Pilgerwege

Via Francigena: Uralter Pilgerweg von Lausanne nach Rom

Auf dem uralten Pilgerweg der Via Francigena von Lausanne nach Rom erfährt der Pilger während eines siebenwöchigen Fußmarschs den tieferen Sinn seiner Reise am eigenen Leibe.
Blick vom Monte Mario auf Rom
Foto: Rüdiger Plantiko | Vom Monte Mario kommend blickt der Pilger auf das Ziel seiner Reise: Rom.

Das Pilgern erfreut sich in unserer Zeit einer stark wachsenden Beliebtheit. Dies belegen beispielhaft die Zahlen des Pilgerbüros von Santiago de Compostela: während dort im Jahr 1971 noch 451 Fußpilger ihre Urkunde in Empfang nahmen, wurden im Jahr 2019 knapp 350 000 ankommende Pilger registriert – ein enormer Anstieg auf fast das 800fache in 50 Jahren. Nach 2019 brachen die Zahlen zwar coronabedingt ein, erholen sich nun aber rasch.

Was sind die Motive, sich auf eine oft beschwerliche, wochenlange Wanderung in die Ferne zu begeben? Warum pilgern? Mehrere Wochen freier Zeit wären doch ein kostbares Potenzial, das man für viele „nützliche“ Dinge verwenden könnte. Dagegen erscheint es in der Logik des gewöhnlichen, praktischen Lebens vollkommen sinnlos, einen Weg zu Fuß zu gehen, dessen Ziel man mit modernen Verkehrsmitteln in kurzer Zeit, ja in wenigen Stunden erreichen könnte.

Ausbruch aus der Logik des Alltags

Aber es ist gerade dieser Ausbruch aus der abgezweckten Logik des Alltags, der die besondere Attraktivität des Pilgerns und letztlich dessen Wesen ausmacht. So machen sich manche auf den Weg, weil sie ihr Alltagsleben als eine Last empfinden und einen höheren, erfüllenden Sinn darin vermissen. Andere haben eine schwere Lebenskrise und suchen nach Auswegen, die sie in ihren aktuellen Lebensumständen nicht finden können. Es entsteht der Wunsch, eine gewisse Zeitspanne bewusst herauszusetzen aus den festgefahrenen, über die Jahre eingespielten Verhältnissen. Vielleicht, so die Hoffnung, eröffnet eine solche Auszeit ja neue Einsichten oder Ausblicke.

Der Verfasser pilgerte im Sommer dieses Jahres auf der Via Francigena (Frankenweg) von Lausanne nach Rom. Diese uralte Pilgerstrecke, die eigentlich in Canterbury beginnt, führte ihn den Genfer See entlang, dann durch die Walliser Alpen über den Großen Sankt-Bernhard-Pass, von dort durch sechs italienische Regionen bis nach Rom. Auf den 53 Tagesetappen und insgesamt 1 000 Kilometern konnte er den tieferen Sinn des Pilgerns am eigenen Leibe erfahren.

Wunsch nach Begegnung

Auch wenn das Pilgern eine herausgesetzte Zeit ist, bleibt der weltliche Sinn natürlich nie ganz draußen. Wir bringen unsere Persönlichkeit ja mit und leben sie nur in anderen, reduzierten Verhältnissen weiter. So kann man sogenannten Rennpilgern begegnen, die zwei oder drei Tagesetappen auf einmal nehmen, also mit besonderem sportlichem Eifer an die Sache gehen. Dann gibt es Touristenpilger, die noch jedem kleinen Mäuerchen aus der Römerzeit hinterherjagen und das Gefühl genießen, sich zu sagen: Auch dort bin ich gewesen. Andere sammeln mit Leidenschaft Pilgerstempel – wie sie als Kinder Fußballbilder gesammelt haben. Auch der Wunsch nach Begegnung mit anderen Menschen spielt eine Rolle, umso mehr seitdem das Pilgern zum Massenphänomen geworden ist. Es sind Motive wie die Wanderlust, die Liebe zur Natur, die Freude an körperlicher Beanspruchung und das Fernweh, die manche auf den Pilgerweg bringen.

Und es stimmt ja: all dies sind auch Komponenten des Pilgerns. Aber eben nicht sein Wesen. Der Pilger ist peregrinus, wörtlich: ein Fremder – und dies nicht nur in dem oberflächlichen Sinne, dass er nun einmal durch ein fremdes Land wandert, sondern auch, weil er für einige Zeit seine Heimat aufgibt, das ganze Nest aus Gewohnheiten und Abläufen, in denen er sich in seinem Leben eingehaust hat. Im Vergleich zum Einheimischen, der sein Heimatland von Jugend auf kennt, ist der Fremde, der es durchwandert, wie ein Kind: Alles, was ihm begegnet, ist neu und frisch, alles interessiert ihn, alles beeindruckt ihn stark. Die dem Pilgern eigentümliche Sehnsucht nach der Fremde wurzelt letztlich in der Sphäre des Religiösen – auch wenn das manch heutigem Pilger nicht mehr bewusst ist. In der Sprache der Religion werden die Urgründe dieses Bedürfnisses mit zwei Begriffen umrissen: des Heiligen und des Opfers.

Sehnsucht nach dem Heiligen

Das Heilige (lateinisch sacer, griechisch hagios, hebräisch kadosch) ist in seinem Wortsinn das Herausgesetzte (wie die Kirche ecclesia ist, wörtlich: die Herausgerufene), und es ist eben dieser Ausbruch aus der rein weltlichen Logik der Dinge gemeint. Bewusst oder unbewusst ist es die Sehnsucht nach dem Heiligen in diesem Sinne, die den Menschen zum Unternehmen einer Pilgerreise antreibt. Auch jede Gebetszeit und jeder Gottesdienst ist eine solche herausgesetzte Zeit.

Ein Opfer leistet der Pilger, indem er sich aus der Vertrautheit der gewohnten Verhältnisse herauslöst. Er verzichtet auf den Komfort und die relative Geborgenheit, die die gegebenen Verhältnisse ihm bringen, aber auch auf Lebensplanungen und Vorsätze für die nähere Zukunft, um sich auf einen beschwerlichen Weg zu machen. Er macht sich leer – sogar von der Erwartung, diese Leere möge auf dem Weg durch etwas Neues, Spektakuläres gefüllt werden, etwa durch irgendeine großartige neue Selbsterfahrung oder Offenbarung.

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Die religiöse Dimension des Vorhabens

Der Pilger hat es nicht in der Hand, was aus seiner Unternehmung wird. Was er aus eigenem Entschluss nur tun kann, ist: sich auf den Weg zu machen und die Alltagssphäre hinter sich zu lassen. Es käme nun darauf an, sich auf die religiöse Dimension seines Vorhabens einzulassen. Wirklich beglückend wäre die Einsicht, dass es nicht wieder nur um eine weitere Selbstoptimierung geht, um den Erwerb einer neuen Kompetenz. Es geht nicht immer nur um mich. Im Gegenteil: das ewige Ich! Ich! Ich! soll für einige Zeit zum Schweigen gebracht werden. Viel hilfreicher wäre es, das Pilgern als Opfer zu begreifen, mit dem eigenen Weg gleichsam „den Weg des Herrn zu bereiten”, die selbst geschaffene Leere von Gott her erfüllen zu lassen. So könnte die durch Umkehrbereitschaft geschaffene Leere segensreiche Früchte bringen.

Hoffnung und Disziplin sind die Freunde des Pilgers

Wie kann diese Leere angebahnt werden? Unter anderem durch Reduktion auf das Nötigste, das Elementare, durch ein Minimum an Gepäck (in jedem Sinne). Auch durch Geduld – scheint doch die am Tag genommene kleine Etappe den langen Weg bis zum Ziel kaum zu verkleinern; das Ziel kann eben nicht leicht und schnell erreicht werden. Die Hoffnung auf das Ziel will täglich genährt werden. Die Disziplin ist gefordert, sich jeden Tag neu auf den Weg zu machen und die wenigen verbleibenden Notwendigkeiten – Wo finde ich Nahrung und Unterkunft? – dem großen Entschluss zu unterstellen. Schließlich helfen auch die Einsamkeit und die Stille auf dem Weg – der Verzicht auf das sonst herrschende ständige Gerede. Hat der Psalmist nicht recht, wenn er sagt: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“ (Psalm 90,9)?

Die Teilnahme am kultischen Leben erinnert den Pilger immer wieder an die Herausgehobenheit seines Weges. Das gemeinsame Stundengebet mit den Mönchen oder Nonnen, die ihn beherbergen, das Gebet in den zahllosen Kirchen, die ihm unterwegs begegnen, der Besuch der heiligen Messe, die Segnungen, die ihm angeboten werden – all das bietet ihm die Möglichkeit, seinen Glauben zu verlebendigen und sich für Gott zu öffnen.

Der Weg ist nicht das Ziel

Und immer wieder steht das Ziel vor Augen. Der Weg ist nicht das Ziel, wie es ein verbreiteter Gemeinplatz zu Unrecht behauptet! Kein Weg wird gebaut, der nicht auf ein Ziel hinführt. Die besondere Kraft, die dem Zustand des Unterwegs-Seins anzuhaften scheint, wird in Wahrheit vom Ziel her gespeist, nämlich durch den Wunsch und die Hoffnung, das Ziel zu erreichen.

Doch letztlich ist der Pilgerweg mitsamt seinem Ziel nur eine bildhafte Vergegenwärtigung des großen Pilgerwegs, an dessen Ende nicht Santiago oder Rom stehen, sondern — das Himmlische Jerusalem. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebräerbrief 13,14)

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Rüdiger Plantiko Heilige Pilger Pilgerwege Selbsterfahrung

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