Sardinien

Golf von Oristano: Wilder Südwesten Sardiniens

Der Golf von Oristano im wenig bekannten Südwesten Sardiniens lockt mit karibischem Flair, archäologischen Ausgrabungen punischen Ursprungs und der ältesten Kirche der Insel.
San Giovanni di Sinis ist das älteste christliche Bauwerk der Mittelmeerinsel.
Foto: Imago Images / UIG | San Giovanni di Sinis ist das älteste christliche Bauwerk der Mittelmeerinsel.

„Der unterirdische Tempel oder Hypogäum von Santa Cristina in West-Mittel-Sardinien befindet sich im Inneren des 14 Hektar großen Archäologieparks...“ Eine Hörstation am Brunnenheiligtum von Paulilatino vermittelt dem Besucher alle wichtigen Informationen in deutscher Sprache. Der Parco Archeologico Santa Cristina liegt in der Provinz Oristano. Etwa vier Kilometer von der Gemeinde Paulilatino entfernt erwarten die Besucher gleich drei kulturhistorische Highlights: Eine spätbronzezeitliche Siedlung der Nuraghen Periode (1200 bis 1100 vor Christus), der unterirdische Tempel mit dem heiligen Brunnen sowie ein christliches Dorf mit Kirche und Pilgerhütten aus dem 12. Jahrhundert. Das Brunnenheiligtum in Form eines Schlüssellochs führt die Besucher auf 25 Stufen in die Tiefe. Die Wände sind aus Basaltquadern gebildet. Der Brunnenraum hat die Form eines Kegelstumpfes. An seiner Spitze befindet sich ein kreisrundes Loch, wo je nach Tageszeit und Monat das Sonnen- oder Mondlicht einfallen kann. Der unterirdische Tempel war ein Wasserkultplatz mit Quellheiligtum.

Sardinien – auf Italienisch die Regione Autonoma della Sardegna - ist nach Sizilien die zweitgrößte Insel Italiens und des Mittelmeers. Die Nord-Süd-Ausdehnung der Insel beträgt 270 km, die Ost-West-Ausdehnung zirka 145 km. Eine Küstenlänge von über 1800 Kilometern lockt jährlich tausende Urlauber auch aus deutschsprachigen Ländern an. Viele zieht es in den Norden, mit seinen bekannten Stränden, wie der Costa Smeralda. Eine kleine Rundreise durch den Südwesten der Insel bringt einen erstaunlichen kulturellen Reichtum zum Vorschein. Sardinien gilt daneben auch als Naturreservat, in dem tausende seltener Tier- und Pflanzenarten unter Schutz gestellt sind.

Ein traumhafter „Reiskornstrand“

„Hier am traumhaften Reiskornstrand von Is Arutas konnten wir mit dem Wohnmobil direkt am Meer übernachten“, berichtet Andre Stier. Er kommt mit seiner Familie aus Kiel und ist schon zum 14. Mal auf Sardinien. Er weiß also, wo es die schönsten Strände gibt. „Diesen Reiskornstrand gibt es nur hier und das Wasser funkelt wie in der Karibik“, schwärmt Andre. Nur mitnehmen nach Deutschland sollte man die Steinchen nicht. Wer erwischt wird, zahlt saftige Strafen. Andre hat noch weitere Tipps: „Besucht in der Nähe den Binnensee. Da sind Flamingos zu beobachten, die auch ab und zu mal übers Meer fliegen“. Er mag den wilden Südwesten und diesen Teil der Küste, „mit den traumhaften Sonnenuntergängen“. Aber nicht nur die Natur mit ihrer Flora und Fauna empfiehlt Stier. „Fahrt unbedingt nach Tharros. Da gibt es am Meer eine großartige archäologische Ausgrabungsstätte“.

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Also auf zur Halbinsel Sinis

und seinem Capo San Marco mit den bedeutenden, antiken Ruinen. Tharros war einst eine reiche Handelskolonie und wurde um das zehnte Jahrhundert vor Christus gegründet. Noch heute können hier Reste punischer Tempel, Thermen und Zisternen bestaunt werden. Noch immer sind Archäologen mit Ausgrabungen beschäftigt. Seit vielen Jahren sichert und gräbt Professorin Fariselli an den Grundmauern eines Wohnhauses unweit einer Nekropole. Sie kommt von der Universität Bologna und ist mit einer Gruppe von Studenten mit der Dokumentation und den Ausgrabungen von der staatlichen Kulturbehörde betraut worden.

Bevor wir die Landzunge verlassen, um einen Stadtbummel in Oristano zu machen, schauen wir noch auf ihre Empfehlung hin in die Kirche San Giovanni di Sinis rein. Ihr ältester Teil ist ein byzantinischer Zentralbau mit Kuppel aus dem 5. Jahrhundert. Das kleine massive Gotteshaus soll das älteste christliche Bauwerk Sardiniens sein. Der größte Teil der sardischen Bevölkerung gehört der römisch-katholischen Kirche an und die Heiligen Messen in den Kirchen sind stets gut besucht.

Historischer Turm nach Christophorus benannt

Einen guten Blick auf Oristano hat man vom historischen Turm an der Porto di San Cristoforo. Der Turm war einst Teil der befestigten Stadtmauer der heutigen Provinzhauptstadt, die im 11. Jahrhundert gegründet wurde. Hier bekommen wir vom Historiker Signore Ludgo eine fundierte Einführung zur Stadtgeschichte. Er erklärt uns die Verteidigungsanlagen der Stadt. Zu dieser gehörte der 32 Meter hohe Turm, der in den vergangenen Jahrhunderten öfters seinen Namen wechselte. Man benannte ihn nach dem Heiligen Christophorus, der nach katholischer Legende bis heute die Reisenden beschützen soll. Im Jahre 1290 war er noch Brückenturm, weil der Tirso hier entlangfloss. Der Tirso ist mit 150 Kilometern Länge der längste Fluss auf Sardinien. Er mündet im Golf von Oristano ins Meer. Sein Wasser sorgte regelmäßig für Überschwemmungen. Heute ist die Fläche trockengelegt und es gibt hier eine fruchtbare Ebene mit guten Erträgen für die Bauern.

Von der obersten Etage des Sandsteinturmes hat man einen schönen Rundblick auf die Altstadt mit ihren 30 000 Einwohnern. Oristano ist ein wichtiges Zentrum von Gebrauchskeramiken auf Sardinien. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind das jährliche Pferdeturnier zum Fasching und die feierlichen Prozessionen zur Karwoche.

Das Zentrum mit seinen historischen Palazzi ist ebenso sehenswert wie das Museum Antiquarium Arborense. Hier bestaunen Besucher archäologische Fundstücke wie Amphoren, Öllampen oder Terrakottafiguren zum Beispiel aus Tharros. Zudem gibt es eine kleine Pinakothek sowie eine beeindruckende Sammlung von Gemmen aus Onyx, Achat oder Saphir.

Verehrtes Nikodemus-Kruzifix

Im Inneren der Kirche San Francesco wird das Nikodemus-Kruzifix, eine lebensgroße Darstellung des Gekreuzigten aus dem 15. Jahrhundert verehrt. Für Kunsthistoriker ist es das bedeutendste Werk der gotischen Plastik auf Sardinien. Auch der gotische Dom mit seinem Domschatz lohnt einen Besuch. Von seinen Ausmaßen ist die Kathedrale das größte Gotteshaus auf Sardinien, wie Signore Ludgo beteuert. Zum Abschied schwärmt Ludgo vom Südwesten Sardiniens, auch weil es hier noch normale Preise für Einheimische und Touristen gibt: „Im Norden an der Costa Smeralda kostet ein Cappuccino zehn Euro. Hier bekommt man ihn noch für einen Euro fünfzig. Kein Wunder, denn im Norden Sardiniens wohnen die ganzen Millionäre“, sagte Signore Ludgo lachend.

Wenig Radtourismus in Sardinien

„Ich bin Reiseleiter und wir sind mit dem Fahrrad die gesamte Woche unterwegs gewesen und haben den Südwesten Sardiniens erkundet“, erklärt Michele Cattani. Der gebürtige Südtiroler aus dem Pustatal kennt sich auf der Mittelmeerinsel sehr gut aus. Radtourismus und Fahrradwege auf Sardinien sind noch rar: „Es gibt nicht so viele, deshalb ist es umso wichtiger, dass die Touren sehr gut ausgearbeitet werden, um möglichst sicher und angenehm zu radeln.“ Mit seinen geführten Ausflügen möchte Cattani den Touristen einerseits die atemberaubende Landschaft zeigen, ihnen anderseits die Kultur sowie Ethnologie der Insel nahebringen und sie auch zu kulinarischen Höhepunkten verführen. „Ideal ist es mit dem Wohnmobil und den Fahrrädern hinten drauf. Das ist die beste Art zu reisen“, so sein Fazit.

Den Südwesten Sardiniens empfiehlt Michele Cattani besonders im Frühjahr oder Herbst zu erkunden, „weil es touristisch nicht so stark erschlossen ist. Zudem gibt es die tollen Aussichten von den Küstenstraßen, die zu diesen Jahreszeiten weniger befahren sind. Im Sommer ist es einfach zu heiß und da muss man mit relativ viel Verkehr rechnen“, ist sein Rat zum Abschied.

 

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