Pandemie

Arbeitskräfte gesucht

Der Arbeitsmarkt ist wieder auf Vor-Corona-Niveau – aber der Mitarbeitermangel wächst.
Agentur für Arbeit
Foto: dpa | Der Arbeitsmarktzug fährt weiter auf Hochtouren – doch aufgrund der demografischen Entwicklung mit immer weniger Mitreisenden.

Selbst in Zeiten der Corona-Pandemie gibt es noch erfreuliche Nachrichten zu vermelden: In diesem Falle stammen sie aus Nürnberg und handeln vom hiesigen Arbeitsmarkt des vergangenen Jahres.

„Alles in allem war die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Verlauf des Jahres 2021 gut. Anfangs war sie allerdings noch spürbar von der Pandemie und den Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung geprägt, bevor im Sommer eine Erholung einsetzte“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, im Dezember anlässlich der monatlichen Pressekonferenz in Nürnberg. So seien laut Scheele Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung 2021 jahresdurchschnittlich merklich gesunken: Unter anderem reduzierte sich die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 82 000 auf 2 613 000 Menschen. Auch die Auswirkungen der coronabedingten Einschränkungen auf den Arbeitsmarkt wurden inzwischen zu einem großen Teil abgebaut, sind aber nach wie vor – insbesondere in einer gestiegenen Langzeitarbeitslosigkeit – sichtbar. „Gleichzeitig traten verstärkt Lieferengpässe in den Vordergrund, die insbesondere das Verarbeitende Gewerbe beeinträchtigten“, fügte Scheele hinzu.

Vom „kranken Mann Europas“ zum Job-Motor

Der Arbeitsmarkt wurde auch 2021 in erheblichem Umfang durch den Einsatz von Kurzarbeit gestützt, die Inanspruchnahme hat aber im Vergleich zum ersten Corona-Jahr deutlich abgenommen. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit schätzt die jahresdurchschnittliche Kurzarbeiterzahl 2021 mit rund 1,85 Millionen als deutlich geringer als 2020 ein. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wiederum ist im Vorjahresvergleich nach Angaben der Statistik der Bundesagentur für Arbeit von Juni 2020 auf Juni 2021 um 479 000 auf 33,80 Millionen gestiegen. Sie liegt damit um 395 000 über dem Wert aus dem entsprechenden Vor-Krisen-Monat Juni 2019. Auch die geringfügig entlohnte Beschäftigung wies im Vergleich zum Vorjahr eine Verbesserung auf. Dabei profitierten insbesondere die Beschäftigungen im Nebenjob von den Lockerungen der coronabedingten Beschränkungen im Frühsommer 2021.

Seit November dieses Jahres liegt zudem die Arbeitslosenquote mit 5,1 Prozent wieder auf dem Wert von März 2020, als die Corona-Pandemie sich langsam in Europa auszubreiten begann. Im August 2020 hatte die Quote mit 6,4 Prozent ein zyklisches Hoch verzeichnet, während sie im Jahr 2021 kontinuierlich von 6,3 auf nun gut 5 Prozent gefallen ist.

Überraschende Robustheit

Die Robustheit des deutschen Arbeitsmarktes trotz zahlreicher Krisen und Ungewissheiten überrascht – vor allem, wenn man diese mit der Entwicklung vor gut 20 Jahren vergleicht: Denn Ende der 1990er Jahre – man erinnert sich – galt Deutschland aufgrund seiner hohen Arbeitslosigkeit innerhalb der Europäischen Union als der „kranke Mann Europas“. Doch seit knapp anderthalb Jahrzehnten läuft es ausgesprochen gut am deutschen Arbeitsmarkt. Auch die nun bereits fast zwei Jahre währende Corona-Krise hat dieser Entwicklung erstaunlich wenig anhaben können. Im Jahr 2021 stagnierte die Erwerbstätigkeit laut dem Statistischen Bundesamt mit insgesamt 44,9 Millionen Personen gar auf dem sehr hohen Niveau des Jahres 2020.

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Für die gute Entwicklung spielt auch die Kurzarbeit eine wichtige Rolle, da nach den Konzepten der Erwerbstätigenrechnung und der Arbeitskräfteerhebung die Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter zu den Erwerbstätigen zählen. Im April 2020 hatten noch knapp 6 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld erhalten, im vergangenen November waren es noch rund 750 000.

Agenda 2010 war hilfreich

Der Ausgangspunkt der bis 2020 nachhaltig positiven Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt sind nach Ansicht zahlreicher Ökonomen und Politiker die „Agenda 2010“-Reformen der ersten rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder im Jahr 2005. Gerade die Langzeitarbeitslosigkeit konnte mithilfe des damals neu geschaffenen Niedriglohnsektors nachhaltig gesenkt werden. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass sowohl lang anhaltende Lohnzurückhaltung vonseiten der Arbeitnehmer (zum Teil seit Mitte der 1990er-Jahre) als auch die Nutzung ausländischer Standorte vielen Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffte und sich hierdurch die deutsche Wirtschaft im Laufe der Jahre allmählich regenerieren und neu aufstellen konnte – mit positiven Effekten für den Arbeitsmarkt.

Laut den Mathematikern des Statistischen Bundesamtes wäre der seit dem Jahr 2006 andauernde Beschäftigungszuwachs vermutlich auch ohne Corona-Krise bald zu einem Ende gekommen, da das Potenzial an Erwerbspersonen in Deutschland aufgrund des demografischen Wandels weiter sinkt. Bisher wurde diese Entwicklung durch eine höhere Erwerbsbeteiligung der inländischen Bevölkerung sowie durch die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte kompensiert. Doch diese beiden Trends nehmen nun ab.

Demografischer Wandel macht sich bemerkbar

Der demografische Wandel spiegelt sich unter anderem darin, dass in Deutschland jede zweite Person bereits 45 Jahre alt oder älter ist und jede fünfte sogar älter als 66 Jahre, womit sie am Ende ihres Arbeitslebens steht. Entsprechend gehen viele Beobachter des Arbeitsmarktes inzwischen davon aus, dass in Zukunft noch stärker als bisher nicht mehr über Arbeitslosigkeit, sondern über Arbeiter- und Arbeitnehmerlosigkeit gesprochen wird. Bereits heute klagen viele Branchen über einen großen Fachkräftemangel.

Langfristig erwarten die Experten des Statistischen Bundesamtes deutliche Verschiebungen am deutschen Arbeitsmarkt, wie sie bereits vor gut einem Jahr vorgerechnet haben. In den kommenden 40 Jahren dürfte die Zahl der Erwerbspersonen – je nach durchexerziertem Szenario – auf mindestens 41,5 Millionen und höchstens 33,3 Millionen sinken. Die Hauptursache für diese Entwicklung ist das Ausscheiden der „Babyboomer“, also der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1970, aus dem erwerbsfähigen Alter in den kommenden Jahren. Ohne Nettozuwanderung könnte die Zahl der Erwerbspersonen bis 2060 sogar unter 30 Millionen fallen, heißt es von Seiten der Experten.

Doch auch bereits in den kommenden zehn Jahren ergeben sich voraussichtlich deutliche Verschiebungen. So dürfte es im Jahr 2030 in Deutschland mit 1,5 bis 2,4 Millionen Menschen erheblich mehr arbeitende Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren geben als solche im Alter von unter 20 Jahren (1,1 Millionen Menschen). Diese Prognose fußt auf zwei Annahmen, die eintreten müssten: Erstens müsste sich die in den vergangenen 20 Jahren beobachtete Zunahme der Erwerbsbeteiligung fortsetzen, und zweitens müssten besonders die Erwerbsquoten der Älteren durch die bis zum Jahr 2031 vorgesehene stufenweise Verschiebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre weiter steigen.

Positive Perspektiven für Arbeitnehmer

Mittel- bis langfristig erscheinen die Aussichten am deutschen Arbeitsmarkt aus heutiger Perspektive also durchaus positiv – zumindest aus Arbeitnehmersicht. Das gilt trotz gelegentlich zu hörenden Warnungen, wonach die Auswirkungen der Digitalisierung und das Potenzial digitaler Technologien zum Wegfall von Arbeitsplätzen führen könnten. Die Unternehmensberatung Deloitte jedoch erwartet sogar ein gegenteiliges Ergebnis: Demnach könnte es bis zum Jahr 2035 netto sogar zu einer steigenden Beschäftigung kommen. Allerdings seien unterschiedliche Berufe unterschiedlich stark betroffen. Erfolgsfaktoren für die Berufe der Zukunft seien Empathie, Interaktion und Spezialisierung, da Tätigkeiten, bei denen solche Fähigkeiten verlangt würden, schwierig automatisierbar seien.

Die Berater gehen davon aus, dass das Wachstum der Jobs der Zukunft die Arbeitsplatzverluste durch Digitalisierung überkompensieren dürfte. Ein Zuwachs von Arbeitsplätzen finde vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Management statt. Darüber hinaus verlangten die Tätigkeiten von morgen weniger Routinen als vielmehr analytisches Denken und menschliche Interaktionen. Insofern würden Routinetätigkeiten nach dem immer gleichen Muster in Zukunft verstärkt automatisiert, also von Maschinen oder Robotern erledigt werden, während gleichzeitig Arbeitnehmer sich kontinuierlich fortbilden müssen, um mit dem Wandel der Arbeitswelt Schritt zu halten.

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