Fontevraud

Fontevraud: Alte Abtei mit neuem Leben

Zwischen Gefängnis und Kulturzentrum bietet die Klosteranlage Fontevraud in Frankreichs Westen eine reiche Geschichte.
Basilika von Fontevraud
Foto: fotolia.de | Fontevraud erstreckt sich über 14 Hektar und ist ein architektonisches Gesamtkunstwerk hinter schützenden Mauern mit wechselvoller Geschichte.

Ein eigenartiges Gefühl, am frühen Morgen, ein leichter Bodennebel liegt noch auf den Rasenflächen, allein durch Europas größte Klosteranlage zu gehen: Fontevraud erstreckt sich über 14 Hektar, ist ein architektonisches Gesamtkunstwerk hinter schützenden Mauern mit wechselvoller Geschichte; zu der gehören Mönche und Nonnen, Herrscher und Häftlinge. Wegen der Corona-Pandemie war das „monument historique“ bis Ende Mai und das Hotel bis 4. Juni geschlossen. Seither versucht man mit Abstandsregeln, Hygiene-Konzept und Masken die „Serenität“ dieses Ortes der Ruhe sichern.

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Zwei Stunden später zeigt Olivier Chable, dass die alte Abtei Fontevraud zu neuem Leben erwacht ist: Er führt seine Gäste auf den höchsten Hügel. Dort stehen 13 der 40 Bienenstöcke. Davor ausgedehnte Gärten und die langgestreckten Bauten Fontevrauds, unweit von Saumur und Loire, gegründet im fernen Jahr 1101. Robert d'Arbrissel schuf im Tal unweit der Loire eine „ideale Stadt“, wo in drei Klöstern Männer und Frauen aller Stände und Herkunft lebten.

Doch bevor in Fontevraud Bio-Tomaten reifen, Ruhe suchende Großstadtmenschen entspannen und spirituell suchende Besucher über das Gelände streifen konnten, musste Napoleons Erbe getilgt werden. Der Kaiser hatte Fontevraud 1804 zum Gefängnis gemacht. Eines der gefürchtetsten Gefängnisse Frankreichs, erst 1963 wird es geschlossen. 1975 beginnt mit der Öffnung von Fontevraud als Kulturzentrum der Region Pays de la Loire die Restaurierung.

Von der Leprastation zum modernen Hotel

Im hintersten Winkel der Anlage, in der einstigen Leprosenstation Saint-Lazare, gibt es seit 2013 das hochmoderne Fontevraud Hotel mit 54 Zimmern. Dort wirkt mit Thibaut Ruggeri, 2013 mit dem „Bocuse d'Or“ ausgezeichnet, ein junger Koch, der „Gutes mit dem Schönen“ verbinden will, dabei setzt er auf regionale Produkte und Rezepte. Serviert wird im kleinen Kreuzgang, man kann im Kapitelsaal frühstücken, im Kreuzgang dinieren und auf den Kräutergarten der Äbtissin blicken. Die Verbindung von alten Steinen und High-Tech mit Flachbildschirmen haben die Designer Patrick Jouin und Sanjit Manku am besten in der alten Kapelle gelöst.

Fontevraud wiederzubeleben war eine große Herausforderung. Das Ziel: Nicht nur restaurieren um des Restaurierens willen, sondern der riesigen Anlage wieder echtes Leben einhauchen. Noch wichtiger: dabei nachhaltige Entwicklung praktizieren. Diesen Anspruch des 21. Jahrhunderts, die Macher haben ihn erfüllt: Als erstes Historisches Monument und Touristenziel ist Fontevraud nach ISO 26 000 zertifiziert. Denn hier existieren biologischer Gemüsebau, Photovoltaik, Heizung mit Holz-Pellets, Verwertung von Bio-Abfällen, Bienenzucht und ökologische Weidenutzung nebeneinander – in einem Ensemble, in über acht Jahrhunderten gewachsen und an unterschiedliche Nutzungen angepasst.

Heute ist Fontevraud Kulturzentrum, beliebtes Touristenziel und Ort der Begegnung: Die Region Pays de la Loire gründet 1975 das „Centre Culturel de l'Ouest“, eine Gesellschaft, ihr Ziel: „Erhaltung, Entwicklung, Belebung und Bekanntmachung der Abtei von Fontevraud“. Für die Renaissance sorgen Konzerte und Kongresse, Kunsteinführungen, Kurse und Chorwochen. Multidisziplinäre Medienproduktion ist inzwischen dazugekommen. Außerdem steht seit dem Jahre 2000 Fontevraud mit dem Loire-Tal auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco.

Hier wird Geschichte lebendig

Wenn Olivier Chable seinen Gästen Fontevraud und seine vielfältigen Facetten nahebringen will, dann führt er sie zuerst durch die Gärten: Dort befinden sich viele Gebäude von früher vier unabhängigen Klöstern. Einst beherbergte Fontevraud in fünf Gebäudekomplexen gleichzeitig Mönche (Saint-Jean de l'Habit), Nonnen (Sainte-Marie), Leprakranke (Saint-Lazare), Kranke (Saint-Benoît) und „bekehrte Sünderinnen“ (Sainte Marie-Madeleine). Von der Fläche sind 200 000 Quadratmeter bewohnbar. Wenn Chable, geboren und aufgewachsen in Le Mans, erzählt, wie der wortgewaltige Adelige Robert d'Arbrissel von Papst Urban II. die Erlaubnis zur Gründung von Fontevraud erbat, dann wird Geschichte in den Klostermauern lebendig. Ebenso in der hellen romanischen Klosterkirche (1104–1150), in der die Gräber von Eleonore von Aquitanien, von den Königen Heinrich II. und Eleonores Sohn Richard Löwenherz belegen, dass sich das Geschlecht der Plantagenets hier im Loiretal, in der Mitte Frankreichs, äußerst wohlfühlte. Zudem hat die Lage an der Wegkreuzung der alten Grafschaften Anjou, Poitou und Touraine die Bedeutung von Fontevraud zu allen Zeiten gefördert.

Als Fontevraud zum Staatsgefängnis wurde, hatte das starke Eingriffe in die Bausubstanz zur Folge. So wurden in Fontevrauds Klosterkirche fünf Zwischenböden eingezogen, denn statt ursprünglich 1 000 Häftlingen mussten deren doppelt so viele hier leben – und arbeiten. Beim Rundgang erfährt man auch, dass die auf Konsolen aufgelegten heutigen byzantinisch-angevinischen Kuppeln der Kirche Rekonstruktionen sind – wieder hergestellt, nachdem 1963 beschlossen wurde, das Gefängnis zu schließen, die letzten Gefangenen gingen allerdings erst 1985. Beim Gang durch Kreuzgang, Kapitelsaal, Refektorium und andere Räumen wird aber auch deutlich, dass es offenbar Verwalter gab, die vorhandene, alte Kunstwerke schützten, denn sonst hätten die eindrucksvollen Bemalungen des Kapitelsaals die eineinhalb Jahrhunderte der Gefängnis-Epoche nicht so gut überstanden.

Für einen Besuch sollte man sich Zeit nehmen

Ein Besuch der weiträumigen Anlage dauert über eine Stunde, denn Kirche, Kreuzgang und die diversen Klostergebäude und Gärten wollen erforscht sein. Viele Episoden der Geschichte ranken sich darum. Besonders sehenswert ist die achteckige Küche, ein 27 Meter hoher Zentralbau mit fünf Absiden aus dem 12. Jahrhundert. Zur Blütezeit des Klosters wurden dort 500 Personen verköstigt. Derzeit wird der Küchenturm restauriert.

Der Ort Fontevraud, der sich ab Ende des 12. Jahrhunderts um das Kloster herum entwickelte, hat seinen dörflichen Charakter und die Pfarrkirche St. Michel erhalten und hat rund tausend Einwohner. 15 Kilometer sind es bis Saumur mit seinem Schloss und der berühmten Pferdeschule im Loiretal, 64 Kilometer ins kunstreiche Angers mit den Tapisserien der Apokalypse und 20 Kilometer nach Chinon mit seinem Schloss. Ein paar Kilometer entfernt, am Zusammenfluss von Loire und Vienne, liegt Candes-St. Martin, das mit seinem Nachbarort Montsoreau im Dauer-Wettbewerb ist um den Titel „le plus joli village de France“, das schönste Dorf Frankreichs.

Candes-St. Martin liegt gut 50 Kilometer westlich der Bischofsstadt Tours am Fuße eines Hügels, am Zusammenfluss von Loire und Vienne. Das schmucke Dorf zählt heute etwas mehr als 200 Einwohner und hat eine wehrhafte, hohe Kollegiatskirche. Geweiht ist sie dem heiligen Martin, denn hier endete vor mehr als 1 600 Jahren der irdische Lebensweg des Heiligen – eine der wichtigsten Gestalten der frühen Kirche.

Ein Museum ergänzt demnächst die Anlage

Die Eröffnung eines Museums für moderne Kunst in den einstigen Reitställen, das Fontevrauds Attraktivität weiter steigern soll, hat sich durch die Corona-Pandemie verzögert. Der Textilindustrielle Léon Cligman und seine Gattin haben der Abtei 2018 ihre Sammlung von rund 900 Kunst-Objekten vermacht, unter der Auflage, dass die Region diese dort in einem gesonderten Museum zeigt. Es handelt sich um Gemälde von Toulouse-Lautrec, Corot, Degas, Dufy, Derain, Delacroix, dazu Skulpturen, Zeichnungen und alte Kunstwerke aus Mesopotamien und anderen Erdteilen. In den Stiftungstopf für den Museumsbau haben die beiden Geber fünf Millionen Euro eingelegt, zur Direktorin wurde Dominique Gagneux ernannt, für die Szenographie die Designerin Constance Guisset gewonnen. Neuer Eröffnungstermin für das Museum für Moderne Kunst ist Dezember 2020.

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