ankommt und nicht ausgenutzt oder durch Korruption verhindert wird? Wie sind Menschen als höchst unterschiedliche Individuen mit ihren Talenten effektiv zu fördern? Welche Institutionen braucht es, um private Tugenden wie Mitleid und Barmherzigkeit in öffentliche Tugenden wie Gerechtigkeit und Solidarität zu verwandeln? Dazu braucht es In der Tat mehr als nur Adam Smith und freie Bahn für das Eigeninteresse; dazu braucht es wohl so etwas wie eine Soziale Marktwirtschaft, und dazu hätte man auch gern etwas in der neuen Enzyklika gelesen.

 

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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