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Johannes Messner: Pionier der katholischen Soziallehre

Porträt des großen Geistlichen, Gelehrten und richtungsweisenden Sozialethikers, der sich für eine demokratisch „verantwortliche“ Gesellschaft einsetzte.
Johannes Messner
Foto: Archiv | Johannes Messner (1891-1984) wurde mit seiner Naturrechtslehre zu einem Pionier des katholischen Sozialdenkens.

Vor nunmehr 40 Jahren, am 12. Februar 1984, starb Johannes Messner, ein großer Professor der Ethik und christlichen Sozialwissenschaften, im Alter von 92 Jahren in Wien. Am 16. Februar 1891 in Schwaz in Tirol in eine Arbeiterfamilie geboren, erlebte er die soziale Frage in ihrer Aktualität im Elternhaus. Ihrer Lösung galt später sein Bemühen.

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Nach der Volksschule in Schwaz besuchte er in Brixen das humanistische Gymnasium „Vicentinum“, danach die Katholisch-Theologische Hochschule in Brixen, wo der spätere Erzbischof von Salzburg, Sigmund Waitz, sein Lehrer in Sozialethik war. Messner kam mit den verschiedenen Strömungen der Sozialromantik in Kontakt, die auch von katholischen Kreisen vertreten wurden.

1914 wurde er zum Priester geweiht, wirkte als Kaplan in Nordtirol, wo er an der Universität Innsbruck Rechtswissenschaft studierte und 1922 sich zum Dr. jur. promovierte. In den folgenden Jahren studierte Messner Nationalökonomie in München, wo er 1924 den Dr. oec. publ. erwarb.

Kritik an Kapitalismus und Sozialismus

In der Zwischenzeit hatte er sich 1927 an der Universität Salzburg mit einer Arbeit über „Sozialökonomik und Sozialethik-Studie zur Grundlegung einer systematischen Wirtschaftsethik“ habilitiert und wurde ab 1935 Professor für Ethik und Sozialwissenschaften an der theologischen Fakultät der Universität Wien. Messner stand an einer Zeitenwende und hat diese wesentlich mitgeprägt. In den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erlebte er die Verschärfung des Klassenkampfs und den Zerfall des demokratischen Staates. Er übte harte Kritik am liberalen Kapitalismus, aber ebenso am marxistischen Sozialismus, die sich beide als unfähig erwiesen, die soziale Frage der Nachkriegszeit zu lösen.

Sein Gesellschaftsbild entsprang dem christlichen Ordnungsdenken: dem Freiheitsprinzip, dem Gliederungsprinzip und dem Gemeinwohlprinzip. Das Experiment des österreichischen Ständestaates versuchte zwar, sich auf diese Grundprinzipien zu berufen, es war jedoch aus anderen Voraussetzungen konzipiert.

Von den Nazis politisch verfolgt

Nach der Besetzung Österreichs durch den Nationalsozialismus wurde Johannes Messner politisch verfolgt, verlor mit Hausverbot verbunden seine Professur an der Universität Wien und entzog sich durch Flucht in die Schweiz und Emigration nach Großbritannien der drohenden Verhaftung. Dabei fand er im einst von Kardinal John Henry Newman gegründeten Oratorium eine neue Heimat, zudem sollte die Zeit in Birmingham für ihn sehr erfolgreich werden. Er fand Zugang zur angelsächsischen Literatur und nach seiner Rückkehr nach Wien 1949 begab er sich weiterhin auf regelmäßige Studienaufenthalte nach Birmingham.

In dieser schwierigen Zeit der Emigration entstand 1940 bis 1949 sein wissenschaftliches Hauptwerk über das „Naturrecht“, das viele Auflagen und Übersetzungen erlebt hat. Nicht zuletzt hatte Messner die Chance, in England unter dem Einfluss eines erfahrungsbezogenen Denkens seinen besonderen Zugang zur Naturrechtslehre, zu einem kritischen Realismus in der Beurteilung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, die schrecklichen Fehlentwicklungen totalitärer Machtstaaten noch eindrucksvoll vor Augen, hat Messner mit seinem Hauptwerk über das Naturrecht zu einer Neubesinnung auf die unzerstörbaren Grundlagen einer Naturrechtsordnung verwiesen. Er hat den modernen totalitären Staat kritisiert, dessen Fehlentwicklungen analysiert sowie Machtpolitik und Verletzungen der Grund- und Freiheitsrechte aufgezeigt.

Das Naturrecht als Grundlage einer freien Gesellschaft

Messner wurde zum Mahner für eine freiheitsorientierte Gesellschaftsordnung, für das unermüdliche Ringen um eine demokratische „verantwortliche“ Gesellschaft, für jene zukunftsweisende Konzeption der Grund- und Freiheitsrechte, wie sie heute zum festen Programm der Katholischen Soziallehre geworden sind. Das Unabdingbare und Unbedingte dieser mit der Menschenwürde verbundenen Grund- und Freiheitsrechte hat Messner hervorgehoben und wurde, von der Familie als Urmodell der verantwortlichen Gesellschaft ausgehend, in seiner Naturrechtslehre zu einem Pionier des katholischen Sozialdenkens – und schließlich auch in der päpstlichen Soziallehre.

Bis zu seiner Emeritierung 1962 setzte er seine Lehrtätigkeit an der Theologischen Fakultät Wien fort. Lehre, Forschung und Publikation gingen im Wirken von Messner Hand in Hand, bezogen auf die Erfordernisse seines Fachgebiets „Ethik und Sozialwissenschaften“. Die Persönlichkeitsentfaltung des Einzelnen im Blick auf die Sinnfrage und die Suche nach dem Heil waren ihm besonders wichtig. Die Zeitströmungen und die Politik waren für Johannes Messner als Seelsorger Ausgangspunkte des Einzelnen auf dem Weg zu Gott, mit welchem er sich intensiv befasste.

Grundsatzorientiert, aber praxisbezogen

Ethik als Entscheidungshilfe für den Menschen, als Wegweiser aus der Gewissensverantwortung, wollte Messner für die Staatsordnung, für das politische System und seine Entscheidungsträger, ebenso für die Wirtschaft und die Kulturbereiche geben. Messners Denken zielt auf das Ganze der Gesellschaftsordnung, ebenso auf alle Teilbereiche. So bleibt sein Denken grundsatzorientiert, aber praxisbezogen. In der Betonung der marktwirtschaftlichen Ordnung als optimale Organisationsweise der Wirtschaftsgesellschaft hat Messner zeitlose Fragen aufgegriffen. Deutlich zeigen dies die Titel seiner wichtigsten Schriften wie „Die soziale Frage“ (1934), die „berufsständische Ordnung“ (1936), „Kulturethik – mit Grundlegung durch Prinzipienethik und Persönlichkeitsethik“ (1954), sowie das „Ethikkompendium der Gesamtethik“ (1955).

Den Anforderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils stellte sich Johannes Messner dabei in seiner Publikation „Du und der andere. Vom Sinn der menschlichen Gesellschaft“ (1969) in seinen Kommentaren. Insbesondere, was die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über die Situation des Menschen, die Wandlungen in der Gesellschaft, die Würde der menschlichen Person, die Förderung des Gemeinwohls, die Achtung der menschlichen Person, über die richtige Autonomie der irdischen Wirklichkeiten und die Aufgaben der Kirche in der Welt gesagt hat. Einzelprojekte und Publikationen wurden von ihm ohne Zuhilfenahme universitärer Strukturen stets persönlich verwirklicht und lassen auf einen strukturierten Tages- und konzentrierten Arbeitsrhythmus schließen.

Weltweite Anerkennung

Für sein Wirken hat Messner weltweite Anerkennung erfahren. Schon Papst Pius XII. ernannte ihn zum Päpstlichen Hausprälaten, die Universitäten Wien, Freiburg im Breisgau, Löwen, Innsbruck und Salzburg verliehen ihm Ehrendoktorate, die Österreichische Akademie der Wissenschaften wählte ihn zu ihrem korrespondierenden Mitglied, die Republik Österreich, sein Heimatland Tirol und die Stadt Wien verliehen ihm höchste Auszeichnungen.

Weniger bekannt ist seine literarische und pastorale Beschäftigung, wie man an seiner Schrift „Das Wagnis des Christen“, die 1960 erschienen ist und auf sein 1948 veröffentlichtes Buch „Die Kelter Gottes“ zurückgeht. Sein umfassendes schriftliches Schaffen begleitete ein einfaches, bescheidenes Leben in einer kleinen Wohnung voll mit Büchern, neben einer Kapelle, in der er täglich die Heilige Messe feierte und sich im Gebet stärkte. Der Vormittag gehörte seiner wissenschaftlichen Arbeit, am frühen Nachmittag machte er einen längeren Spaziergang, meist am Kahlenberg oder Leopoldsberg bei Wien, pflegte soziale Kontakte, um sich dann wieder seinen Studien zu widmen. Messner war zurückhaltend gegenüber der Öffentlichkeit, der christliche Glaube war für ihn kein bloßer Diskussionsgegenstand, sondern die Grundlage zur Lebensgestaltung.

Sinnbild des klassischen Gelehrten

Sein Beispiel als Priester und Wissenschaftler war Ausgangspunkt für das am 31. Oktober 2002 eröffnete Seligsprechungsverfahren. Seit 2015 wird das Verfahren zur Seligsprechung nicht weiterverfolgt. In den vom Senat protokollierten Zeugenaussagen sind zahlreiche persönliche Erinnerungen an Johannes Messner hervorgekommen, die ein geistliches Profil erahnen lassen, das auch für die Zukunft die Auseinandersetzung mit der Lehre und Person Johannes Messners wertvoll erscheinen lässt.

Die Johannes Messner Gesellschaft in Wien hat sich der Sendung verschrieben, das wissenschaftliche Werk Messners zu pflegen und dafür zu werben sowie darauf hinzuweisen, in welcher Weise Johannes Messner durch seine Bücher, Beiträge für Lexika und Festschriften sowie eine Unzahl von Artikeln die Sozialverkündigung der Kirche in unserer Zeit gefördert und vertieft hat.

Dem Glauben verpflichtet, verkörpert er ein Vorbild, das zeitlos ist, sich weder als konservativ noch als progressiv, als vor- oder nachkonziliar, politisch rechts oder links etikettieren lässt. Er ist Sinnbild des klassischen Gelehrten, der grundsatztreu aber nicht rechthaberisch, zukunftsorientiert aber nicht utopisch, seiner Zeit aufgeschlossen aber nicht an ihr haftend lebt und wirkt. Viele Worte zu machen war ihm fremd, vielmehr machte er sich über sein Wissen ein Gewissen, intellektuell redlich, stets bedacht im Bemühen um eine klare Gedankenführung und den sprachlichen Ausdruck.

Auch Nichtchristen im Blick

Immer war es ihm wichtig, dass die Grundsätze der Soziallehre so vermittelt werden, dass auch der Nichtchrist, der sich von seinem Verstand und von seinem Gewissen leiten lässt, sie begreifen und bejahen kann. Messners Leben als Begründer des Dialogs der Kirche mit den empirischen Humanwissenschaften hatte stets ein Zentrum: Christi Präsenz im Sakrament der Eucharistie. In dieser Verbindung von Glauben, Wissenschaft und Weltverantwortung ist er auch 40 Jahre nach seinem Tod ein glaubwürdiges Vorbild, anderen den Weg zum Glauben zu weisen. 


Der Autor ist Militärpfarrer in Wien und Ordinariatskanzler im Militärordinariat für Österreich; seit 2011 Postulator des derzeit sistierten Seligsprechungsprozesses.

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