Kolumne: Die Welt verändern

Fasten ist groß in Mode. Die Literatur, die sich mit dem Thema Fasten beschäftigt, füllt die Bücherregale. Von Thomas Berenz
Dipl. theol. Thomas Berenz
Foto: privat | Dipl. theol. Thomas Berenz leitet den Arbeitsbereich „Erwachsenen- und Familienbildung“ im Bischöflichen Generalvikariat Trier.
Dipl. theol. Thomas Berenz
Foto: privat | Dipl. theol. Thomas Berenz leitet den Arbeitsbereich „Erwachsenen- und Familienbildung“ im Bischöflichen Generalvikariat Trier.

Fasten ist groß in Mode. Die Literatur, die sich mit dem Thema Fasten beschäftigt, füllt die Bücherregale. Fast 65 Prozent der Bundesbürger möchte in den Wochen der Fastenzeit bewusst Verzicht üben, am häufigsten bei Nahrungs- und Genussmitteln. Wer dabei Begleitung sucht, wird in einem der zahlreichen Fastenkurse fündig, zu denen ganz unterschiedliche Anbieter oder Wellnessoasen – nicht nur in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern – einladen. Hinterher, so das Versprechen, fühle man sich immer besser. Für nicht wenige kommt es beim Fasten darauf an, dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun, ihn zu entgiften oder einfach ein paar lästige Pfunde loszuwerden, zumindest bis zum Osterfest, wenn Festbraten und Schokolade den Erfolg eines mühsamen Verzichts der vergangenen 40 Tage wieder zunichte machen. Schön und gut, aber nachhaltig ist das sicher nicht. Beim christlichen Fasten geht es um mehr als um asketische Höchstleistungen und kurzfristig messbare Erfolge. Fasten als geistliche Übung hat neben der spirituellen und gesundheitlichen auch eine sozialethische Dimension. Indem das Fasten den Zirkel von Produktion und Konsum unterbricht und so die persönlichen Gewohnheiten hinterfragt werden, öffnet sich neu der Blick für Christus und den Nächsten gleichermaßen. So soll sich bestenfalls nicht nur der Hosenbund weiten, sondern vor allem das persönliche Bewusstsein, und zwar nachhaltig.

Vor genau 60 Jahren wurde von den deutschen Bischöfen das Hilfswerk Misereor gegründet, um in der kirchlichen Fastenzeit gezielt den Blick auf die materielle Armut in der Welt und deren Ursachen zu richten. Provozierend fragt das Motto der diesjährigen Misereor-Fastenaktion: „Heute schon die Welt verändert?“ Ja, die Welt hat sich bereits verändert. Die Globalisierung hat, dies muss man auch bei einer kritischen Betrachtung feststellen, ohne Zweifel einen Zuwachs an weltweitem Lebensstandard möglich gemacht. Internationale Arbeitsteilung oder ein freier Güter-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr hat in vielen Ländern, wie zum Beispiel dem Partnerland der diesjährigen Misereor-Fastenaktion Indien, zu einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt. Gleichzeitig sorgen die weltweit ungleiche Verteilung von Ressourcen und Produktionsbedingungen sowie die Konsumgewohnheiten weiterhin für Armut und ziehen Menschenrechtsverletzungen, Umweltschäden und soziale Konflikte nach sich. Ja, die Welt hat sich verändert. Aber sie braucht auch weiterhin Veränderung, nämlich hin zu mehr Gerechtigkeit, Frieden und Sorge um die Schöpfung als Grundlage für ein Mehr an Lebensqualität für alle Menschen. Papst Franziskus stellt sich und uns in seiner Enzyklika „Laudato si“ die Frage, worin diese Lebensqualität eigentlich besteht und lädt dazu ein, sich bewusst zu machen, dass in der unendlichen Angebotsvielfalt, die uns täglich zur Verfügung steht, weniger mehr sein kann. „Viele wissen“, so Papst Franziskus, „dass der gegenwärtige Fortschritt und die bloße Häufung von Gegenständen und Vergnügen nicht ausreichen, um dem menschlichen Herzen Sinn zu verleihen und Freude zu schenken.“ Und weiter: „Der innere Friede der Menschen hat viel zu tun mit der Pflege der Ökologie und mit dem Gemeinwohl, denn wenn er authentisch gelebt wird, spiegelt er sich in einem ausgeglichenen Lebensstil wider, verbunden mit einer Fähigkeit zum Staunen, die zur Vertiefung des Lebens führt.“ Die Fastenzeit bietet uns den Raum, die Beziehung zu Christus und dem Nächsten, den persönlichen Lebensstil, den Konsum sowie unseren Blick auf das weltweite Geschehen ernsthaft zu überdenken und nachhaltig zu verändern. „Heute schon die Welt verändert?“, fragt Misereor. Diese Frage macht Mut, denn sie traut jedem Menschen zu, sich und die Welt zu verändern, nicht nur in der Fastenzeit.

 
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