Reise und Lebensart

Steinerne Zeugen des Glaubens

Die jüngste Leserreise der „Tagespost“ führte die Teilnehmer nach England – zu den Glanzpunkten zählten die großartigen Kathedralen in Winchester, Salisbury und Wells. Von Regina Rakow
„Tagespost“-Gäste auf der Rückseite des Chors der Kathedrale von Ely.
Foto: Anja Stichnoth | Die „Tagespost“-Gäste auf der Rückseite des Chors der Kathedrale von Ely.

Und Pilger ziehn nach manchem fremden Strande, zu fernen Heil'gen, die berühmt im Lande; in England aber scheint von allen Enden nach Canterbury sich ihr Zug zu wenden.“ Wie die bunt gemischte Pilgerschar, die der englische Dichter Geoffrey Chaucer in seinen Ende des 14. Jahrhunderts entstandenen Canterbury Tales beschreibt, besuchten auch die 37 Leserinnen und Leser der „Tagespost“ bei ihrer Leserreise „Englische Kathedralen“, geistlich geleitet von Prälat Günter Putz, Herausgeber der „Tagespost“, jenen denkwürdigen Ort in der Kathedrale, wo der Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, am 29. Dezember 1170 ermordet wurde. Die frevelhafte Tat erregte großes Aufsehen in ganz Europa und schon bald zogen zahlreiche Pilger zum Grab des Heiligen. Nur die weitläufige normannische Krypta blieb aus dieser Zeit erhalten. An der Stelle des prächtigen Reliquienschreins, den 1512 Erasmus von Rotterdam noch im Chor der Kirche bewundern konnte, steht heute eine einsame Kerze. Der folgenreiche Konflikt zwischen dem englischen König Heinrich VIII. und Papst Clemens VII. brachte mit der 1538 erfolgten Zerstörung des Märtyrergrabes auch das jähe Ende der blühenden Wallfahrt. Da der Papst die von Heinrich VIII. geforderte Auflösung seiner Ehe mit Katharina von Aragon ablehnte, betrieb der König ab 1527 die Loslösung der englischen Kirche von Rom. Mit der 1534 vom englischen Parlament erlassenen Suprematsakte wurde Heinrich VIII. zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche erklärt. Wer sich weigerte, den Anerkennungseid zu leisten, wurde, wie der Lordkanzler Thomas Morus, hingerichtet. In der Folgezeit ließ der König nicht nur über 800 Klöster auflösen, sondern auch Pilgerstätten und Heiligenschreine vernichten. Katholiken mussten fortan in England ein Schattendasein führen, erst im 19. Jahrhundert wurde ihnen Religionsfreiheit und der Bau eigener Kirchen zugestanden. Auch die Kirche St. Thomas of Canterbury geht auf diese Zeit zurück. Die Pfarrgemeinde bewahrt stolz eine Fingerreliquie des heiligen Thomas Becket, die während der Messfeier für die Teilnehmer der Pilgerreise der „Tagespost“ auf dem Altar ausgestellt wurde. Auch ein Messgewand des 1980 ermordeten Erzbischofs von San Salvador, Óscar Romero, der am 14. Oktober 2018 in Rom heiliggesprochen wird, wurde der Gemeinde als Geschenk übereignet.

Die erste Station der Reise führte die Gäste der „Tagespost“ auf ihrem Weg durch die Grafschaft Kent, die auch „Garten Englands“ genannt wird, zu der kleinen Dorfkirche in Tudely, die Marc Chagall zwischen 1967 und 1977 mit Glasfenstern ausstattete, deren intensive Blau- und Gelbtöne an diesem sonnigen Tag besonders gut zur Geltung kamen. Ein Ort der Ruhe und Besinnung ist auch Minster Abbey, dessen klösterliche Wurzeln bis in die angelsächsische Zeit zurückreichen. Nachdem sich König Ethelbert von Kent im Jahre 597 von Augustinus von Canterbury taufen ließ, entstanden in rascher Folge Bischofssitze und Klöster in ganz Britannien. Mit der Auflösung des Klosters 1538 wurde die Kirche abgerissen und die restlichen Bauten veräußert. 1937 bot sich der Benediktinerinnenabtei Sankt Walburg in Eichstätt die Möglichkeit, die historischen Klostergebäude zu erwerben und eine neue Kirche zu bauen. Heute leben 13 Schwestern aus acht Nationen im Kloster.

Zu den Glanzpunkten der Reise zählten die großartigen Kathedralen in Winchester, Salisbury und Wells. In Winchester, Englands alter Hauptstadt, wirkte im 9. Jahrhundert der heilige Swithun, dessen Grab im Mittelalter ebenfalls eine wichtige Pilgerstätte war. Die unter Wasser stehende normannische Krypta erinnert an den mutigen Taucher William Walker, der zwischen 1906 und 1911 durch die Untermauerung der Fundamente mit Beton die Kathedrale vor dem drohenden Einsturz bewahrte. Das Grab der englischen Schriftstellerin Jane Austen, die 1817 in Winchester starb, ist in der Kathedrale zu sehen.

Schon von weitem grüßt der 123 Meter hohe Vierungsturm der Kathedrale von Salisbury, die ihre majestätische Erscheinung Bischof Richard Poore verdankt, der im Jahre 1220 aus der Enge der uralten Hügelfestung Old Sarum flüchtete, um auf einer grünen Wiese nahe des Flusses Avon eine neue Kirche errichten zu lassen. Umgeben von einem weitläufigen Kathedralbezirk, der in England Close genannt wird, wurde sie nach nur 38 Jahren Bauzeit fertiggestellt und zählt zu den schönsten und reinsten Beispielen des Early English Style.

Wells, in der grünen Grafschaft Somerset gelegen, ist die kleinste Bischofsstadt Englands. Ihre Kathedrale fasziniert durch die Einzigartigkeit der Architektur. Der Blick im Innern richtet sich auf die unvergleichlichen monumentalen Scherenbögen.

Eine Englandreise ohne Gärten oder Herrenhäuser ist kaum vorstellbar. Gerade der um einen See angelegte Garten von Stourhead gilt mit seinen Brücken, Tempelbauten und Grotten als Inbegriff englischer Gartenkunst des 18. Jahrhunderts und begeistert die Besucher in dieser Jahreszeit mit der Farbenpracht der blühenden Rhododendren. Burghley House, das sich seit über 450 Jahren im Besitz der Familie Cecil befindet, gehört zu den prächtigsten Anwesen der Tudorzeit. Typisch englisch war auch der Regen, der die Besichtigung von Stonehenge, der 5 000 Jahre alten Kultstätte, die mit ihren Steinblöcken bis heute Rätsel aufgibt, begleitete. Britische Teetradition erlebten die Gäste beim klassischen Afternoon Tea im gediegenen Herrenhaus von Washingborough Hall.

Am 30. Mai 1982 besuchte Papst Johannes Paul II. im Rahmen einer sechstägigen Pastoralreise auch die Stadt Coventry, die 1940 Opfer deutscher Luftangriffe wurde und seither für Frieden und Versöhnung steht. Der von ihm benutzte Priesterstuhl wird heute in der 1968 in einer Vorortsiedlung gebauten Kirche des heiligen Thomas Morus bewahrt, wo der Pilgergruppe der „Tagespost“ ein freundlicher Empfang bereitet wurde. Im Zentrum der Stadt liegen Zerstörung und Wiederaufbau nah beieinander. Eindrucksvoll erhebt sich neben der ausgebrannten Ruine der spätgotischen Kathedrale ein moderner Kirchenbau mit farbenreichen Glasfenstern und einem riesigen grünen Wandteppich, der Christus in der Glorie zeigt. Aus Zimmermannsnägeln, die man in der Kirchenruine gefunden hatte, entstand das auf dem Altar aufgestellte schlichte Nagelkreuz, das als Versöhnungssymbol der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft dient.

Die Eroberung Englands durch den normannischen Herzog Wilhelm im Jahre 1066 löste eine Neuordnung der Diözesen und die Verlagerung der Bischofssitze in die Städte aus, wo eine rege Bautätigkeit entfaltet wurde. Zu den Juwelen normannischer Baukunst zählt neben der Abteikirche vom Romsey auch die Kathedrale von Peterborough mit ihrer aus dem 13. Jahrhundert stammenden bemalten Holzdecke. Weg vom Trubel der Stadt führt ein mittelalterliches Tor vor die hochaufragende gotische Schaufassade der Kirche, in der Katharina von Aragon ihre letzte Ruhestätte fand.

Mitten in den Fens, einem ehemaligen Sumpfgebiet in East Anglia, liegt das historische Marktstädtchen Ely, das auf ein von der Königstochter Etheldreda im Jahre 673 gegründetes Kloster zurückgeht. Eine Handreliquie der angelsächsischen Heiligen befindet sich heute in der kleinen katholischen Kirche, die ihren Namen trägt. Zur sonntäglichen Messfeier wurden die Gäste der „Tagespost“ von Father John, der seine Ferien oft in Bayern verbringt, auf Deutsch begrüßt. Die nach und nach eintreffenden Gemeindemitglieder wunderten sich über die große Zahl der Konzelebranten und erfreuten sich am Orgelspiel eines „Tagespost“-Gastes. Die in normannischer Zeit begonnene Kathedrale von Ely erlebte mit dem Einsturz des Vierungsturmes im Jahre 1322 ihre dunkelste Stunde, doch führte ein kühner Plan zum Bau eines gewaltigen Oktogons, das mit seiner aufwändigen und komplizierten Holzkonstruktion einmalig in der englischen Kirchenbaukunst ist.

Schon von weitem waren die drei Türme der mächtigen Kathedrale von Lincoln zu sehen. Unter Bischof Hugo von Lincoln, dem ersten Heiligen des Kartäuserordens, wurde 1186 mit einem stattlichen Neubau begonnen, dessen Vollendung sich noch bis in das 14. Jahrhundert hinzog. Aus dieser Zeit stammt das „Auge des Bischofs“, ein kunstvolles Maßwerkfenster, das dem Perpendicular Style, der englischen Spätgotik, zuzurechnen ist. Beim Spaziergang auf der Ringmauer des benachbarten Lincoln Castle kam auch die prächtige Schaufassade der Kathedrale zur Geltung. Viele Gemeindemitglieder kamen in die 1893 gebaute Kirche St. Hugh of Lincoln, um gemeinsam mit den Gästen der „Tagespost“ die Heilige Messe zu feiern und sie anschließend mit Tee, Kaffee und Gebäck zu versorgen. Father Matthew erzählte dabei, dass rund 700 Menschen, die aus der ganzen Welt stammen, zu seiner Gemeinde gehören.

Der letzte Besuch galt der nordenglischen Stadt York, die wie Canterbury auf eine lange kirchliche Tradition zurückblickt. Das gewaltige York Minster zählt nicht nur zu den größten gotischen Bauwerken Europas, sondern begeistert auch mit seinen zahlreichen mittelalterlichen Glasfenstern. Prälat Putz, der in seinen Betrachtungen und Predigten die Kathedralen als steinerne Zeugen des Glaubens und ihre vielfältige Symbolsprache in den Mittelpunkt stellte, verabschiedete die Pilgergruppe mit den Johann Wolfgang von Goethe zugeschriebenen Worten „Europa ist auf der Pilgerschaft geboren und das Christentum ist seine Muttersprache“.

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