Glaubensvielfalt

Citytrip durch die Religionen

Kanadas größte Stadt Toronto bietet eine bunte Glaubenslandschaft.
Kathedrale Saint Michael des Erzbistums Toronto
Foto: Paul Bica (CC BY 2.0) | Die Kathedrale Saint Michael des Erzbistums Toronto besticht durch ihre hohen Buntglasfenster.

Toronto ist die größte und multikulturellste Stadt Kanadas, gelegen am Ontariosee im Südosten des Landes. Da gibt es Viertel wie „Klein-Indien“, „Klein-Italien“, Koreatown, Chinatown. Da erzählt jeder der sieben Millionen Bewohner des Großraums seine eigene Einwanderergeschichte oder die der Eltern oder weiterer Vorfahren. Da findet allein bei jeder Straßenbahnfahrt ein Querschnitt der Völker zusammen. In den Frühzeiten nutzten Indigene die Wälder und Fischgründe. Keimzelle von Toronto war die Gründung von Fort York; am 20. Juli 1793 stationierten die Briten hier ihre erste Garnison.

„Hier werden Messen in über 30 Sprachen gehalten“,
Pfarrer José David Pérez Florez

Der gewachsenen Vielfalt entspricht eine bunte Glaubenslandschaft. Ein Citytrip durch die Metropole der Provinz Ontario ist gleichzeitig eine Reise durch die Religionen. Buddhismus, Hinduismus, Islam, Judentum und die Anglikanische Gemeinschaft sind ebenso vertreten wie Katholiken und Protestanten. Die Christen stellen die konfessionelle Mehrheit. „Hier werden Messen in über 30 Sprachen gehalten“, weiß Pfarrer José David Pérez Florez, der in Toronto die spanischsprachige katholische Gemeinde San Juan Bautista leitet, was „Johannes der Täufer“ bedeutet.

Der Pfarrer ist ein Unikum

Die Kirche San Juan Bautista ist die vielleicht kurioseste der ganzen Stadt – und der 74jährige Pfarrer ein Unikum. In seiner Heimat Kolumbien hatte er einst zwei komplett konträre Berufe irgendwie unter einen Hut gebracht. Er war nicht nur Geistlicher, sondern Hauptmann bei den Streitkräften. Nach seiner Entlassung aus dem Militär folgte er ausnahmslos der christlichen Schiene und kam über eine Zwischenstation in der Karibik vor knapp drei Jahrzehnten nach Toronto. Dort kümmerte er sich lange um die große Pfarrgemeinde Guadalupe, bis er die jetzige, weitaus kleinere San Juan Bautista übernahm. Die Mitgliederzahl beschränkt sich auf 270, doch die Gemeinschaft sei sehr aktiv und in die Vorbereitung und Ausgestaltung von Gottesdiensten eingebunden, stellt der Pfarrer heraus. Nicht fehlen bei den Messen darf die musikalische Begleitung mit Gitarren.

In Außenansicht könnte man die Kirche mit ihrem Backsteingemäuer für ein landläufiges Gotteshaushalten. Weit gefehlt. Beim Eintritt stutzt man. Das Gesicht des riesigen Christusbildnisses, das mit weit ausgebreiteten Armen den Altarraum beherrscht, trägt unverkennbar asiatische Züge. „Den Ursprung der Kirche vor 90 Jahren verdanken wir einer koreanischen Gemeinschaft“, klärt Pfarrer José David auf, für den es selbstverständlich ist, dass man ihn duzt. Die komplette Rückwand hinter dem Christus hat er mit weißem Stoff verhängt, so dass man das Großgemälde nicht sieht, das sein spanischer Vorgänger hatte auftragen lassen. „Als Kunstwerk ist es vielleicht nicht schlecht, aber es passt nicht in den Raum“, urteilt José David. Es entspreche mit weltlichen Motiven wie Iglus und Leuten in einem Boot nicht dem liturgischen Umfeld und lenke Gläubige ab.

Ein etwas anderes Abendmahl

Dagegen schätzt Pfarrer José David jenes farbintensive Ölgemälde, das sich in einer Breite von acht und einer Höhe von eineinhalb Metern über den hinteren Teil des Kirchenraums spannt. Es stammt vom Künstler Guillermo Martínez Canizales (1929-2013), der seine Wurzeln im mittelamerikanischen El Salvador hatte, und zeigt das Letzte Abendmahl – allerdings auf etwas andere Art als allseits gewohnt. Unterlegt vom spanischen Schriftzug „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, sitzt eine bunt gemischte Apostelgesellschaft an der Tafel, zu der ein Farbiger und ein Inka gehören. Den Hintergrund bilden ein Sternenhimmel und eine erleuchtete Skyline, vor der ein abgewandter Judas steht. Martínez Canizales vertrat die Strömung des magischen Realismus, der ihm, wie er einmal in einem Interview bekannte, Möglichkeiten ohne Grenzen eröffnete. Für ihn war die Malerei stets „stumme Poesie“ und sein 2004 entstandenes Monumentalwerk vom Letzten Abendmahl das wichtigste seiner Laufbahn. Dass sein Meisterstück der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist, darf man als bedauerlich empfinden; es würde jedem modernen Kunstmuseum von Weltruf gut zu Gesicht stehen.

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Chinesische Gospelkirche

Die Kirche San Juan Bautista liegt westlich von Chinatown, wo die chinesische Gospelkirche ihren Sitz hat und es nicht weit ist bis zum Buddhatempel Ching Kwok. 1992 wurde dieser begründet und liegt gegenüber vom Alexandra-Park, wo sich Skater auspowern und durch dessen Grün Torontos Wahrzeichen in Sicht liegt, der 553 Meter hohe Fernsehturm CN Tower. Dort nicht versäumen: die Observation Decks in schwindelnden Höhen.

Die in eine Häuserzeile integrierte Fassade des Buddhatempels wirkt unscheinbar, und wer hinein will, muss den Klingelknopf drücken. Doch drinnen entfaltet sich eine erstaunliche Pracht aus golden glänzenden Buddhaskulpturen hinter Vitrinen. Jeder ist hier willkommen – vorausgesetzt, man entledigt sich seiner Schuhe, bevor es die Treppe hinaufgeht. Im Seitenraum links hinter der Eingangstür tauscht man das Schuhwerk gegen Schlappen; zur Wahl stehen Modelle in fein säuberlich angeordneten Größen und Farben wie Hellblau, Lila, Violett. Der Hauptsaal des Heiligtums empfängt mit einem ersten Tisch voller Gaben, Blumen, Äpfel, Mandarinen. Umher wieseln mehrere freundliche Nonnen. Eine von ihnen stellt sich beim Gespräch als Xing Xing Qi vor und ist kahlgeschoren wie alle anderen. Ihre Familie stammte ursprünglich aus China, geboren wurde sie auf den Philippinen. Auf die Frage, warum sie Nonne geworden ist, antwortet sie auf Englisch: „Es gibt so viele Probleme. Ich wollte meinen Kopf frei bekommen.“ Wer mag, kann den Tempel Ching Kwok digital auf Facebook und Instagram besuchen.

Christusmosaik an ukrainisch-orthodoxer Kathedrale

In derselben Straße, der Bathurst Street, führt der Weg nur wenige hundert Meter entfernt zu einer Backsteinkirche mit gedrungenen Doppeltürmen. Die blaugelbe Fahne, die davor weht, ist spätestens seit 2022 durch die Invasion Russlands weltweit bekannt: die der Ukraine. Hier ist die ukrainisch-orthodoxe Gemeinschaft ansässig. Die Kathedrale heißt St. Volodymyr, genauso wie jene in Kiew. Die Fassade ziert ein Christusmosaik.

Über Torontos Innenstadtbild verteilen sich prägnante Sakralbauten wie die Kathedrale St. James und die Holy Trinity-Kirche der Anglikanischen Gemeinschaft. Dagegen kommt zwischen Downtown und „Klein-Indien“ der Hindutempel Sri Maha Ganapathy in bescheidenen Maßen daher. Der Zutritt ähnelt einer Garage, was dem Zulauf keinen Abbruch tut. Drinnen suchen Gläubige vor Bildnissen wie von Lord Shiva und Parvati, der Göttin der Kraft und Liebe, Halt und inneren Frieden. Es riecht süßlich nach Blumen.

Fixpunkte für Katholiken sind die Kirche St. Patrick‘s und die Basilika St. Michael´s, beide mit wunderbaren Raumwirkungen und Fluten aus Buntglasfenstern. Man fühlt sich warm aufgenommen, was in Torontos klirrkalten Wintern eine doppelte Bedeutung bekommt. In St. Patrick‘s ziehen sich Heizkörper in XXL-Format an den Holzbankreihen entlang.

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Andreas Drouve Jesus Christus Johannes der Täufer Katholische Kirchengemeinden Pfarrer und Pastoren Protestanten

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