Paderborn

Ethik für den Extremfall

Das Naturrrecht ist die Basis für eine Lösung der medizinethischen Probleme in der Corona-Krise. Eine sozialethische Perspektive.
Italien: Einrichtung einer Triage für Coronavirus-Notfälle
Foto: dpa | In Bergamo wurde Mitte letzten Monats eine sogenannte Triage für Coronavirus-Notfälle eingerichtet.

Aus einigen Epizentren der Corona-Pandemie im nicht-deutschsprachigen Ausland wird berichtet, dass Ärzte mehrmals am Tag entscheiden müssen, wen sie an eine für das Überleben notwendige Beatmungsmaschine legen und wer Zugang zu intensivmedizinischer Behandlung haben darf. Dabei hört man mitunter auch, dass „die Alten“ aus Nützlichkeitserwägungen gegenüber Jüngeren hintenangestellt würden. Das ist in der Tat erschütternd, wenn das so stimmen sollte.

„Der Höhepunkt der Willkür und des Unrechts wird dann erreicht, wenn sich einige Ärzte oder Gesetzgeber die Macht anmaßen darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben darf."
Hl. Papst Johannes Paul II.

In solchen Fällen gibt es aus katholisch-ethischer Perspektive eine klare moraltheologische Handlungsmaxime. Papst Johannes Paul II. hat das 1995 in seiner Enzyklika „Evangelium vitae“, in der es um den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens geht, in prinzipieller Form sehr deutlich gemacht.

Gleiches Recht auf optimale Gesundheitsversorgung

Hier heißt es: „Der Höhepunkt der Willkür und des Unrechts wird dann erreicht, wenn sich einige Ärzte oder Gesetzgeber die Macht anmaßen darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben darf. (…) So wird das Leben des Schwächsten in die Hände des Stärksten gelegt; in der Gesellschaft geht der Sinn für Gerechtigkeit verloren und das gegenseitige Vertrauen, Grundlage jeder echten Beziehung zwischen den Menschen, wird an der Wurzel untergraben.“ (Nr. 73) Das heißt: Grundlage der medizinischen Ethik und der Bioethik muss immer die stets gleiche Personengerechtigkeit sein, alles andere verzwecklicht die Person und ihr Lebensrecht.

Dies ist freilich eine grundsätzliche Aussage über das grundsätzlich gleiche Lebensrecht eines jeden Menschen. Die Aussage bezieht sich noch nicht direkt auf intensivmedizinische Maßnahmen am irreversiblen Lebensende. Dennoch kann von dieser Aussage der Enzyklika darauf geschlossen werden, dass ein jeder Mensch, unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand, das unbedingte Recht auf eine gleiche optimale Gesundheitsversorgung hat.

Daher kann es zu einer sogenannten „Triage“ aus katholisch-ethischer Sicht nur in wenigen oder nur in Ausnahmesituationen kommen, unabhängig natürlich von der Tatsache, dass ein „Triage-Verfahren“ in den Notfallambulanzen und in der Intensivmedizin zu Recht dann Anwendung findet, wenn man herausfinden muss, welcher Grad von Dringlichkeit die Behandlung eines Patienten erfordert.

Zwei Situationen

Darüber hinaus und im weiteren Sinn könnte es zu einer Auswahl nur in zwei Situationen kommen, und zwar:

Erstens – sogenannte „ex-ante-triage“ (von lateinisch „ante“ für „vor“ und französisch „trier“ für „aussuchen, sortieren“) im Fall der Vor-Auswahl – dann, wenn beispielsweise zwei erkrankte Personen zeitgleich an einem intensivmedizinischen Behandlungsplatz ankommen und der Arzt auswählen muss unter den ankommenden Patienten. Hier liegt auch der Ursprung der Triage, nämlich ursprünglich in der Kriegsmedizin und im Lazarettwesen: Schnell und unbürokratisch und oftmals intuitiv musste der Arzt entscheiden, wem die medizinische Behandlung und die knappen medizinischen Ressourcen zukommen sollten.

Später wurde dieses Verfahren der Triage vom Kriegsfall auch ausgeweitet auf den Bereich der Notfallmedizin, weil hier manchmal ähnliche Situationen schneller notwendiger medizinischer Auswahl angesichts knapper medizinischer Ressourcen gegeben sind. In solchen Fällen der Not, des Notfalls und der Ausnahme ist der Arzt prinzipiell frei in seiner Entscheidung, die schnell und präzise erfolgen muss.

Zweitens – sogenannte „ex-post-triage“ (von lateinisch „post“ für „nach“) im Fall der späteren (nach Bettenbelegung) erfolgten Auswahl – dann, wenn ein intensivmedizinisch behandelter Patient sich dem Anspruch eines nach ihm ankommenden Patienten gegenüber sieht, der nach ärztlicher Diagnose möglicherweise eine bessere Überlebensprognose hat und daher die intensivmedizinische Behandlung effektiver und effizienter und nachhaltiger genutzt würde, einschließlich möglicher Beatmungsgeräte.

Hier muss der Moraltheologe dem Arzt und einer medizinischen Güterabwägung möglicherweise in den Arm fallen und rufen: Jede Person hat die gleiche Würde und daher, bei begonnener intensivmedizinischer Behandlung, das gleiche Recht auf optimale medizinische Versorgung, ungeachtet medizinischer Prognosen über den Krankheitsverlauf oder die mögliche Genesung. Über welchen Zeitraum sollte und könnte sich auch diese medizinische Prognose erstrecken und wäre demnach der sehr alte Patient nicht immer benachteiligt in der Güterabwägung, da er weniger Zeit vor sich hat?

Gefahr der altersbedingte Selektion

Dann aber wäre der altersbedingten Selektion Tür und Tor geöffnet. Einen Ausnahmefall freilich gibt es: Wenn nach ärztlicher Diagnose der intensivmedizinisch behandelte Patient in den irreversiblen Sterbeprozess eingetreten ist oder medizinisch absehbar sich kurz vor dem irreversiblen Sterbeprozess befindet und ein ankommender Patient offenkundig medizinisch nicht in diesem Sterbeprozess, dann darf der Arzt sich für den Abbruch der unnötig lebensverlängernden intensivmedizinischen Maßnahmen entscheiden und damit, als Nebenfolge, nicht als primäre Abwägung von Leben gegen Leben, sich für diesen ankommenden Patienten und seine intensivmedizinische Behandlung entscheiden.

Jeder Mensch hat die gleiche Würde und das gleiche Recht, auch und gerade im Feld der Gesundheitsversorgung. Daher wird seit altersher die Figur der Gerechtigkeit mit verbundenen Augen dargestellt: Ohne Ansehen des Erfolgs oder der Prognose erhält jede Person den gleichen und gerechten Zugang zu medizinischer Behandlung, auch wenn diese sehr teuer oder sehr knapp ist. Es gibt keine Selektion, außer durch die Zeit, also den Zeitpunkt des Eintreffens des Patienten am medizinischen Standort.

Leben gegen Leben?

Und deshalb darf grundsätzlich nicht eine Person von intensivmedizinischer Behandlung abgeschaltet werden zugunsten einer anderen Person – es sei denn, die Ärzte halten den Sterbeprozess für unausweichlich begonnen und sehen keine Aussicht auf längeres Überleben.

Es gibt nämlich keine Pflicht zur Lebensverlängerung um jeden Preis. Daher dürfte in einem solchen Fall die lebenserhaltende Maschine des Sterbenden abgeschaltet werden und zugunsten einer nicht sterbenden Person angeschaltet werden. Aber grundsätzlich, außer in solchen seltenen Fällen der intensivmedizinischen Aussichtslosigkeit der weiteren Behandlung, gilt: first come, first served (erste Ankunft, erste Hilfe).

Der auf den ersten Blick naheliegende Gedanke, dass beispielsweise einer jungen Mutter von vier Kindern eher geholfen werden müsste als einem 80-jährigen Menschen, ist bei näherem Hinschauen ein vom Nützlichkeitsdenken, dem sogenannten Utilitarismus, und vom Konsequentialismus und der Güterfolgenabschätzung bestimmtes Denken. Demgegenüber steht der moraltheologische deontologische Ansatz (griechisch: „deon“ für „Pflicht“), demgemäß es der sittlichen Pflicht entspricht, jedem Menschen in gleicher Weise zum Leben und zur Gesundheit zu verhelfen.

Dieser unter anderem auch auf Immanuel Kant zurückgehende Ansatz der reinen Pflicht zur Hilfe, ohne Blick auf die Lebensumstände einer Person, gilt in der naturrechtlichen Tradition Europas als natürliches Recht jedes Menschen und für alle Menschen und ist durchaus kein christliches Sonderrecht.

Die Würde jedes Menschen ist unantastbar

Daher wird es eben als „Naturrecht“ bezeichnet: Jedem Mensch kommt von Natur aus, einfach aufgrund der Tatsache, dass er von Natur Mensch ist (und kein Gänseblümchen), zu, vor jeder noch so verborgenen Art der Selektion und der Aussortierung bewahrt zu werden – auch und gerade im Feld der Gesundheit und der medizinischen Leistungen. Darauf ruht unsere Gesetzgebung und unser Grundgesetz mit Art. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und das heißt: die Würde jedes Menschen, unabhängig von weiteren Bestimmungen des Alters oder der Nützlichkeit, ist unantastbar.

Der Autor ist katholischer Priester, Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

 

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