Kolumne

Das Fest der Faulenzer ist vorbei

Christliche Politik sitzt immer zwischen den Stühlen von links und rechts, konservativ und progressiv.
Bundestag - Haushaltswoche
Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) | Die Berliner Republik scheint in der Krise nur darum besorgt, den tagesaktuellen Bedarf zu decken.

Wir alle kennen die aktuelle Situation: Krieg in der Ukraine, Inflation, Fachkräftemangel, Lieferkettenprobleme, Klimawandel, überteuerte Miet- und Energiepreise, Pflegekrise, demografischer Wandel, Insolvenzbedrohung und anderes mehr. Die Berliner Republik scheint bei alledem nur darum besorgt, den tagesaktuellen Bedarf zu decken.

Der Muff von 1000 Jahren

Aber gerade Krisen eignen sich dazu, „den Muff von tausend Jahren“ rauszukehren und das Land für die kommenden 30 Jahre zukunftsfest zu machen. Wahlsiege und mediale Selbstdarstellung scheinen jedoch wichtiger zu sein als das Investment in eine sichere und stabile Zukunft. Nach dem Gießkannenprinzip wird wild mit Geld um sich geschmissen, ohne dass eine Strategie dahinter erkennbar wäre. Egal ob Sondervermögen, Gaspauschale oder 9 Euro/49 Euro-Ticket – so geht es in der Sozial-, Sicherheits- oder Wirtschaftspolitik gegenwärtig zu. Von der „neuen Allianz zwischen dem Menschen und der Erde“ (Benedikt XVI.) ist wenig zu spüren, stattdessen herrscht „die technische Vernunft über die Wirklichkeit“, wie Papst Franziskus zu sagen pflegt.

Die päpstliche Sozialverkündigung ermahnt die Politik zu vorausschauendem Handeln. Das christliche Ethos verpflichtet die Politik, für die Zukunft zu planen – nicht auf Sicht. Der Aufbau des Gemeinwohls durch die ganzheitliche Entwicklung des Menschen steht im Fokus, nicht kurzlebige Symbolpolitik, um den politischen Gegner zum Verstummen zu bringen: „Seht, wir handeln doch!“

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Zurück zu den Quellen

Auch die CDU-Opposition gibt kein besseres Bild ab. Man möchte ihr zurufen: „Ad fontes!“ Besinne dich auf deine wertpolitischen Quellen, die in der christlich-sozialen Politik liegen. Doch alte Ideologien werden als bahnbrechende Neuheiten kostümiert. Das Konservative gehörte nie zum Kern der CDU. Es wurde erst nachträglich eingeschleust. Christliche Politik sitzt immer zwischen den Stühlen von links und rechts, konservativ und progressiv. Das ist im politischen Alltagsgeschäft bisweilen hinderlich. Aber das macht die CDU auch unglaublich attraktiv, weil es ein Alleinstellungsmerkmal ist. Für so eine CDU kann ich mich begeistern!

Ein Beispiel: Die Menschen der unteren Einkommensschichten drohen unter der Last der steigenden Preise zu ersticken. 300 Euro Energiegeld machen da kaum einen Unterschied. Haushalte mit mittleren oder hohen Einkommen haben genug, um ohne diese Finanzspritze auszukommen. Besser war die Idee der CDU, ein Energiegeld von 1 000 Euro nur für die unteren Einkommen auszuzahlen.

Wer nicht sät, kann nicht ernten

Was soll ich tun, wenn ich nach einer schlechten Ernte nur noch vierzig Weizenkörner übrig habe? Backe ich damit ein Brot und stille den Hunger, den ich gerade habe? Oder hungere ich und säe die Körner ein, damit ich auch im nächsten Jahr noch ernten und meine Familie ernähren kann? Natürlich fällt vom Samen auch etwas auf schlechten Boden. Aber, wer gar nicht sät, kann auch nicht ernten. Gefordert ist in dieser Situation ein generelles Umdenken in Politik und Gesellschaft, denn „das Fest der Faulenzer ist vorbei“! (Am 6,7)

Der Autor ist katholischer Theologe und Politikwissenschaftler. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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