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Fachkräfte gesucht? Die Hürden für Afrikaner sind hoch

Deutschland braucht dringend Fachkräfte, doch die Visavergabe ist zu bürokratisch. Drei Menschen aus Ruanda berichten von ihren Erfahrungen.
Deutsch - Sprachkurse für Ausländer am Goethe-Institut in Berlin
Foto: Thomas Koeh ler/photothek.net via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Größte Hürde Sprache: die geforderten Deutsch-Level sind für Afrikaner in ihrem Heimatland schwer zu erreichen

Gemurmel erfüllt den kleinen türkisenen Raum im hinteren Gebäudetrakt einer Schule am Rande der ruandischen Hauptstadt Kigali. Immer wieder fallen deutsche Begriffe wie „über“, „ankreuzen“ oder „bitte“. 14 Jugendliche lernen hier an der „Deutschen Schule Kigali“ Deutsch für das Grundlevel A1. Sie alle sind Anfang 20, sie alle träumen davon, nach Deutschland zu gehen, um zu arbeiten oder um zu studieren. Und Deutschland braucht dringend Arbeitskräfte. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bezeichnete den Arbeitskräftemangel vor Kurzem als größte Bedrohung des Wohlstands in Deutschland. Sieben Millionen Arbeiter würden Deutschland laut Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bis 2035 fehlen, wenn das Problem jetzt nicht angegangen werde. Die Ampel möchte daher mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das im Herbst vergangenen Jahres verabschiedet wurde, die Arbeitsmigration nach Deutschland stärken. Erste Teile des Gesetzes wurden bereits umgesetzt.

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So wurde der Kreis derjenigen erweitert, die die sogenannte Blauen Karte, ein Aufenthaltstitel für Hochschulabsolventen, in Anspruch nehmen können. Der notwendige Kenntnisstand der Sprache wurde teilweise abgesenkt. Und für Fachkräfte aus dem IT-Bereich wird kein Hochschulabschluss mehr gefordert. Ab März soll zudem das Höchstalter für die Einreise zur Ausbildungsplatzsuche von 25 auf 35 Jahre angehoben werden, sowie die erforderten Sprachkenntnisse zur Ausbildungsplatzsuche gesenkt und die Aufenthaltsdauer erweitert werden. Im Juni werden dann noch die letzten Änderungen wirksam: Dann wird die neue sogenannte „Chancenkarte“ eingeführt, die Personen mit einem Hochschulabschluss, einer mindestens zweijährigen Berufsausbildung und grundlegenden Sprachkenntnissen in Deutsch oder Englisch offen steht. Die Karte funktioniert nach einem Punktesystem. So kann man durch Kriterien wie Berufserfahrung, Alter oder „Deutschlandbezug“ Punkte sammeln, die die Chance auf eine Aufenthaltsgenehmigung erhöhen. Auch in afrikanischen Staaten wirbt Deutschland vermehrt um Arbeitskräfte, wie Bundeskanzler Olaf Scholz bei seinen letzten Reisen nach Kenia und Ghana deutlich machte.

Fabiola will Ärztin in Deutschland sein

Die ersten Änderungen an den Visumsverfahren wurden auch in den Herkunftsstaaten bereits vorgenommen, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Kigali gegenüber der „Tagespost“ bestätigt. Bislang sei dadurch aber kein Anstieg der Bewerberzahlen für Arbeitsvisa zu verzeichnen. Vonseiten deutscher Unternehmen sei die Nachfrage nach Arbeitskräften aus dem ostafrikanischen Land insbesondere in den Branchen Pflege, Tourismus und in der Metallindustrie in den letzten Jahren zwar angestiegen. Doch nach wie vor gibt es viele Hürden bei der Bewerbung für ein deutsches Arbeitsvisum. Fabiola, 24, absolviert aktuell den Deutschkurs für das Level A1 an der „Deutschen Schule Kigali“. Sie will Au Pair in Deutschland werden, „weil man dafür nur ein niedriges Deutschlevel braucht“. Allerdings hätten einige ihrer Freunde trotz abgeschlossener Deutschkurse kein Visum bekommen. „Es entmutigt mich, wenn ich sehe, dass andere abgelehnt werden. Deshalb weiß ich nicht, ob ich den Kurs überhaupt weitermachen soll.“ Ihr Deutschtest beim Goethe-Institut würde eigentlich im April anstehen, aber der kostet zusätzlich zum Sprachkurs, für den pro Sprachlevel bereits 200 US-Dollar zu zahlen sind, noch einmal extra. „Eigentlich möchte ich in Deutschland studieren, aber ich kann mir nicht all die Sprachkurse leisten, die man für das geforderte Sprachniveau für ein Studium braucht“, erzählt Fabiola. Sie möchte Ärztin in Deutschland werden und auch gern dort bleiben – wenn möglich.

Sprachkurse kosten viel Geld

Auch Teta, 24, möchte Au Pair in Deutschland werden. Sie hat den Deutschkurs bereits abgeschlossen. Nun will sie sich für das Visum bewerben, doch hat sie bislang keinen Termin bei der deutschen Botschaft bekommen. „Ich warte seit drei Monaten auf einen Termin bei der deutschen Botschaft. Mir wurde gesagt, das liege daran, dass das System zur Terminregistrierung aktuell nicht funktioniere.“ Teta kann sich ebenfalls vorstellen, langfristig in Deutschland zu bleiben: „Ich liebe die Arbeit mit Kindern und wäre gern Lehrerin in Deutschland.“ Auch für sie war es schwierig, das Geld für den A1 Sprachkurs zusammenzubekommen. Trotzdem möchte sie unbedingt nach Deutschland, da eine Freundin von ihr dort lebt und von den guten Jobmöglichkeiten in Deutschland erzählt hat. Angel, 23, ist eine von denen, die sich für ein Visum beworben hat und abgelehnt wurde. Warum genau wurde ihr nicht mitgeteilt. Sie vermutet aber selbst, dass es an ihrem Sprachniveau liegen könnte. Sie hat ebenfalls das Deutschlevel A1, möchte aber zum Studieren nach Deutschland, wofür man ein höheres Sprachniveau benötigt. Nun möchte sie es nochmal versuchen. Denn in Deutschland zu studieren, das ist ihr großer Traum. „Ich liebe die deutsche Sprache und ich habe gehört, dass es in Deutschland sehr gute Universitäten gibt und das Land technologisch hochmodern ist.“ Auch wenn sie für einen weiteren Sprachkurs wieder 150 Euro zahlen muss – das ist es ihr wert.

Für den Inhaber des Sprachinstituts, Amani Kaberamanzi, ist es unbegreiflich, dass für ein deutsches Arbeitsvisum häufig das Sprachniveau B1 oder B2 gefordert wird. „Warum macht man es nicht so, dass die Leute hier anfangen, Deutsch zu lernen und dann in Deutschland ihre Sprachkenntnisse verbessern?“ In Afrika die Leute auf das geforderte Sprachniveau zu bringen, sei kaum zu bewältigen, da die Kurse die Teilnehmer viel Geld kosteten und Deutsch nicht im Alltag gebraucht werde. Zusätzlich zu den Sprachanforderungen werde außerdem häufig nach Zertifikaten gefragt, die es in dem Land schlicht nicht gebe. „Zum Beispiel wird von Au Pairs verlangt, dass sie Dokumente vorzeigen, die belegen, dass sie Erfahrung mit Kindern haben. Jeder junge Mensch in Ruanda hat Erfahrung mit Kindern, weil wir große Familien haben und die Jugendlichen es gewöhnt sind, auf ihre Geschwister aufzupassen. Aber dafür gibt es in Ruanda keine Zertifikate.“ Auch vermisst der Deutschlehrer eine zentrale Behörde in Ruanda, die Interessenten für ein deutsches Arbeitsvisum mit den Agenturen, die nach ausländischen Arbeitskräften suchen, in Verbindung bringe. „Das Goethe-Institut wäre eigentlich zuständig dafür, aber sie vermitteln nicht den direkten Kontakt mit den Agenturen, sondern schicken in der Regel nur Links zu den betreffenden Einrichtungen.“ Es gebe in Ruanda viele gut ausgebildete IT-Fachkräfte, die auswandern wollten, aber an den Hürden scheiterten. „Von 15 Leuten, die sich für ein deutsches Visum bewerben, bekommen es vielleicht zwei“, beklagt Kaberamanzi.

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