Energiekosten

Ein Drama mit Ansage

Hohe Energiepreise belasten die Privathaushalte. Sie sind jedoch nicht vom Himmel gefallen.
Kraftstoffpreise
Foto: Marijan Murat (dpa) | Überall steigen die Energiekosten: Allein Heizöl verteuerte sich im September um 76,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Sprit kostete 28,4 Prozent mehr.

Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür. Viele Menschen in Deutschland schauen mit großer Sorge auf die Energiepreise. Denn sowohl private Haushalte als auch Firmen bringen die hohen Energiepreise im Moment in große Schwierigkeiten. Die Ursachen der Preisentwicklungen liegen beim letzten Winter, der sowohl lang als auch kalt gewesen ist. Die meisten Versorger und Gashändler in Europa haben sehr verhalten auf die schon damals angestiegenen Preise reagiert. Im Sommer, so die damalige Hoffnung vieler, würden die Preise schon wieder fallen. Ein Trugschluss, wie man heute weiß.

Länder wie China und Indien dachten hier weitaus vorausschauender als Europa. Beide Länder spürten sehr früh, welches Desaster sich am globalen Kohle- und Gasmarkt zusammengebraut hat. Um ihre Milliarden-Bevölkerung versorgen zu können, schlossen China und Indien schon im Sommer Lieferverträge für den Winter ab. Das ist eigentlich völlig unüblich für diese Länder – da hätte man auch in Europa hellhörig werden können. Man war aber lediglich verunsichert, warum asiatische Länder den Sommer über durchgehend Einkäufe tätigten.

Brechende Dämme

Die Dämme brachen aber schneller, als man erwartet hatte. Die North-Stream-Pipeline von Russland nach Deutschland kann vor dem kommenden Winter kein Gas liefern. Dazu kamen relevante Lieferausfälle durch europäische Gaslieferanten wie Norwegen. Das heizte die Situation weiter an. Die politisch gewollte CO2-Steuer trug ebenfalls dazu bei, die Preise in die Höhe schnellen zu lassen. Auf der anderen Seite nahm die weltweite Nachfrage nach Erdgas seit Jahresbeginn so rasant zu, dass nur wenige Lieferungen per Schiff nach Europa kamen. Europas größter Gas-Lieferant Russland nutzt diesen Umstand, um Druck auf die westlichen Länder auszuüben. Aus strategischen oder infrastrukturellen Erwägungen drosselte Russland die Gaszufuhr. Gasvorräte konnten in Europa nicht wie gewohnt im Sommer vollständig aufgefüllt werden, was nun zur Verknappung des Angebots für Gas und damit direkt in die Energiekrise hineinführt.

China und Indien reagierten – Europa nicht

Hinzu kommt: Durch die Verknappung von Wind- und Solarenergie dieses Jahr wird eine zusätzliche Stromproduktion mit Gas nötig. Das gilt umso mehr, als dass die Stromproduktion mit Atomkraft und Kohle in den vergangenen Jahren immer weiter heruntergefahren wurde. Aktuell nimmt der Kohleanteil an der Stromproduktion wieder zu, um der Entwicklung entgegen zu wirken – die Krise ist aber längst bei den Verbrauchern angekommen.

Überall steigen die Energiekosten: Heizöl verteuerte sich laut Statistischem Bundesamt im September um 76,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Sprit kostete 28,4 Prozent mehr. Auch die Preise für Erdgas (plus 5,7 Prozent) und Strom (plus 2,0 Prozent) zogen an. Laut dem Vergleichsportal Verivox sind die Stromkosten in Deutschland im Oktober im Vergleich zum Vorjahr um 9,3 Prozent gestiegen. Damit ist Strom in Deutschland so teuer wie noch nie. Fürs Heizen mit Gas müssen Verbraucher 28 Prozent mehr bezahlen, für Öl gar 87 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Preisanstieg zu Lasten der Kunden

Klar ist: Die teuren Energiepreise sind ein maßgeblicher Faktor dafür, dass die Inflationsrate in Deutschland zuletzt über die Marke von vier Prozent gestiegen ist. Der Preisanstieg wird im Moment von den Versorgern an ihre Kunden weitergegeben. Der Energiekonzern E.on geht sogar noch einen Schritt weiter und stoppt wegen der Preisexplosion bei Gas im Moment das Neukundengeschäft mit Privatkunden. Am weitesten preschte allerdings das Unternehmen Deutsche Energiepool vor: Diese kündigten manchem Bestandskunden gerade erst die Gaslieferverträge.

Gerade ärmere Menschen befürchten nun im Winter frieren zu müssen, da sie die Heizungskosten nicht mehr bezahlen können. In Flächenländern wie beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern, die traditionell ein niedriges Lohnniveau haben, geht angesichts der hohen Spritpreise, die Angst um, dass die tägliche Fahrt zur Arbeit sich enorm verteuert.

Die Politik muss reagieren

Auf die kommende Bundesregierung kommen in diesem Bereich also große Aufgaben zu. Die Menschen erwarten berechtigterweise, dass die Politik jetzt auf diese Krise reagiert. Die Handlungsmöglichkeiten sind aber nur sehr begrenzt. Die noch amtierende Bundesregierung schlägt zwei Maßnahmen vor: Erstens sollen bedürftige Bürger im kommenden Winter Zuschüsse zur Heizungsrechnung erhalten. Zweitens ist eine Reduktion oder rasche Abschaffung der EEG-Umlage angedacht. Während man die Heizkostenzuschüsse sicherlich schnell und unbürokratisch beschließen kann, sehen Fachleute die schnelle Senkung der EEG-Umlage eher kritisch.

Derzeit liegt die Umlage bei 6,5 Cent pro Kilowattstunde und macht damit rund ein Fünftel des Strompreises aus. Gerade wurde diese Umlage für 2022 auf 3,723 Cent pro Kilowattstunde abgesenkt. Allerdings wird bezweifelt, dass diese Maßnahme zu sinkenden Strompreisen führt. Der niedrigeren EEG-Umlage stehen die höheren Beschaffungskosten gegenüber, die die Versorger für Strom zahlen müssen. Die zukünftige Bundesregierung hat also eine Riesenaufgabe vor sich.

Großes Dilemma für eine Ampel-Regierung

Zwei Aspekte kommen an diesem Punkt zusammen, die schwer miteinander vereinbar sind: die Klima- und die Sozialpolitik. In den öffentlichen Debatten über Klimapolitik wird viel zu selten darüber geredet, dass diese Maßnahmen am Ende auch bedeuten, dass in die eigene Brieftasche gegriffen wird. Klimaschützer mögen sich darüber freuen, dass die Energiepreise enorm angestiegen sind: Sollen diese Verteuerungen doch am besten dazu führen, dass man sich immer mehr von fossilen Energieträgern wie Heizöl oder Benzin verabschiedet.

Der soziale Aspekt geht dabei allerdings unter. Denn gerade ärmere Haushalte werden von den massiven Preissteigerungen im Energiebereich stark getroffen. In anderen Ländern wird bereits über staatlich verordnete Preisobergrenzen gesprochen. Auch gezielte Zuschüsse für Hartz-IV-Empfänger sind bereits im Gespräch.

Wenn die neue Bundesregierung es nicht schafft, einen Ausgleich zwischen Klima- und Sozialpolitik zu finden, ist die Akzeptanz für die Energiewende in Gefahr. Für die künftige Bundesregierung liegt die Herausforderung darin, Steuern und Abgaben so zu gestalten, dass zwar CO2 teurer wird, aber nicht die Energiekosten an sich. Denn dies schadet der Wirtschaft, beeinträchtigt den sozialen Frieden und nutzt dem Klima in dieser Form überhaupt nichts.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die erhoffte Corona-Erholung entfällt – die Inflation sowie hohe Energiepreise werden bleiben.
22.09.2022, 15  Uhr
Marco Fetke
Wir müssen jetzt als Europäer geschlossen und konsequent unsere wirtschaftlichen Abhängigkeiten von China zurückfahren.
31.05.2022, 15  Uhr
Elmar Nass
Themen & Autoren
Stefan Rochow Energiekosten Energiekrisen Energiepreise Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland Stefan Rochow

Kirche

Karl-Heinz Menke analysiert den „Orientierungstext“ des Synodalen Wegs. Dieser sei „durchzogen von nicht nur tendenziösen sondern auch falschen Behauptungen“.
26.09.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung