Unterwegs

Die Sehnsucht nach dem ganz anderen Arbeitserlebnis

Viele „digitale Nomaden“ sind – ohne es zu ahnen – anonyme Christen.
Digitale Nomaden versuchen, den Strand zum Arbeitsplatz avancieren zu lassen
Foto: imago stock&people | Den Strand zum Arbeitsplatz avancieren zu lassen – hiervon träumen viele Menschen. Digitale Nomaden versuchen, diesen Traum zu realisieren.

Fiona McIntosh ist 56 und nach ihren eigenen Angaben die älteste Nomadin am Strand von Palermo, wo sie um 1 Uhr Nachts mit jungen Menschen aus England, Irland, Rumänien, Finnland, Belarus, Schweden, Spanien und Frankreich zu einem Song tanzt, der zu modern ist, um die Strände der britischen Inseln zu erreichen. Bevor sie das Umherziehen von Ort zu Ort zu ihrer Lebensform machte, hatte die Freiberuflerin das, was man von einem normalen Leben in diesem Alter erwartet: eine Familie, einen Beruf und ein stabiles Zuhause.
Doch dann kam die Pandemie und wie für viele andere auch, erwies sich die Ausnahmesituation auch für Fiona McIntosh als Brandbeschleuniger für ohnehin virulente Prozesse.

Innerhalb von 12 Monaten musste sie ihre kleine Firma verkaufen, trennte sie sich von ihrem Mann, ihre erwachsenen Töchter verließen das Haus. Als dann ihre Eltern starben, war sie von einem Moment auf den anderen vollkommen allein und auf sich gestellt. Was im ersten Moment ein kolossaler Verlust war, hatte noch einen anderen Aspekt: Denn Fiona McIntosh stellte inmitten all dieser Umwälzungen fest, dass sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten tun konnte, was sie wollte und wann sie wollte. In diesem Augenblick begann sie zu realisieren, dass das Buch, das zu schreiben sie sich anschickte, überall auf der Welt entstehen konnte. Und so vermietete sie ihr Haus, packte ein paar Sachen zusammen und ging nach Italien, wo das Leben deutlich günstiger war als in London und machte die Heimatlosigkeit, die sie nach den verlustreichen 12 Monaten empfand, zu ihrer neuen Lebensform.

Die Digitalisierung macht das „Traveloffice“ möglich

Was als einzigartiges Abenteuer mit ungewissem Ausgang erscheint, hat sich in den letzten Jahren zu einer Existenzweise für zumeist junge, unabhängige Menschen entwickelt. Die in der Regel 20- bis 30-Jährigen haben das durch die Pandemie verordnete Homeoffice in ein Traveloffice verwandelt und sind als Freelancer nun dauerhaft unterwegs. Was vor Corona ein Trend für wenige elitäre Freiberufler war, scheint sich nun zu einer Lebensform zu verwandeln, in der das Empfinden der generellen Entwurzelung, das viele westliche Gesellschaften prägt, eine neue Heimat findet. Dazu kommt in Zeiten der Energiekrise und des Ukrainekriegs der Kampf mit den exorbitant gestiegenen Lebenshaltungskosten, die manch einen geneigt machen, das Angebot des Präsidenten von Namibia, Arbeitsvisa für im Homeoffice arbeitende Digitalnomaden anzubieten, gerne anzunehmen. Die ehemalige deutsche Kolonie könnte, glaubt man den Schätzungen, schon bald für tausende nomadisierende Homeofficezugvögel zu einem begehrten Winterquartier werden.
Alles, was diese Menschen brauchen, ist ein Laptop, stabiles Internet und die Möglichkeit, weiterzureisen, wenn es menschlich zu nah wird und die feinen Wurzeln der Seele zu weit in den unversehens zur Heimat werdenden Boden einzudringen drohen.

Die Aufenthaltsdauer in den „Nomad-Hubs“, wie die Zentren, an denen die digitalen Nomaden vorübergehend bleiben heißen, beträgt durchschnittlich einen Monat. Dennoch treffen sich manche der umtriebigen Gestalten in den Hotspots für Heimatlose wieder. Denn natürlich vernetzen sich auch Nomaden, tauschen Informationen aus und erzählen einander von anderen Nomad-Hubs, temporären Lebens- und Arbeitsräumen, die für jeweils 12 bis 15 Personen konzipiert sind und von denen in den USA und Europa immer wieder neue entstehen – nicht wenige kreiert von Menschen, die seit Jahren genau diese Lebensform präferieren.

Lesen Sie auch:

Der Wunsch nach Unabhängigkeit

Was sie verbindet, ist der Wunsch nach Unabhängigkeit, das Wissen um den Wert für ihre Arbeit und natürlich eine gewisse Abenteuerlust. Finanziell ist die Alternative des Zuhauseseins im Nirgendwo durchaus attraktiv: Während eine Airbnb-Wohnung, die man sich in London mit anderen teilt, monatlich mit 1 200 Pfund zu Buche schlägt, zahlt man in Palermo für eine klimatisch deutlich attraktivere Umgebung nur 350 Euro, in Spanien kostet eine Übernachtung im WG-Doppelzimmer 22, ein Einzelzimmer 40 Euro. Kein Wunder, dass sich die Vorteile der von vielen so geschätzten Unabhängigkeit inzwischen herumgesprochen haben und sich immer der Menschen zumindestens zeitweise für das Nomadenleben entscheiden. MBO Partners, eine Plattform für Freiberufler schätzt, dass allein 15,5 Millionen US-Bürger inzwischen als Nomaden in aller Welt bewegen und wenn man diese Schätzung vorsichtig auf die westliche englischsprachige Welt ausweitet, kommt man schnell auf eine Zahl von 20 Millionen Menschen, die das Unterwegssein zu ihrer Lebensform gemacht haben.

Eine säkulare Form der Pilgerschaft

Aus christlicher Perspektive ist diese Entwicklung interessant. Denn dass Christen nur Gast auf Erden sind und ohne Ruhe der ewigen Heimat zuwandern, ist den Nachfolgern Jesu Christi bewusst. Keinen Ort zu haben, wohin er sein Haupt legen konnte, keine Höhle zu haben wie die Füchse und kein Nest wie die Vögel war das, was er seinen Jüngern vorgelebt und zugemutet hat. Die Jünger Jesu verließen ihre Familien und folgten ihm buchstäblich nach. Was damals auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem eine Ausnahmesituation war, entwickelte sich für diejenigen Jünger, die wie Petrus, Paulus und viele mehr dem Auftrag Jesu folgten und seine Botschaft in aller Welt verkündigten, ebenso wie das Unterwegssein bei den digitalen Nomaden zu einem Lebensstil. Mit einem entscheidenden Unterschied. Wer auf den Spuren Jesu geht, ist sich der temporären Qualität der irdischen Existenz ebenso bewusst wie der Tatsache das das, worauf wir so sehnlich warten, noch kommt: Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen wird gestillt, die Tränen getrocknet werden. Mit dieser Perspektive erweist sich das Unterwegssein nicht als Ausweichbewegung und auch nicht als Raum undefinierter Freiheit, in der der Versuch, nichteingestandenes Sehnen zu stillen immer wieder neu misslingt. Es wird vielmehr zum Trainingsfeld für Lebenshaltungen, die im Hinblick auf die kommende Welt notwendig eingeübt werden müssen.

Ein Beispiel aus der Kirchengeschichte für die Lebensform der Nomaden ist die lebenslange Peregrinatio der mittelalterlichen irischen Mönche. Viele von ihnen waren in Klöstern zuhause, die sich immer wieder neu als Hotspots für geistliches Leben entwickelten. Aber einige von ihnen machten, wie die digitalen Nomaden unserer Zeit, das Unterwegssein zu ihrer Heimat. Ähnlich wie die Propheten des Alten Testamentes zeigten sie mit ihrem Leben, mit der am eigenen Leib erfahrenen Existenzform, was es heißt, auf die ewige Heimat zuzugehen. Sie agierten aus, dass Pilgern der Normalzustand ist, dass nichts bleibt wie es ist und dass es keinen Sinn macht, sich im Irdischen einzurichten. Was frustrierend oder deprimierend erscheinen könnte, die Übung, den unberechenbaren Tod täglich vor Augen zu haben, erwies sich für sie als wahre Freiheit für das, was wirklich zählt.

Unterwegs zur ewigen Heimat

Nun kann, auch wenn das Unterwegssein, wie die in den letzten Jahren wieder angestiegene Zahl  der Pilger, die auf dem Jakobsweg und anderswo auf die ewige Heimat zuwandern, ohne Zweifel seine Reize hat, nicht jeder Haus, Hof, Heimat und Familie verlassen. Die geistliche Grundhaltung, die dem Pilgernden eigen ist, kann aber auch im Alltag eingeübt werden – weil Gott, wie Teresa von Avila richtig sagt, auch mitten unter den Kochtöpfen ist. Von den digitalen Nomaden, deren innere Unabhängigkeit und Beweglichkeit auf viele so anziehend wirkt, kann deshalb eine Menge gelernt werden. Die wichtigste Lektion ist zweifellos die, wie wenig Dinge man wirklich braucht: Das Gefühl der Freiheit entsteht nämlich neben der Möglichkeit, sich zu entscheiden, etwas hier und jetzt zu tun auch darin, dass man mit leichtem Gepäck und ebensolchem Herzen unterwegs ist. Letzteres lässt sich aber auch erreichen, indem man das Herz von allem löst, was uns daran hindert, zur Quelle unseres Lebens und unserer Freude zu gelangen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Barbara Stühlmeyer Barbara Stühlmeyer Christen Jakobsweg Jesus Christus Mönche

Weitere Artikel

Spirituelle Angebote wie Yoga oder Tarot boomen. Die Tagung „Spiritualität im 21. Jahrhundert“ mit Johannes Hartl an der Hochschule Heiligenkreuz zeigte auf, warum dieser Trend eine Chance ...
24.12.2022, 17 Uhr
Emanuela Sutter
Warum in die Ferne schweifen? Ein Tagesausflug rund um das rheinische Düren führt tief in die Geschichte des christlichen Mittelalters.
23.07.2022, 07 Uhr
Andreas Drouve

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
In der EU zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Religionsfreiheit wird mehr und mehr auf Gewissens- und Meinungsfreiheit reduziert.
28.01.2023, 11 Uhr
Stephan Baier