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Hambacher Forst: Ein Kreuzweg auf die Abraumhalde

Im Hambacher Forst findet in unmittelbarer Nähe zum Braunkohletagebau alljährlich eine ökumenische Karfreitagsprozession statt. Unser Autor war einmal dabei.
Braunkohletagebau Hambach
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Hügel und Täler von Menschenhand: Ein ökumenischer Kreuzweg führt die Gläubigen auf die Sophienhöhe, die als Abraumhalde des Braunkohletagebaus Hambach entstand.

Es ist ein buntes Häuflein, das bei bestem Frühlingswetter an der Grillhütte des Dorfes Stetternich bei Jülich zusammenkommt. Überall stehen größere und kleinere Gruppen zusammen, immer neue Wanderer mit dem passenden Schuhwerk, leichten Anoraks und Wanderstöcken finden sich ein, ein allgemeines Hallo und Willkommen-Heißen erfüllt den Platz. „Wie jeht et dich? Schönn Wäer hüüt“ („Wie geht es dir? Schönes Wetter heute“), tönt es hier und da. Was nach einem Wandertreff aussieht, ist in Wirklichkeit der Start zum ökumenischen Kreuzweg auf der Sophienhöhe, der alljährlich vom Arbeitskreis „Kirche in Jülich“ veranstaltet wird und schon eine große Tradition hat: Zwischen 250 und 400 Menschen nehmen alljährlich an ihm teil. „Mensch, wo bist du?“ Dieser Frage und diesem Anruf Gottes wollen sich die Teilnehmer diesmal stellen und dabei eine Standortbestimmung vornehmen.

Der Ort, an dem dieser Kreuzweg alljährlich stattfindet, ist zu einer gewissen Berühmtheit gelangt: Die Sophienhöhe ist eine durch den Abbau von Braunkohle entstandene rekultivierte Abraumhalde; ihr größter Teil gehört zu dem, was nach dem Tagebau vom einst großen Hambacher Forst übriggeblieben ist. Sechs Kilometer von der Kleinstadt Jülich (Rheinland) gelegen, überragt der Höhenzug die fruchtbare Jülicher Börde und die flache Umgebung. Längst ist die Sophienhöhe, mit deren Rekultivierung 1988 begonnen wurde, zu einem beliebten Naherholungsgebiet geworden. Der „Monte Sophia“, wie er auch heißt, ist zu 90 Prozent bewaldet und forstlich bewirtschaftet, und ein großes Netz von Wanderwegen erstreckt sich über insgesamt 70 Kilometer und steht teilweise auch Radfahrern und Reitern offen.

40 Jahre Tradition

Die Karfreitagsprozession auf die Sophienhöhe hat eine bewegte Geschichte: Pfarrer Josef Jansen von der damaligen Pfarrgemeinde St. Rochus in Jülich organisierte im Geist der Friedensbewegung und als Protest gegen die Umweltzerstörung am Karfreitag 1983 eine Prozession zum Gipfelkreuz, an der sich bereits damals 150 Gläubige beteiligten. Daraufhin wurden für die Prozessionen fünf Haltepunkte beziehungsweise Stationen errichtet, und man trug bei den Veranstaltungen ein Holzkreuz bis nach oben zum Gipfel. Von Jahr zu Jahr stieg die Teilnehmerzahl, und die religiösen Themen traten stärker in den Vordergrund. Im Jahr 2002 kamen die Kinder der vierten Klasse der Katholischen Grundschule Hambach auf die Idee, einen Kreuzweg auf der Sophienhöhe zu gestalten. Sie entwickelten mithilfe von Scherenschnitten die Vorlagen für Metallfiguren, die an großen Findlingen aus dem nahe gelegenen Tagebau befestigt wurden. Am 10. Oktober 2002 konnte Pfarrer Rick van den Berg den Kreuzweg unter großer Anteilnahme der Bevölkerung einweihen. Neben dem ökumenischen Kreuzweg haben es längst auch der Kreuzweg der Jugend und der Familienkreuzweg zu einer Tradition am Karfreitag gebracht.

An diesem Karfreitag ist es bereits früh warm. Als das Startzeichen gegeben wird, setzt der Prozessionszug sich langsam in Bewegung und zieht durch lichten Laubwald hinter dem Holzkreuz her. Noch ist der Weg vergleichsweise flach, und die Anstrengung hält sich auch für die älteren Pilger in Grenzen. Auf einem größeren Platz wird zum ersten Mal Station gemacht, und die Frauen aus dem Jülicher Ortsteil Koslar treten vor und erläutern das Misereor-Hungertuch: Ein schwebender goldener Ring – Gold steht symbolisch für Gottes Herrlichkeit, der Ring für Himmel und Unendlichkeit – dominiert im unendlichen Blau von Himmel und Wasser. Die Erde ist als Merkmal für die Vergangenheit in Brauntönen gehalten. „An dem unfertigen Haus, das Sie hier unten sehen, müssen wir alle bauen“, betonen die Koslarer Frauen. „Gott fordert uns zum Innehalten und zur Umkehr auf.“ „Mensch, wo bist du?“ – das sei die Frage, die Gott dem Schöpfungsbericht zufolge einst an Adam gestellt habe, heben die Frauen hervor. Heute richte sie sich ganz aktuell auch an uns.

Am Horizont das Licht der Auferstehung

Weiter geht es, und allmählich führt der Weg im Zickzack stärker bergauf, wird anstrengender. Stellvertretend für alle Kinder, die an diesem ökumenischen Kreuzweg teilnehmen, gestaltet eine Gruppe von Kommunionkindern die zweite Station, die unter dem Titel „Bei den Erschöpften“ steht. Sabine Thiel von der Jülicher Gemeinde St. Franz Sales stimmt die Kommunionkinder auf die Kreuzwegstation „Jesus nimmt das Kreuz auf sich und fällt unter dem Kreuz“ ein, lässt sie das Holzkreuz umrunden und die Mädchen und Jungen das Gefühl nachempfinden, als würde das schwere Kreuz auf ihre Schultern drücken und ihnen Schmerzen bereiten. Schließlich kauern sich alle tief zusammen und schlagen die Hände vor das Gesicht. „So fühlt sich Jesus jetzt“, kommentiert Thiel. „Er fällt in den Staub der Erde und hat kein Gesicht.“ An das Kreuz heften die Kommunionkinder mithilfe der Erwachsenen das Stichwort „Bei den Erschöpften“ an. Für Familie, Kranke, Kinder und Freunde werden Fürbitten vorgetragen; der Dank der Kommunionkinder gilt den Eltern und Geschwistern, vor allem aber Jesus selbst, der „das schwere Kreuz getragen hat, weil er uns liebt“. Am Ende nehmen zwei Jungen und zwei Mädchen das Holzkreuz auf und tragen es quer durch die große Gruppe der Erwachsenen weiter zur nächsten Station. Immer steiler und anstrengender wird der serpentinenartige Weg jetzt, zumal die Temperaturen mittlerweile weiter auf knapp 20 Grad gestiegen sind.

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Immer freier und weiter wird aber auch der Blick auf die umliegende Landschaft der Jülicher Börde. Auch zu den nächsten Stationen tragen die Kinder das Kreuz und stellen es an den markanten Stations-Haltepunkten auf. An jeder Kreuzwegstation wird das alte Gebet „Wir rufen dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst“ angestimmt. Die Frauengemeinschaft St. Rochus trägt Bibelstellen, eigene Texte und Fürbitten zum Thema „Bei den Verurteilten“, die Freie evangelische Gemeinde Jülich zum Thema „Bei den Bloßgestellten“ vor. Schließlich strebt die Prozession dem Gipfelkreuz zu, um das alle sich in einem großen Kreis versammeln. „Wir stehen heute noch unter dem Kreuz und erleben die Passion Jesu intensiv mit“, sagt Pfarrvikar Konny Keutmann von der katholischen Pfarrei Heilig Geist in Jülich. „Aber wir erahnen bereits den Ostermorgen und sehen am Horizont das Licht der Auferstehung.“


Nach Jahren, in denen der ökumenische Kreuzweg am Karfreitag nicht oder nur mit Einschränkungen abgehalten werden konnte, wird er in diesem Jahr ohne alle Auflagen stattfinden. Inhaltlich wird das Leitwort der diesjährigen Misereor-Fastenaktion „Interessiert mich die Bohne“ im Mittelpunkt stehen, das den Blick auf die Landwirtschaft und den Umgang mit der Schöpfung richtet. Anstelle von Desinteresse für die armen Länder möchte der ökumenische Kreuzweg genau hinschauen und die Nöte und Bedürfnisse aller Menschen zur Kenntnis nehmen und thematisieren. Darum werden auf den Stationen beispielhaft die Erfahrungen der ländlichen Bevölkerung Kolumbiens vorgetragen, die zu einer nachhaltigen Landwirtschaft umgeschwenkt ist. 

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Gerd Felder Jesus Christus Pfarrer und Pastoren

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