Arbeitsmarkt

Arbeitskräfte verzweifelt gesucht

Während viele Amerikaner die Corona-Finanzhilfen zum Jobausstieg nutzen, sucht Deutschland händeringend und branchenübergreifend nach Fachkräften.
Eröffnung Internationale Handwerksmesse
Foto: dpa | Auf der Internationalen Handwerksmesse diskutierten Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder über den Fachkräftemangel.

Nichts wie raus aus dem Job: Der Ausstieg wird zum Lebensprinzip. So oder ähnlich sieht die Lage in den USA aus, wo mehr als vier Millionen Amerikaner jeden Monat ihrem Chef die Kündigung auf den Schreibtisch legen. Dieses Phänomen mit dem Namen „The Big Quit“ diagnostizieren Wirtschaftsexperten nun bereits seit einem Jahr als stabile Größe. Für diesen massenhaften Ausstieg werden unterschiedliche Gründe genannt. Die großzügigen Unterstützungsleistungen der US-Regierung in der Coronapandemie haben dafür gesorgt, dass viele Arbeitnehmer Rücklagen schaffen konnten, die ihnen ermöglichen – zumindest befristet – aus dem Job auszusteigen. Viele haben in der Pandemie aber auch erkannt, dass „24/7“ nicht mehr das Lebensmodell ist, was man sich auf Dauer vorstellen kann. Dauerstress und Work-Life-Balance passen nicht wirklich gut zueinander. Andere sind den Anforderungen des Marktes einfach nicht mehr gewachsen, rutschen in eine Burnout-Erkrankung und werfen die Kündigung als Rettungsanker. Der „Big Quit“ findet sich übrigens auch in den Sozialen Netzwerken und in Online-Foren wieder. Hier diskutieren die Menschen über ihre Ausstiegsszenarien bis hin zu Postings über ihre Kündigung auf TikTok. So entstand in diesem Medium eine eigene Nische mit dem Namen „QuitTok“.

Arbeiterlosigkeit anstatt Arbeitslosigkeit

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt kann man eine solche Bewegung nicht in dieser Breite feststellen. Dennoch gibt es Branchen, in denen die Ausstiegszahlen signifikant sind und andere, die händeringend nach Arbeitnehmern, gerade im Facharbeiterbereich, suchen. Aktuell wird deutlich, wie sehr den Flughäfen Mitarbeiter fehlen, um in den Spitzenzeiten des Urlaubsansturms den Flugbetrieb vom Boden her sicherstellen zu können. Die Reisenden sehen sich erheblichen Verspätungen und Wartezeiten ausgesetzt. Nach einer Studie fehlen derzeit etwa 7 200 Fachkräfte. Das Institut der Deutschen Wirtschaft stellt fest, dass es „keine Reserven mehr am Arbeitsmarkt“ gebe, um die Lücken beim Luft- und Bodenpersonal zu füllen. Zur Entspannung der aktuellen Lage an vielen deutschen Flughäfen plant die Bundesregierung, die Lücken mit Hilfskräften aus dem Ausland aufzufangen.

Eine solche Maßnahme fordert der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband auch für die Hotellerie und Gastronomie. Gerade diesen Betrieben macht der Personalmangel nach zwei Jahren Pandemie mit neun Monaten Lockdown und Kurzarbeit erheblich zu schaffen. „Wir brauchen jetzt schnelle und pragmatische Maßnahmen zur Mitarbeitergewinnung“, sagt DEHOGA-Präsident Guido Zöllick. Für das Gastgewerbe fordert er erleichterte Zuwanderungsregeln sowie eine verbesserte Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Die Unternehmen der Branche müssten dabei unterstützt werden, die aufgrund des demografischen Wandels fehlenden Fach- und Arbeitskräfte auch aus Drittstaaten einstellen zu können. Dafür sei es unverzichtbar, Verfahren zu vereinfachen, die Beschaffung von Visa zu beschleunigen sowie neue rechtliche Möglichkeiten der gezielten Erwerbsmigration zu schaffen. Um die Beschäftigung von Saisonaushilfen im Gastgewerbe zu ermöglichen, sollten zwischenstaatliche Abkommen mit interessierten Ländern geschlossen werden.

Mehr als die Hälfte der Betriebe auf der Suche

Laut einer DEHOGA-Umfrage von Anfang Juni suchen über 60 Prozent der Betriebe im Gastgewerbe Fach- und Hilfskräfte. Dabei unternehmen die Betriebe erhebliche Anstrengungen, ihre Mitarbeiter trotz der verheerenden Corona-Folgen zu halten und neue zu gewinnen. „Sie wissen“, so ein DEHOGA-Sprecher gegenüber der Tagespost, „um den Wert eines guten und vertrauensvollen Betriebsklimas und eines wertschätzenden Miteinanders. Natürlich spielt dabei auch das Geld eine Rolle. Auch hier ist einiges passiert.“ So habe man in den letzten Monaten in den Ländern Entgelttarifverträge mit deutlichen Lohnerhöhungen im zweistelligen Prozentbereich abgeschlossen. Auch die Ausbildungsvergütungen stiegen stark an. Zudem wurden die gastgewerblichen Ausbildungen modernisiert und bieten jetzt noch attraktivere Perspektiven.

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Der Wechsel aus der Gastronomie geschieht sehr oft von der Kneipen- an die Supermarkttheke. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) haben 216 000 Jobwechsler aus dem Jahr 2020 aus Hotellerie, Gastronomie und Tourismus eine neue Arbeit in Verkaufsberufen gefunden. Beispielsweise als Kassierer im Supermarkt: Hier wurden rund 34 800 Wechsler registriert. Rund 27 200 Menschen traten einen neuen Job im Verkehr- und Logistikbereich an, beispielsweise als Lagerlogistiker oder Paketboten. Auch der Bereich Unternehmensführung und -organisation profitierte von Jobwechseln: Hier fingen 27 100 Menschen neu an, unter anderem in Sekretariaten. Beliebte Ziele waren zudem die Lebensmittelherstellung, Reinigungsberufe und Erziehung. Viele Mitarbeiter orientieren sich um, wenn die wirtschaftlichen Aussichten getrübt sind, neue Lockdowns drohen und nicht klar ist, welche Perspektive die Branche kurzfristig bieten kann. „Während der Krise dürfte für viele Sicherheit noch wichtiger geworden sein“, erklärt die Autorin der IW Studie, Paula Risius.

„Big Search“ in zahlreichen Branchen

Schwierig ist die Mitarbeitersituation auch im Handwerk. Das weiß jeder, der in dieser Zeit handwerkliche Dienstleistungen oder Produkte benötigt. „Während es scheinbar auch hierzulande bei einfachen Dienstleistungstätigkeiten in Lockdown-Branchen in der Pandemie zum Wechsel in andere Branchen oder zum Personalabbau gekommen ist, gilt für das Handwerk eher der ,Big Search‘, als der ,Big Quit‘“. So beschreibt der Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Karl-Sebastian Schulte im Gespräch mit der Tagespost die Situation in seinem Bereich. „Viele Unternehmen nennen als größte aktuelle Sorge neben wegbrechenden Lieferketten sowie steigenden Energie- und Materialpreisen, den Fachkräftemangel. Das trifft sowohl auf fehlende Gesellen und Meister als auch auf unbesetzte Ausbildungsstellen zu.“ Deshalb habe es im Handwerk auch nur wenige pandemiebedingte Entlassungen gegeben, sondern eher das Bestreben, die Mitarbeiter zu halten. Die Handwerksbetriebe würden gerne mehr junge Menschen ausbilden, viele von ihnen ziehen es aber vor, ein Studium aufzunehmen. Gerade im Bau- und Ausbaugewerbe habe die Pandemie eher für eine Belebung gesorgt, weil viele Bürger das für den Urlaub eingeplante Geld in Maßnahmen an ihren Wohnungen und Häusern investiert hätten. Im Bausektor gebe es neben dem Mangel an Facharbeitern und Auszubildenden auch eine Suche nach Bauhelfern.

Verfehlte Bildungspolitik

Bei der Nachwuchsgewinnung stoße man zum einen auf das demografische Problem, dadurch, dass in der Alterskohorte derjenigen, die die Schule verlassen, deutlich weniger Personen seien als zu Babyboomer-Zeiten. Daneben schlage aber auch die verfehlte Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte durch, die junge Menschen einseitig auf das Studium hin ausrichte und die berufliche Bildung zu lange vernachlässigt habe. Vielfach hätten Eltern und Lehrer ein Bild vor Augen, dass ein Bachelor-Studiengang ein Zeichen für Erfolg sei, anstatt den Kindern auch die Möglichkeiten einer soliden Handwerksausbildung vorzustellen. Hier sieht Schulte vor allem die Schulen gefordert, andere Karrierewege stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

Dabei würden gerade zur Umsetzung einer beschleunigten Energie- und Klimawende qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker händeringend benötigt. „Gerade hier sind wir in intensiven Gesprächen mit der Bundesregierung“, betont Schulte. „Unsere Botschaft: Ohne Bildungswende wird die Klimawende nicht gelingen.“ Das Handwerk versuche mit einer seit langem laufenden Kampagne junge Menschen für die vielfältigen Berufsbilder zu begeistern und ständig würden neue Berufsfelder entwickelt, die zum Beispiel an die aktuellen Veränderungen auf dem Energiesektor angepasst seien. Die Politik müsse hierfür aber ebenfalls einen Beitrag leisten – indem sie die richtigen Rahmenbedingungen setzt.

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