Kolumne

Du sollst dich nicht töten lassen

Augustinus entwickelte die Lehre vom gerechten Krieg gegen das Böse in der Welt im Ausgang von der Geschichte von Kain und Abel.
Leopard-Kampfpanzer
Foto: Philipp Schulze (dpa) | Kampfpanzer wie dieser Leopard 2 würden der ukrainischen Armee in ihrem Verteidigungskampf helfen.

Die Sozialethik ist die kleinere (und jüngere) Schwester der Moraltheologie. Der Vater von beiden ist der Vater Jesu Christi, der Vater aller Getauften. Hinzu kommt der Hinweis Jesu: „Seid vollkommen, wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Mt 5,48) Die Mutter aber der Sozialethik ist die politische Ethik des heiligen Augustinus. In seinem Hauptwerk „Über den Gottesstaat“ denkt er über das Leben der getauften Christen in der Welt nach – in der Welt und doch nicht von der Welt, in der Welt der Bosheit und Gewalt und doch nicht von Bosheit und Gewalt stammend, sondern vom Vater im Himmel. Augustinus entwickelt die Lehre vom gerechten Krieg gegen das Böse in der Welt im Ausgang von der Geschichte von Kain und Abel.

Dort sagt bekanntlich Gott zu Kain, der schon halb vom Bösen übermannt ist: „Auf Dich hat die Sünde als Dämon es abgesehen; doch Du werde Herr über ihn!“ (Gen 4,7) Bekanntlich hat Gott keinen Erfolg damit bei Kain, denn dieser erschlägt flugs seinen Bruder Abel. Augustinus schließt daraus: Weder göttliche noch menschliche Ermahnungen nutzen im Angesicht von Aggression und Gewalt; es braucht den Staat als moralisches Minimum der Gerechtigkeit und das staatliche Gewaltmonopol. Was dann noch fehlt ist das göttliche Maximum der Liebe. Das ist allerdings nicht Aufgabe und Ziel der Sozialethik, sondern der Moraltheologie und ihrer Hinführung zu den Sakramenten. Das Recht wird vom Staat erzwungen, die Liebe wird von Gott angeboten.

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Schwert statt Mantel

Augustinus kennt aber noch eine zweite, recht unbekannte Stelle der Heiligen Schrift. In den Abschiedsreden sagt der Herr zu den Jüngern, kurz vor seiner Gefangennahme: „Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.“ (Lk 22, 36) Und etwas später sagen die Jünger zum Herrn: „Hier sind zwei Schwerter!“ Und Augustinus interpretiert: Außerhalb des Paradieses und vor dem Anbruch des Jüngsten Tages herrschen Krieg und Gewalt und es gibt zwei Schwerter, das Schwert der Liebe und das Schwert des Zwanges – und man muss bereit sein, notfalls mit dem Schwert der gerechten Gewalt, also mit Waffen, gegen das Böse zu kämpfen. Daraus entwickelt sich die katholische Friedensethik mit der Lehre vom gerechten Verteidigungskrieg: Es gibt das Recht auf Selbstverteidigung, auch eines Landes, und vor allem zum Schutz der Unschuldigen, besonders der Frauen, Kinder, älteren Menschen. Damit ist freilich kein Präventivkrieg zur Vorbeugung eines Angriffskrieges oder als staatliche Vorwegnahme des Tyrannenmordes erlaubt.

Recht zum Waffenerwerb

Das gilt zur Stunde und auch an diesem Osterfest besonders für die unschuldig von Putins Russland überfallene Ukraine: Sie hat das Recht zur kriegerischen Verteidigung und Abwehr und sie hat das Recht zum Erwerb von Waffen. Und der Westen hat die Pflicht und Schuldigkeit, solche Waffen zu liefern, denn sie dienen der Verteidigung des Abel gegen den ungerechten Kain. Und es gilt vor Anbruch der Ewigkeit der Liebe Gottes nicht nur „Du sollst nicht töten!“, sondern genauso und manchmal noch mehr: „Du sollst nicht töten lassen!“ In diesen sauren Apfel außerhalb des Paradieses zu beißen, gehört auch zum manchmal schmutzigen und doch notwendigen Geschäft der Sozialethik!

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

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